12 Hörgeräte-Fakten, die Sie kennen sollten

Hörgeräte sind längst nicht mehr so unhandlich wie früher. Wer eine Hörhilfe braucht, was sie bei Tinnitus bewirkt und wie sie eingestellt sein sollte

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 06.11.2015

Hightech-Hörhilfe: Mini-Computer im Ohr

istock/Alex Raths

Hörgeräte sind in manchen Familien ein Reizthema. Die Jungen nervt die Schwerhörigkeit der Älteren, die sich mit Händen und Füßen gegen die Hörhilfe sträuben. Und die Älteren haben Vorbehalte, weil sie vielleicht in früheren Zeiten erlebt haben, wie sich ihre Eltern oder Großeltern mit quietschenden und unhandlichen Apparaten herumschlagen mussten.

1. Wann kommt ein Hörgerät in Frage?

Es gibt klare, mit den Krankenkassen abgestimmte Richtlinien, ab welchen Ergebnissen in Hörtests der Arzt ein Hörgerät verschreiben kann. Das beim Test erstellte Tonaudiogramm zeigt, ob der Patient in dem Frequenzbereich schlecht hört, welcher der menschlichen Stimme entspricht. Dort muss die Hörminderung mindestens 30 Dezibel betragen. Als zweites Kriterium setzen HNO-Ärzte den Freiburger Sprachhörtest ein: Versteht der Patient weniger als 80 Prozent der einsilbigen Wörter, die bei 65 Dezibel Lautstärke vorgespielt werden, deutet das zusammen mit einem auffälligen Tonaudiogramm darauf hin, dass ein Hörgerät nötig ist. Darüber hinaus prüft der HNO-Arzt, ob sich die Schwerhörigkeit nicht auf andere Weise beheben lässt.


2. Lässt das Gehör durch ein Hörgerät schneller nach?

"Nein, genau das Gegenteil ist der Fall", sagt Professorin Kerstin Lamm, HNO-Ärztin aus München. Denn Schwerhörige ohne Hörgerät leiden unter einer Hörentwöhnung: Es kommt mit der Zeit zu einer Rückbildung des Hörnerven, die Weiterleitung ans Gehirn wird immer schlechter.

Außerdem verlernt das Gehirn mit der Zeit, Geräusche und Wörter richtig einzusortieren. Selbst wenn durch ein Hörgerät wieder Höreindrücke im Gehirn ankommen, kann es diese zunächst nicht mehr verarbeiten. Das muss das Gehirn erst wieder lernen.

3. Wie viel hört der Träger noch, wenn er das Gerät abschaltet?

"Unsere Kunden berichten, dass sie abends nach dem Ablegen der Hörgeräte noch besser hören als zu der Zeit, in der sie noch keins hatten", sagt Hörgeräteakustikermeister Thomas Wittmann, der Vizepräsident des Fachverbands Deutscher Hörgeräteakustiker e.V. Das komme daher, dass das Gehör wieder besser trainiert ist. Ein derartiger Trainingseffekt wird auch bei einer Hörtherapie ausgenutzt. Sie hilft Schwerhörigen, sich an die neuen Eindrücke durch das Gerät zu gewöhnen. "Das ist wie Krankengymnastik für das Gehör", erklärt Wittmann.


4. Manche Menschen haben ein "fluktuierendes Gehör", bei dem sie mal besser, mal schlechter hören. Woran liegt das?

"Am häufigsten liegt eine Tubenfunktionsstörung vor, zum Beispiel durch chronische Nasennebenhöhlenentzündungen", sagt Lamm. Die Tube, auch Eustachische Röhre genannt, belüftet das Mittelohr und sorgt für den Druckausgleich. Ist sie lädiert, wird das Mittelohr nicht ausreichend belüftet. Je nachdem, wie zugeschwollen die Tube ist, entsteht ein mehr oder weniger starker Unterdruck im Mittelohr, der die Schallweiterleitung behindert. "Typischerweise haben diese Patienten auch Probleme mit dem Druckausgleich, zum Beispiel beim Fliegen", erklärt Lamm.

5. Wie wird eine Hörhilfe eingestellt?

"Das ist die Kunst des Hörgeräteakustikers", sagt Wittmann. Als objektive Kriterien für das Hörvermögen hat der Akustiker das Tonaudiogramm, das die Hörschwelle bei verschiedenen Frequenzen bestimmt. Und er misst, bei welcher Lautstärke der Kunde Sprache versteht. Daneben versucht der Akustiker, das Gerät den Bedürfnissen des Betreffenden anzupassen.

