Übergewicht: Gefahr für die Nieren

Nieren arbeiten in der Regel still vor sich hin. Lässt ihre Funktion nach, ist das zunächst kaum spürbar. Übergewicht und andere Risikofaktoren gefährden das wichtige Organ

von dpa, aktualisiert am 09.03.2017

Die Nieren – hier rot dargestellt – haben zahlreiche Aufgaben

istock/decade3d

Nieren entgiften, bilden Urin und regeln den Blutdruck. Unter anderem. Und doch spürt man die lebenswichtigen Organe im unteren Rücken in der Regel ein Leben lang nicht. Auch nicht, wenn sie schon krank sind. Nieren haben wenig Schmerzfasern, rufen für sich genommen keine Symptome hervor – ganz anders als etwa das Herz bei einem Infarkt. Genau hier liegt die Gefahr. Nach einer Studie eines Teams um den Hallenser Nierenspezialisten Matthias Girndt weiß nicht einmal jeder dritte Betroffene in Deutschland, dass seine Nieren nur noch eingeschränkt funktionieren.


Zum Weltnierentag am 9. März warnen Mediziner vor dem gefährlichen Wechselspiel von Nierenerkrankungen und Übergewicht. Denn bei übergewichtigen Menschen kommen oft mehrere Risikofaktoren für Nierenversagen zusammen. Einer davon ist Bluthochdruck. Weil die Nieren als Filter für Giftstoffe im Körper über zahlreiche, sehr feine Blutgefäße verfügen, nehmen sie bei zu hohem Druck Schaden.


Vergleichbare Schäden entstehen bei dauerhaft erhöhtem Blutzucker bei Diabetes, was ebenfalls bei Übergewichtigen verbreiteter ist. "Diabetes und Bluthochdruck sind je für 20 bis 30 Prozent aller chronischen Nierenerkrankungen verantwortlich", sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), Mark Dominik Alscher. Er arbeitet am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart.

Überflüssige Pfunde belasten die Nieren

Zu viel Körperfett wirke sich nach neueren Erkenntnissen auch direkt schädigend auf die Nieren aus: Grund seien Entzündungsreaktionen im Fettgewebe von massiv Übergewichtigen, so Alscher. Dabei litten die Nieren schleichend, ihre Funktion lasse im Schnitt über eine Zeit von 10 bis 15 Jahren immer weiter nach. Noch ein paar Jahre mehr und Patienten sind auf Dialyse angewiesen. In der Regel wird die aufwendige Blutwäsche bei Nierenversagen fällig, wenn die Organfunktion auf unter zehn Prozent sinkt. Rückgängig machen lassen sich Nierenschäden nicht. Und an Spenderorganen mangelt es.

In Deutschland leben nach einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) immer mehr Übergewichtige. Betroffen sind demnach vor allem Männer, von denen rund drei Viertel am Ende ihres Berufslebens als übergewichtig gelten.


Angesichts der heutigen Vielzahl übergewichtiger und adipöser Kinder im Vergleich zu früheren Generationen zeichnen Nierenspezialisten ein düsteres Bild: "Das ist eine ganz große Gefahr. Ich sehe das mit großer Sorge", sagte Matthias Girndt vom Uni-Klinikum der Universität Halle-Wittenberg. "Wer als Jugendlicher adipös ist, wird es selten wieder los."

Schon jetzt seien in den westlichen Industrienationen 8 bis 15 Prozent der Bevölkerung nierenkrank, sagt Alscher. "Aber das wird zunehmen." Im Frühstadium werden Nierenerkrankungen oft nur durch Zufall entdeckt. Viele wissen um die Bedeutung von Cholesterinwerten. Der Kreatininwert aber, der über die Nierenfunktion Aufschluss gibt, ist weithin unbekannt.

Frühe Diagnose von Nierenkrankheiten ist wichtig

Weil Diagnosen oft so spät gestellt werden, haben Betroffene in der Regel bereits mannigfaltige Gesundheitsprobleme. Betroffen sein können etwa das Herz-Kreislaufsystem, die Lunge und die Knochen. Wird ein Nierenschaden rechtzeitig behandelt, so sehen sich Mediziner heute aber eher in der Lage, das Fortschreiten mit Medikamenten zu bremsen, wie Alscher erläutert. Girndt betont: Bei familiärer Belastung mit Diabetes, bei Übergewicht und Blutdruck-Problemen, gelte es, auch an die Nieren zu denken.

"Wir sollten die Krankheitsgruppe deutlich ernster nehmen und auch in der Öffentlichkeit das Bewusstsein schärfen, neben dem Cholesterin auch das Kreatinin zu bestimmen", fordert Alscher. Die günstigste Testmethode, sagt er, koste nur ein paar Cent.



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