Riskante alternative Therapien bei Krebs

Ein Reporter hat sich als Krebspatient ausgegeben, um Alternativpraxen zu testen. Das Ergebnis ist erschreckend. Die empfohlenen Therapien könnten das Leben kosten

von Hristio Boytchev, Correctiv.org, aktualisiert am 12.02.2016

Den Krebs durch Handauflegen besiegen – mit Hilfe einer „Geistheilung“?

Andreas Labes

Hallo, mein Name ist Niko Scholze, ich bin 33 Jahre alt und habe Krebs. Genauer: Ein Hodgkin-Lymphom, einen Tumor, der die Lymphknoten befällt. Vor einem Jahr habe ich eine Chemotherapie gemacht, der Krebs verschwand, doch nun ist er zurückgekehrt. Mein Arzt drängt auf eine neue Chemotherapie.

Ein gut behandelbarer Tumor als Testfall

Das ist zum Glück nur ausgedacht. An Krebs leide ich nur, um Deutschlands Alternativmediziner auf die Probe zu stellen. Was raten Geistheiler und Neugermanische Doktoren, Schamanen und Heilpraktiker einem, der mit einem aggressiven, aber von Schulmedizin gut behandelbaren Tumor zu ihnen kommt?

Um das herauszufinden, reisen wir zusammen mit Claudia Ruby, die sich als meine Studienfreundin ausgibt, quer durch die Republik. Die Journalistin hat für ihren Dokumentarfilm "Krebs – Geschäft mit der Angst" die Besuche organisiert, auch einen Diagnosebrief, den wir immer vorlegen.


Die Reise beginnt in Öhringen, einem Städtchen im Norden von Stuttgart, wo die Heilpraktikerin Ursula Stoll ihre Patienten nach der "Germanischen Neuen Medizin" behandelt. Begründet wurde die Lehre von einem gewissen Ryke Geerd Hamer Anfang der 1980er Jahre, als Reaktion auf die "jüdische" Schulmedizin. Mehrere von Hamers Patienten starben. 2007 floh er vor den Behörden – nach ihm wird international gefahndet – nach Norwegen, wo er bis heute als Rektor einer Scheinuniversität auftritt.

Rat gegen Krebs: Umziehen

Glaubenskern der Germanischen Neuen Medizin: Krankheiten sind Ausdruck eines inneren Konflikts. Ein Hirsch, der aus seinem Revier verdrängt wird, erhöht den Blutdurchfluss zum Herzen, um Kraft zu haben und sein Gebiet zurückzuerobern. Dem Mensch ergeht es ähnlich, wenn er eine Erniedrigung erlebt. Doch er kann seine aufgestaute Energie nicht, wie das Tier, im Kampf freisetzen. Die sinnvolle Überschussreaktion führt zum Herzinfarkt.

Die meisten Heiler, die sich der Germanischen Neuen Medizin verschrieben haben, werben nur in einschlägigen Foren, Ursula Stoll jedoch ganz offen auf ihrer Website praxis-neue-medizin.de. Stoll praktiziert in einem unscheinbaren Einfamilienhaus, sie trägt ein weißes Hemd und eine Hornbrille, die braunen Haare zum Zopf zusammen gesteckt, eine akkurate Gouvernante mit strengem Blick.

Ich fange an, von meiner Krankheit zu erzählen. Stoll unterbricht mich schnell: "Was ist Krebs?", fragt sie. Ich habe erstmal nur eine Schwellung der Lymphknoten am Hals. Punkt. Die Ursache: Eine Selbstabwertung, und zwar beruflicher Art. Ich erzähle ihr von einem Vortrag, der meinem Chef nicht gefallen hat. Ja! Das könne der Grund für die Krebserkrankung sein. Mein Körper versuche, sich selbst zu heilen, doch die erste Chemotherapie habe den Vorgang unterbrochen.

Ihr Rat, um den Krebs zu besiegen: Ich soll wieder zu meinen Eltern ziehen, das Leben als Single überfordere mich, Berlin sei ohnehin eine furchtbare Stadt. Und ich soll lernen, mich selbst zu lieben. Was ist mit der Chemotherapie? "Ich persönlich würde das nicht machen", sagt sie, "und für meine Kinder und meine Eltern würde ich genauso entscheiden."


