Medizin aus den Zauberpflanzen

Tollkirsche, Bilsenkraut und Alraune schrieben die Menschen früher magische Käfte zu. Heute wissen Forscher: Dahinter steckt mehr als nur Hokuspokus

von Sonja Gibis, aktualisiert am 08.02.2016

Bilsenkraut diente angeblich Hexen als Rauschmittel

Mauritius Images/Nature picture library

Wer eine Alraune ausgraben will, lebt gefährlich. Denn das machtvolle Gewächs lässt sich nicht ohne Gegenwehr ernten. Löst sich die Wurzel aus der Erde, soll sie einen tödlichen Schrei ausstoßen. Mittelalterliche Schriften raten daher, einen schwar­zen Hund an die Pflanze zu binden. Ihn lockt man, bis er die Wurzel herauszieht. Zauberlehrling Harry Potter kennt einen anderen Trick: beim Ausgraben Ohrenschützer tragen.

Magische oder göttliche Kräfte werden Pflanzen wohl seit Menschengedenken nachgesagt. Um einige rankten sich dabei geradezu fantastische Legenden. "Die wohl mächtigste Zauberpflanze war die Alraune", erzählt Professor Karl Knobloch.


Hexengewächs Alraune enthält psychoaktive Stoffe

In seiner aktiven Forscherzeit lehrte der Pharmazeut und Biologe an der Universität Erlangen-Nürnberg. Heute spürt Knobloch in seiner Freizeit unter anderem dem Geheimnis der Hexenpflanzen nach.

Zum Beispiel dem der Mandragora, wie die Alraune auch heißt. Ein Grund dafür, dass man das Mittelmeer-Gewächs verehrte und fürchtete, war die Form seiner Wurzel, in der man eine Menschengestalt erkannte. Wer ein solches Männlein besaß, hütete es wie einen Schatz, wickelte es in Seide und legte es in ein edles Kästlein.

Doch die Magie der Mandragora ist mehr als falscher Zauber. "Das Gewächs enthält Alkaloide", erklärt Knobloch. Viele dieser sekundären Pflanzen­stoffe, zu denen das Morphin aus dem Schlafmohn gehört, sind stark giftig. Gering dosiert, wirken sie aber auch als Arznei. Einige davon sind zudem psychoaktiv und können die Sinne umnebeln. In der An­tike diente Alraunen-Wein als Narkosemittel.

Berauscht von Tollkirsche und Stechapfel

Zu Beginn der Neuzeit, als der Hexenwahn wie eine Seuche um sich griff, fand man die Alraune in Rezepten teuflischer Tränke und Salben. Zutaten waren oft weitere Nachtschattengewächse, zum Beispiel Tollkirsche, Bilsenkraut und Stechapfel. "Die Schmier", wie man die Hexe auch nannte, nutzte die Salbe etwa, um damit ihren Besen einzureiben, manchen Berichten zufolge auch Schläfen und Scham.

"Alkaloide werden über die Haut gut aufgenommen", berichtet Knobloch. Bekannt ist außerdem: Immer wieder kommt es durch alkaloidhaltige Drogen zu Todesfällen, weil die Berauschten glauben, fliegen zu können. Der Besenritt zum Hexensabbat – ist er also nur ein schlechter Drogentrip? "Vieles spricht dafür", sagt der Pharmazeut. Manche bezeichnen die Nachtschattengewächse sogar als "Modedrogen des Mittelalters". 

Benebelt durch Bier mit Bilsenkraut

Bekannt ist jedenfalls, dass sich nicht nur die angeblichen Hexen damit berauschten. Eine beliebte Zutat in dem einst recht dünnen Bier waren Bilsenkraut-Samen. Vermutlich verdankt etwa das Pils seinen Namen dem "Pilsenkraut", wie man früher auch schrieb. In Bayern untersagte das Reinheits­gebot im Jahr 1516 den benebelnden Zusatz. 

Wer heute vom Arzt Wirkstoffe aus Nachtschattengewächsen erhält, muss indes keinen Drogenrausch fürchten. In der richtigen Dosis verabreicht, sind sie in der modernen Medizin unverzichtbar. Etwa das Alkaloid Scopolamin. "Es hilft bei Reisekrankheit gegen Erbrechen", erklärt Angelika Vollmar, Professorin für pharmazeutische Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Atropin aus der Tollkirsche hemmt in der Narkose den Speichelfluss. Augen­ärzte nutzen es zudem, um die Pupillen zu erweitern. Eine Wirkung, die der Pflanze den Namen "Belladonna", also "schöne Frau", verlieh. Edle Damen sollen den Saft der Tollkirsche früher verwendet haben, um die Augen dunkel und geheimnisvoll erscheinen zu lassen.

