Magengeschwüre: Ein Keim als Übeltäter

In den meisten Fällen löst der Keim Helicobacter pylori ein Magengeschwür aus. Wie Ärzte dem Bakterium auf die Spur kommen und wie man ihn wieder loswird

von Dr. Christian Heinrich, aktualisiert am 23.12.2015

Harmlos oder Magengeschwür? Häufiges Bauchweh vom Arzt abklären lassen

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An  einem Julitag des Jahres 1984 tut der australische Mediziner Barry Marshall etwas, das ihn später weltberühmt machen wird: Er führt eine Suspension mit Helicobacter pylori an den Mund – und schluckt die Bakterienkulturen hinunter. Was er in den Monaten zuvor in Tierversuchen nicht geschafft hat, will der Mikrobiologe nun an sich selbst beweisen: dass der Keim Helicobacter pylori, kurz H. p., beim Menschen für Magenentzündungen und -geschwüre verantwortlich ist. Das sei unmöglich, hieß es in der Fachwelt bis dahin. Die Magensäure sei viel zu sauer, als dass ein Bakterium dort überleben, geschweige denn Schaden anrichten könne.

Doch nur drei Tage nach der Einnahme der Keime ist Marshall ständig übel, seiner Mutter fällt auf, dass er Mundgeruch hat. Noch ein paar Tage später beginnt er, sich zu über­geben. Eine Magenspiegelung zeigt: Die Keime haben bei ihm eine schwere Magenentzündung ausgelöst, eine Gastritis. Mehr als 20 Jahre später, im Jahr 2005, bekommen Marshall und sein Kollege John Robin Warren für ihre Entdeckung den Medizin-Nobelpreis verliehen.


Erst allmählich fanden Forscher in den Jahren nach dem ungewöhnlichen Selbstversuch heraus, mit welcher Raffinesse sich der in den 1980er-Jahren entdeckte Keim in der lebensfeindlichen Umgebung im Magen behauptet. "Helicobacter pylori hüllt sich in eine Art Mäntelchen aus Ammo­niak und schützt sich so gegen die aggressive Magensäure", erläutert Professor Peter Galle, Direktor der I. Medi­zinischen Klinik und Poli­klinik der Universitätsmedizin Mainz. Darüber hinaus greifen viele H. p.-Stämme die Magenwand an und führen so eine Gastritis herbei. In den tieferen Schichten der nun geschädigten Wand lassen sich die Keime dauerhaft nieder.

Ab 60 steigt das Risiko deutlich

Vor einem solchen Angriff kann sich der Körper kaum schützen. Ist der Keim einmal im Magen, setzt er sich dort in den meisten Fällen auch fest. Menschen jeden Alters seien anfällig gegenüber H. p., sagt Galle. Allerdings komme es bevorzugt bei über 60-Jährigen zu Geschwüren, die tief in die Magenwand hineinreichen. "Viele Menschen haben in diesem Alter bereits mit Durchblutungsproblemen zu kämpfen. Und je schlechter die Magenwand durchblutet wird, desto weniger resistent ist sie gegenüber H. p. Hinzu kommen in dieser Altersgruppe ­häufiger magenschädliche Medikamente wie Schmerzmittel", erläutert der Experte.

Am sinnvollsten wäre es also zu verhindern, dass H. p. überhaupt in unseren Körper gelangt. Doch das ist nur begrenzt möglich. Obwohl bislang noch immer nicht abschließend geklärt ist, wie genau H. p. übertragen wird, deutet alles darauf hin, dass es in der westlichen Welt oral-oral geschieht. Viel lässt sich also kaum tun.

30 Millionen Deutschen tragen den Keim

Wie verbreitet H. p. auch heute noch ist, zeigt die Infektionsrate: Jeder Zweite weltweit be­herbergt in seinem Magen die Keime, schätzen Mediziner. Dabei fällt die Rate den Wissenschaftlern zufolge in Entwicklungsländern noch höher aus, während sie in Industrienationen langsam sinkt. In Deutschland wird die Zahl auf rund 30 Millionen geschätzt.