Weich formuliert, um keine Verantwortung zu tragen

Eine windelweiche Formulierung, die mir immer wieder begegnet – mit der sich die Heiler aus der rechtlichen Verantwortung stehlen wollen. Denn Niko Scholze wäre an diesem Rat gestorben. Hodgkin ist heilbar, eine Paradeerkrankung für die Schulmedizin, eine Chemotherapie ist die einzig sinnvolle Option. Macht man sie nicht, stirbt man wahrscheinlich.

Maia Steinert, Fachanwältin für Medizinrecht in Köln, hat oft die Hinterbliebenen von Kranken vertreten, die sich in ihrer Not an Alternativmediziner gewandt hatten. Wer einem jungen Menschen mit Heilungschancen von über 50 Prozent von einer rettenden Therapie abrät, mache sich der arglistigen Täuschung und Körperverletzung strafbar, sagt Steinert. Doch es sei sehr schwer, vor Gericht eine Strafe durchzusetzen. In der Regel urteilten die Richter, jemand sei selbst Schuld, wenn er sich sehenden Auges von einer etablierten Therapie abwende.

Wir haben Ursula Stoll wie die anderen Heiler vor der Veröffentlichung dieses Textes kontaktiert und sie gefragt, wie sie ihr Vorgehen rechtfertigt. Per E-Mail wiederholt sie all ihre Standpunkte. Eine Chemotherapie schade mehr als dass sie nütze, Krankheit sei eine "Selbstregulation" – und Krebs gebe es nicht.


Unnützes Pülverchen: Für teures Geld als Krebstherapie angepriesen

Andreas Labes

10.000 Euro Kosten und ausweichende Antworten

In der "Klinik im Leben" im thüringischen Greiz, tatsächlich ein unscheinbares Mehrfamilienhaus, will mich der Arzt Uwe Reuter mit "Hypnose, Homöopathie, Vitamin B17-Infusionen" kurieren – für rund 10.000 Euro. Später antwortet er ausweichend auf die Frage nach dem Sinn der Therapie. In Düsseldorf rät der bekannte Alternativmediziner Klaus Maar zu einer zweiwöchigen, 8000 Euro teuren "Wärmetherapie" – und rechtfertigt sich im Nachhinein nicht für die Therapie, sondern erklärt nur, warum dieses Honorar angemessen sei.

Lothar Hollerbach, ein weißhaariger Arzt, der eine Alternativpraxis in einer Heidelberger Stadtvilla betreibt, empfiehlt mir zur Gesundung die Vorträge von Rudolf Steiner, ein Gedicht von Hermann Hesse und das Buch eines brasilianischen Mediums. Und bereitet mich schon einmal auf meinen Tod, pardon: meine Wiedergeburt vor. Manche seiner Patienten seien in kurzer Zeit zu unglaublichen Erkenntnissen gelangt, so Hollerbach, und hätten "bei der nächsten Inkarnation" ein total anderes Leben führen können. "Wir dürfen unser Leben nicht so kurz sehen."

Tumor austreiben bei den Geistheilern

Todessehnsucht auch bei den Geistheilern Wolfgang Bittscheidt und Teresa Schuhl in Siegburg bei Bonn, bei denen man erst nach langer Wartezeit einen Termin bekommt – ihre Praxis wurde unlängst vorteilhaft in einigen Fernsehreportagen besprochen. "Ich habe den Tod gesehen", sagt Teresa Schuhl. "Glauben Sie mir, ich würde Ihnen, wenn ich könnte, all meine Jahre schenken und sagen: Ich gehe. Der Tod ist das Schönste was es gibt. Wie eine Reise in die Karibik. Warum fürchten wir uns davor? Auf diesem Folterplaneten hier?"

"Mir kann keiner erzählen, dass eine Chemotherapie heilt", sagt sie, bevor sie ins Aramäische verfällt, um mir in einer Geistheilung den Tumor auszutreiben zu helfen. Hollerbach und die Geistheiler haben im Nachhinein keine Stellung bezogen.