6. Welche Kriterien gibt es für die Auswahl des Hörgeräts?

"Der Patient sollte nicht nach dem Preis entscheiden, sondern danach, mit welchem Gerät er im Alltag am besten zurecht kommt", sagt Lamm. Die persönliche Situation ist wichtig: "Für eine alleinstehende ältere Dame, die zwei Stunden am Tag mit ihren Kindern telefoniert, sind Hörsysteme ideal, die direkt mit dem Telefon gekoppelt werden können", verdeutlicht Wittmann. "Der Musikliebhaber, der zweimal die Woche ein Konzert besucht, braucht Hörsysteme mit Musikprogrammen." Denn andernfalls versucht das Gerät die Musik herauszufiltern, weil es keine Sprache ist.


7. Welche Rolle spielt der Preis?

"Inzwischen sind Hörgeräte jeder Preisklasse klein und leicht", sagt Lamm. Der Preis entscheidet eher darüber, wie leistungsfähig der Computer des Hörgeräts ist und wie viele Mikrofone eingebaut sind. "Teure Hörgeräte bieten mehr Komfort", ergänzt Wittmann. Zum Beispiel eine Fernbedienung und eine automatische Lautstärkeregelung. Oft reichen aber auch auch günstigere Geräte aus – je nach individuellen Ansprüchen.

Billig-Hörhilfen aus dem Internet beurteilen Experten eher kritisch. Viele Schwerhörige reagieren sehr empfindlich bei hohen Lautstärken, oft liegt ihre Unbehaglichkeitsschwelle bereits bei 80 bis 90 Dezibel. Bei günstigeren Geräten lässt sich diese Schwelle nicht immer einstellen, sondern sie verstärken zum Beispiel unkontrolliert Geräusche auf bis zu 120 Dezibel. Wittmann: "Das kann auf Dauer das Gehör schädigen."

8. Kann ein Hörgerät einen Tinnitus verbessern?

"Das ist eine wichtige Frage, denn viele Schwerhörige haben einen Tinnitus", sagt Wittmann. Oft gebe es genau im Frequenzbereich des Ohrensausens auch die größte Hörschwäche. Dann bewirkt das Ausgleichen der Schwerhörigkeit in diesem Bereich meist, dass sich der Tinnitus verbessert. Je mehr Höreindrücke der Patient wahrnimmt, die den Tinnitus übertönen, und je weniger er an das lästige Ohrgeräusch denkt, desto leiser wird es in der Regel.

9. Was sind Tinnitus-Noiser?

Noiser sind inzwischen in vielen Hörsystemen ein fester Bestandteil. Angeschaltet erzeugen sie in der betroffenen Frequenz ein Rauschen, das den Tinnitus übertönt. Mit der Zeit nimmt der Patient das Rauschen weniger wahr, weil das Gehirn das Geräusch ausblendet. "Ähnlich wie das Ticken einer Uhr, das man irgendwann nicht mehr bewusst hört", sagt Wittmann.


10. Kann man selbst einen Hörverlust erkennen?

"Betroffene merken den Hörverlust oft nicht selbst und kompensieren ihn, indem sie zum Beispiel Radio und Fernseher lauter stellen", warnt Wittmann. Sie unterstellen häufig ihren Bekannten, dass sie undeutlich sprechen. Die Familienmitglieder erkennen die Schwerhörigkeit oft zuerst. "Nehmen Sie Ihre Angehörigen ernst, wenn sie Ihnen sagen, dass Sie schlecht hören", rät Wittmann. "Und gehen Sie vorsorglich ab dem 50. Lebensjahr einmal jährlich zum Hörtest."

11. Sollte man beide Ohren mit einem Hörgerät versorgen oder nur eines?

Heutzutage werden, wenn nötig, immer beide Ohren versorgt. "Wer schlecht sieht, erhält auch nicht nur ein Monokel", sagt Lamm. "Eine einseitige Hörkorrektur bringt das Gehirn durcheinander, das ist für die zentrale Hörverarbeitung eine Katatstrophe." Nur durch beidseitiges Hören lässt sich die Richtung von Geräuschen erfassen – beispielsweise von einem fahrenden Auto. "Wenn man nur ein Ohr versorgt, lässt das Hörvermögen des anderen überproportional nach. So wie bei einem Bein im Gips, das man nicht bewegen kann", sagt Wittmann.

12. Ist Sport erlaubt, zum Beispiel Schwimmen?

Generell sind Hörgeräte sehr robust, sie müssen Schweiß, Ohrenschmalz und Wärme ertragen. Schwimmen kann man allerdings nur mit wasserdichten Hörsystemen. "Auch wenn ein Kunde sehr stark schwitzt, empfehle ich ihm so ein Hörgerät", meint Wittmann. Lamm warnt, dass beim Sport ein Verlust oft nicht sofort bemerkt wird, weil die Geräte so leicht sind.



Bildnachweis: istock/Alex Raths

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