In den meisten Fällen ruft der Keim lange ­keine Symptome hervor. "Selbst eine Magenentzündung verursacht nur gelegentlich Oberbauchschmerzen. Häufig läuft sie völlig unbemerkt ab", sagt Galle. Mithilfe eines einfachen Atemtests lässt sich H. p. diagnostizieren: Dabei trinkt man einen Saft mit markierten Kohlenstoffatomen, die man kurz danach in der Atemluft nachweisen kann. Sichern lässt sich die ­Diagnose dann mit einer Probenentnahme ­während einer Magenspiegelung. Der Test wird bislang jedoch nur durchgeführt, wenn der Pa­tient Beschwerden hat.

Normalerweise leben die Keime viele Jahre unbemerkt im Magen. Nicht selten bleiben sie lebenslang unauffällig. Beschwerden führen Patienten meist erst zum Arzt, wenn Helicobacter pylori umfassende Schäden angerichtet hat. "Der Keim kann sich im Laufe der Zeit in der Magenschleimhaut ausbreiten und schließlich Schleimhautdefekte hervorrufen", sagt Galle. Wenn es auch in tieferen Schichten der Magenschleimhaut zu einer Entzündung kommt, können Geschwüre entstehen, sogenannte Ulzera. Die Schleimhaut ist dann in diesen Abschnitten umfassend geschädigt. Frisst sich ein Geschwür durch die Wand des Organs, ­gelangt Magensäure in die Bauchhöhle: Eine lebens­gefährliche Entzündung kann die Folge sein. Bei einem solchen "Durchbruch" ist eine Operation nicht zu umgehen.

Medikamente schlagen schnell an

Normalerweise treten schon vorher Symptome auf. "Bei ausgeprägten, länger andauernden Mittel- und Oberbauchbeschwerden empfehlen wir heute meist eine Magenspiegelung", sagt Galle. Nicht immer findet man dann krankhafte Veränderungen, und wenn doch, ist nicht in allen Fällen eine Infektion mit Helicobacter pylori die Ursache. So können auch bestimmte Schmerzmittel, sogenannte nicht­­steroidale Antirheumatika, Geschwüre hervorrufen, die oft erst erkannt werden, wenn sie zu Komplikationen wie einer Magenblutung führen. Rauchen spielt ebenfalls oft eine Rolle.

In den häufigsten Fällen aber wird tatsächlich H. p. als Übeltäter für die Beschwerden ausfindig gemacht. Für die Patienten eigentlich ein Glücksfall. Denn die Infektion und die durch den Keim ausgelösten Schäden lassen sich inzwischen gut behandeln. Dabei setzen Ärzte auf eine Medikamenten-Kombination, die bereits nach kurzer Zeit gut anschlägt. Doch nicht jeder, dessen Magen mit den Keimen besiedelt ist, benötigt eine Therapie. Behandelt wird jedoch immer, wenn die Magenwand angegriffen ist – und meist auch dann, wenn weitere Risikofaktoren für eine Gastritis oder ein Geschwür vorliegen, wie die Einnahme von Schmerzmitteln oder Rauchen.

Geschwür heilt etwa einen Millimeter pro Tag

"Jede Infektion sollte therapiert werden", meint hingegen Professor Joachim Labenz, Chefarzt am Jung-Stilling-Krankenhaus in Siegen. Ein Träger des Keims könne schließlich jederzeit schwer erkranken. Außerdem reduziere eine ­erfolgreiche Behandlung das Risiko für andere Menschen, ebenfalls befallen zu werden. "Mit einer Vierfachtherapie geht man heute in den allermeisten Fällen erfolgreich gegen H. p. vor", sagt Labenz. Während sich dabei zwei oder drei Antibiotika gegen die H. p.-Bakterien richten und sie nach einigen Tagen meistens völlig beseitigen, sorgt ein Protonenpumpenhemmer dafür, dass die Magensäure vorübergehend weniger sauer und damit weniger aggressiv ist. "Das gibt den Zellen in der Magenwand die Chance, sich zu erholen", sagt Galle.

Waren die Magengeschwüre weiter ausgedehnt, hilft es in der Regel, den Protonenpumpenhemmer länger zu geben. Allerdings muss man bei der Therapie mit Nebenwirkungen rechnen. "Wir haben eine ziemlich verlässliche Faust­regel: Ein Ulkus heilt etwa einen Milli­meter pro Tag", sagt Galle. Es ist eine beeindruckende Leis­tung der Selbstheilungskräfte des Körpers. Noch schneller, als die Magenschleimhaut befallen wurde, erholt sie sich wieder vollständig.



Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Bananastock LTD

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