Im 3E-Zentrum in Remshalden, malerisch im Nordosten von Stuttgart gelegen, wieder der ganze Hokuspokus von Schuld und Sühne. Die "medizinische Leitung" Elke Tegel, eine blonde Heilpraktikerin, führt mich durch das lichte Haus, zeigt mir den "Innenweltreiseraum", in dem traumatische Situationen bearbeitet werden, den Raum, in dem "Heilmusik" abgespielt werde, und auch die beeindruckende Maschine für die "Hochfrequenztherapie", bei der den Zellen elektrische Energie zugeführt werde. Gesamtkosten: 13.670 Euro für fünf Wochen.

Krebs als unterdrückte Wut und Schuldfrage

Krebs, sagt die Heilpraktikerin, sei "unterdrückte Wut und unterdrückter Ärger", gerade bei einem Hodgkin-Lymphom gehe es um Schuld. Sie fragt: "Wo fühlen Sie sich schuldig? Schuldig, ein Mann zu sein?"


Klaus Pertl, Geschäftsführer des 3E-Zentrums, verteidigt sich später schriftlich, dass wir nur eine "Hausführung" gemacht und kein Beratungsgespräch bekommen hätten. Der Preis beinhalte "das gesamte 5-Wochen-Programm plus Abholung von Stuttgart, plus Infusionen und Nahrungsergänzungsmittel." Medizinische Beratung könne man hier nicht erwarten, das Haus sei lediglich ein "Seminarzentrum".

Die Patienten sehen das ganz offensichtlich anders. Wir essen mit ihnen zu Mittag, bekommen wie sie die "Öl-Eiweiß-Kost" aus Quark und Nüssen, die den Tumor bekämpfen soll. Es ist ein herrlicher Tag, die Sonne scheint durch die Fenster, wir schauen auf den idyllischen Garten voll blühender Obstbäume. Doch es wird der bedrückendste Moment auf meiner Reise. Tischgespräch ist die Hoffnung auf die Therapie, die Heilmusik, die Innenweltreisen, die Darmspülungen. "Ich habe vieles versucht", sagt eine Patientin, "aber ich habe endlich das Gefühl, am richtigen Platz zu sein". Eine andere hat lange gespart, um sich die Therapie hier leisten zu können.

Hoffnung, Angst, Geschäft

Ich fühle mich schäbig, will etwas sagen. Aber wer bin ich denn, diesen Menschen die Hoffnung zu nehmen? Natürlich ist die Schulmedizin nicht allmächtig, auch sie scheitert ständig an der Krankheit Krebs. Sie ist menschlich, macht Fehler, hat finanzielle Interessen, verwirft sicher Geglaubtes, verleibt sich Neues ein. Doch das geschieht nach ausgiebiger Prüfung und Forschung. Die alternativen Methoden entbehren dagegen meist jeglicher Plausibilität. Sie stützen sich auf Wunschdenken und Anekdoten – und vor allem auf die Angst.

Es ist diese Angst, die ich in den dürren Gesichtern meiner Tischgenossen sehen kann, die lähmende Angst, die eine Krebsdiagnose mit sich bringt. Es ist die menschliche Angst vor dem Tod, die es macht, dass wir uns an jede scheinbar einleuchtende Erklärung klammern, an jeden möglichen Sinn, an jede noch so vage Hoffnung auf Heilung. Es ist diese Angst, an der sich etliche Heiler bereichern.


Die volle Recherche zu diesem Text finden Sie hier. Correctiv.org ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum in Deutschland. Die Redaktion widmet sich Hintergrundberichten und finanziert sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Zu den regelmäßigen Unterstützern gehören mittlerweile 800 Bürgerinnen und Bürger sowie Stiftungen wie die Brost-Stiftung, die Augstein-Stiftung, die Schöpflin-Stiftung und die Bundeszentrale für politische Bildung. Correctiv.org gibt seine Recherchen kostenlos an andere Medien ab.



Bildnachweis: Andreas Labes

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