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Placebos: Wie Tabletten ohne Wirkstoff trotzdem helfen

Placebos sind Arzneimittel ohne echte Wirkstoffe. Trotzdem setzen sie Ärzte bei Krankheiten erfolgreich ein. Lesen Sie hier, warum manche Scheinmedikamente so gut funktionieren


Medikament oder Placebo? Auf die Wirkung kommt es an

Placebos nennt man Scheinmedikamente, die keinen speziellen Wirkstoff enthalten – zumindest keinen gegen die Krankheit, die sie kurieren sollen. Meist handelt es sich bei ihnen um völlig harmlose Zuckerpillen und Kochsalzlösungen. Dennoch können sie wie echte Medikamente Krankheitssymptome deutlich bessern, wenn der Patient an ihre Wirksamkeit glaubt.


Nachgewiesener Effekt

Lange Zeit hieß es, die Wirkung beruhe nur auf Einbildung der Patienten. Das ist inzwischen widerlegt. „Der Placebo-Effekt ist ein messbarer neurobiologischer Vorgang“, sagt Dr. Karin Meißner. Sie forscht am Institut für Psychologische Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zu den Wirkungsweisen von Placebos. Dank moderner Untersuchungsmethoden lässt sich die Wirkung der Scheinmedikamente auf das Gehirn nachverfolgen.

Bei Schmerzen ist der Effekt inzwischen recht gut erforscht. So können Placebos bei Schmerzpatienten unter bestimmten Bedingungen im zentralen Nervensystem zu einer Ausschüttung von Endorphinen führen. Diese lindern die Schmerzen. Meißner vermutet, dass das Schlucken der Präparate beim Patienten bestimmte Assoziationen auslöst, die wiederum die erhöhte Produktion zur Folge haben.

Wirkung auf die inneren Organe noch wenig erforscht

Einen ähnlichen Effekt konnte ein Forscherteam an der kanadischen Universität Vancouver bei Parkinson-Patienten nachweisen: Die Wissenschaftler gaben Patienten ein Placebo mit dem Versprechen, das Mittel werde die Motorik verbessern. Anschließend erhöhte sich bei den Versuchspersonen tatsächlich die Koordination. Die Basalganglien im frontalen Kortex, die an der Steuerung von Bewegungsvorgängen beteiligt sind, schütteten dabei verstärkt den Botenstoff Dopamin aus, an dem es bei Parkinson mangelt.

Ein wichtiges, wenn auch bislang weniger gut erforschtes Feld ist die Wirkung auf die inneren Organe. Magenaktivität und Blutdruck lassen sich beispielsweise mit Placebos durchaus beeinflussen. Doch wie und in welchem Umfang, müssen zukünftige Studien erst noch zeigen. Allerdings: „Placebos reichen als alleinige Behandlungsmethode bei Bluthochdruck sicher nicht aus“, hält Meißner fest.


Außerdem beeinflussen viele Faktoren den Placebo-Effekt. Wichtig sind Persönlichkeit und Vorerfahrungen des Patienten. Hat er wenig Vertrauen in Arzt und Therapieverfahren, wirkt auch das Placebo schlechter. Das Gegenteil ist meist der Fall, wenn er eine höhere Erwartungshaltung mitbringt. Dann hilft das wirkstofflose Präparat besser. Optimisten sind also klar im Vorteil.

„Diese Effekte gibt es nicht nur bei Placebos, sondern bei vielen Medikamenten und Therapien“, erklärt Meißner. Erwartet der Patient von einer echten Arznei eine Besserung seines Zustands, wirkt es tendenziell auch besser. Die Psyche beeinflusst also, wie Medikamente wirken – in beide Richtungen. So kann das Auftreten von unerwünschten Nebenwirkungen zum Teil auch auf negativen Erwartungen beruhen.

In der Grauzone

Placebos sind kein Randthema im medizinischen Alltag. Aus der Befragung von 400 niedergelassenen Ärzten in Bayern weiß Placeboforscherin Meißner, dass 80 bis 90 Prozent von ihnen mehrmals im Jahr Therapien verschreiben, an deren Wirksamkeit sie selbst nicht glauben. Oft hat die Verwendung von Placebos pragmatische Gründe. Manche Patienten möchten unbedingt ein Medikament gegen ihre Beschwerden verschrieben bekommen – ob es für die nun eine anerkannte Behandlungsmethode gibt oder nicht. Die scheinbaren Arzneien bieten hier eine Möglichkeit. Diese Praxis ist allerdings nicht unproblematisch, weil sie im Konflikt mit der ärztlichen Aufklärungspflicht stehen kann.

Meißner rät Ärzten deshalb, mit Patienten offen über das Thema zu sprechen. Sie also darüber aufzuklären, dass es sich bei dem Präparat um ein Placebo ohne wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkstoff gegen diese spezielle Erkrankung handelt, es aber dennoch bei vielen hilft. Entgegen der weit verbreiteten Meinung können Placebos nämlich auch wirken, wenn den betreffenden Personen bewusst ist, dass es sich um solche handelt.



Stephan Soutschek / www.apotheken-umschau.de; 15.11.2011
Bildnachweis: istock/skynesher

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