Mutterkraut gedeihte zur Zeit der Hexenverfolgung

Wichtig für die moderne Medizin ist auch ein weiteres Gewächs, das einst manche vermeintliche Zauberin das Leben gekostet haben dürfte: das Mutterkorn. "Das Klima ließ den Pilz damals gut gedeihen", erzählt Knobloch. Denn das Wetter der frühen Neuzeit war kühl und feucht. Klima­forscher sprechen von der "Kleinen Eiszeit". Nicht nur die Ernten waren schlecht, in die Glieder vieler Menschen fuhr ein schmerzendes Feuer. Die ­Betroffenen hatten Krämpfe, Finger und Zehen starben ab.

Heute weiß man, dass die Ursache im Getreide steckte. Das Mutterkorn, ein dunkler Schlauchpilz, wächst in den Ähren und kann zu schweren Durchblutungsstörungen führen. Die Vergifteten wirkten ­zudem wie besessen. Das musste mit dem Teufel zugehen! Die Hexen waren wohl öfter der Sündenbock.

Farbexplosionen bei Mutterkorn-Experimenten

Doch auch die medizinische Wirkung des Mutterkorns war schon früh bekannt. So wussten Hebammen, dass es Wehen verstärken kann. Kein Hokuspokus waren zudem die Halluzinationen der Vergifteten: Ende der 1930er-Jahre isolierte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann aus dem Pilz Lyserg-Säure und entwickelte sie zu Lyserg-Säure-Diethylamid weiter. Beim Hantieren mit den Stoff wurde ihm schwindelig. Er sah Farbexplosionen – es war der erste LSD-Trip der Geschichte.

Andere Mutterkorn-Alkaloide haben eine weniger spektakuläre Karriere gemacht. "Sie werden bei Migräne eingesetzt, bei Parkinson und Durchblutungsstörungen", sagt Pharmazeutin Vollmar.

Weist die äußere Form auf die Heilkraft hin?

Doch auch zur Zeit des Hexenglaubens galt nicht jede Zauberkraft der Natur als Teufelswerk. In der von Gott geschaffenen Natur suchten Gelehrte nach Zeichen, sogenannten Signaturen, die auf die richtige Verwendung einer Pflanze hinweisen sollten. "Die Natur zeichnet ein jegliches Gewächs zu dem, dazu es gut ist", schreibt etwa der Arzt und Mystiker Paracelsus. Glichen die Blätter eines Gewächses der Lunge? Dann musste es wohl bei Atemproblemen helfen. Ob "Leberblümchen" oder "Augentrost": Viele Pflanzennamen verweisen noch heute auf die einst vermutete Wirkung.

Unheimlich waren den Menschen dagegen Pflanzen, die sich wie die Farne scheinbar ohne Samen vermehrten. So glaubten sie, dass Farnsamen unsichtbar mache. Bekommen konnte man ihn vom Teufel, ­etwa indem man sich ihm verschrieb. Doch die Kräfte des Farns sind mehr als Hokuspokus. So wurde der Wurmfarn eingesetzt, um lästige Parasiten loszuwerden. "Die Inhaltsstoffe können Darmwürmer lähmen", sagt Vollmar. Allerdings kam es bei der Behandlung oft zu Vergiftungen. Der Wurmfarn ist daher aus der modernen Medizin verschwunden.

Nur im Gesamtpaket wirken die Substanzen

Bei anderen Zauberpflanzen sind Forscher indes erst dabei, die volle Wirkkraft zu ergründen. "Das Potenzial der Pflanzen ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft", sagt Vollmar. Bei manchen Stoffen wie dem Anti-Gichtmittel Colchicin aus der Herbstzeitlose erschließen Wissenschaftler gerade neue Anwendungsgebiete. Andere Substanzen warten darauf, erforscht zu werden. "Wir haben viele inte­ressante Naturstoffe in der Schublade", ergänzt er.

Gelegentlich ist es in der Pflanzenheilkunde allerdings wie verhext: Isoliert man die Substanzen und verabreicht sie einzeln, kann das die Wirksamkeit verringern. Ihre volle Kraft entfaltet die Pflanze nur, wenn man sie ganz oder Teile von ihr verwendet. Forscher vermuten ein Zusammenspiel der Inhaltsstoffe. Preisgegeben haben die Heilpflanzen dieses Geheimnis bisher noch nicht.



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