Die kraniosakrale Therapie / Osteopathie

Mit sanften Manipulationen an Schädelknochen, Wirbelsäule und Becken will der Osteopath körpereigene Abläufe beeinflussen, Blockaden lösen und Gewebespannungen mindern
von Dr. Ralph Müller-Gesser, 03.07.2014

Kraniosakrale Therapie: der Therapeut steht oder sitzt hinter dem Kopf des Patienten

Your Photo Today/Phanie

Die kraniosakrale Therapie gilt als ein alternatives Heilverfahren, das die klassische Schulmedizin ergänzen kann, ähnlich wie die Akupunktur. Als manuelle Behandlungstechnik ist die Kraniosakraltherapie fest in der Osteopathie verankert: Die Osteopathie steht für Behandlungsverfahren, bei denen der Therapeut mit den Händen Bewegungseinschränkungen des Patienten aufspüren und korrigieren will. Dadurch möchte er den Körper ins Gleichgewicht bringen und Selbstheilungskräfte aktivieren.

Ursprünge der kraniosakralen Therapie

Die Therapieform geht zurück auf den amerikanischen Osteopathen William Sutherland, Schüler des Begründers der Osteopathie, Andrew Taylor Stills. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sorgte Sutherland für Aufsehen, als er behauptete, es gebe zwischen fest verbundenen Knochen wie den Schädelknochen eine gewisse Beweglichkeit. Sutherlands Ideen griff der amerikanische Osteopath und Chirurg John Upledger auf und widmete sich vor allem dem Zusammenspiel zwischen Hirn- und Rückenmarkshäuten sowie Schädel und Wirbelsäule. Seiner Überzeugung nach kann der Therapeut ein rhythmisches Pulsieren der Gehirnflüssigkeit (Liquor) ertasten und es mit bestimmten Techniken beeinflussen. Diese Beeinflussung des Liquor-Pulses sehen Kraniosakraltherapeuten als ihren Hauptansatzpunkt.

Upledger prägte Wissen und Techniken der kraniosakralen Therapie. Der Begriff "kraniosakral" ergibt sich aus dem Anwendungsbereich von Schädel (lateinisch: Cranium) bis Steißbein (Os sacrum). Dr. Dietmar Daichendt, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirotherapie und Osteopathie, erklärt: "Im Grunde kommen in jeder osteopathischen Sitzung kraniosakrale Techniken mit ihren entspannenden und lösenden Effekten zur Anwendung."

Gehirn und Rückenmark sind in eine Flüssigkeit eingebettet, den Liquor (blau). Dieser soll zwischen Schädel und Kreuzbein einen fühlbaren Pulsschlag erzeugen, an dem Therapeuten Blockaden erkennen

W&B/Ulrike Möhle

Das Konzept der kraniosakralen Therapie

Der Therapeut versucht, die körpereigenen Rhythmen des Patienten zu ertasten. Diese sollen durch die Eigenbewegung von Gehirn und Rückenmarkshäuten zustande kommen – bedingt letztlich durch Verschiebungen und Pulsieren der Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark umgibt, dem Liquor oder auch Nervenwasser.

"Ziel der kraniosakralen Techniken ist es, Blockaden der natürlichen Bewegungsspielräume aufzuspüren und zu beseitigen", erklärt Daichendt. "Wenn es gelingt, die ursprüngliche Beweglichkeit von Gewebe und Organen wiederherzustellen, bessern sich die Symptome." Bei einer erfolgreichen Therapie sollte der Patient merken, wie sich betroffene Körperregionen entspannen und die Beschwerden bessern, und der Therapeut die reduzierte Gewebespannung registrieren. Die zugrunde liegenden Zusammenhänge und Grundlagen sind wissenschaftlich nicht belegt.

Ablauf einer kraniosakralen Therapie

Eine Sitzung beginnt üblicherweise mit einem Gespräch über die aktuellen Beschwerden, Vorerkrankungen und Lebensumstände des Patienten. Anschließend legt sich der Patient entspannt auf den Rücken. Der Therapeut setzt sich hinter ihn ans Kopfende. Mit bestimmten Handgriffen und Techniken tastet er nun Kopf und Halswirbelsäule ab, um die körpereigenen Rhythmen, Verspannungen sowie Blockaden aufzuspüren. Diagnostik und Therapie gehen nahtlos ineinander über, weil die Manipulationen ähnlich sind. Je nachdem, welche Probleme im Vordergrund stehen, setzt der Therapeut mehr oder weniger kraniosakrale Techniken während der Sitzung ein. Diese bestehen darin, mit Fingern und Handflächen wohl dosierten, sehr geringen Druck und Zug auf die Schädelknochen auszuüben, um Gewebeblockaden und -verspannungen im Körper zu lösen.

Wann Osteopathen die kraniosakrale Therapie einsetzen

Bei sogenannten funktionellen Störungen, bei denen Muskeln, Organe und anderes Gewebe nicht geschädigt sind, sondern deren Funktion eingeschränkt ist, greifen Osteopathen gerne auf kraniosakrale Techniken zurück. "Episodischer Spannungskopfschmerz, aber auch Migräne und Dysfunktionen des Kiefergelenks sind typische Anwendungsgebiete", erklärt Daichendt. Aber die kraniosakrale Therapie kommt auch bei vielen anderen Gesundheitsproblemen zum Einsatz, die laut den Osteopathen aufgrund von Gewebeverspannung entstehen.

Einfühlsamkeit und Qualifikation des Therapeuten gelten als Voraussetzung für den Behandlungserfolg

W&B/Christine Beckmann

Keine wissenschaftliche Beweise

Osteopathen bescheinigen dem Verfahren gute Erfolge. "Wie bei vielen Techniken der Manuellen Medizin hängt sie aber entscheidend von der Qualifikation und der Einfühlsamkeit des Therapeuten ab", räumt Daichendt ein. Bis heute fehlen wissenschaftliche Beweise oder Studien, welche die Wirksamkeit der Behandlung belegen. Nur in einigen Einzelfallbeschreibungen finden sich Hinweise auf eine Wirkung. Daher gilt selbst unter Osteopathen die kraniosakrale Therapie als jener Teil der Osteopathie, der wissenschaftlich am wenigsten untermauert ist.

Risiken der kraniosakralen Therapie

Die kraniosakrale Therapie gilt als alternativer Behandlungsansatz zusätzlich zu schulmedizinischen Verfahren. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Vorerkrankungen sollte stets zunächst ein Arztbesuch erfolgen, damit keine akute oder andere schwere Erkrankung übersehen wird – und um zu klären, ob die kraniosakrale Therapie im individuellen Fall geeignet erscheint. In manchen Situationen kann eine kraniosakrale Therapie auch möglicherweise schaden, beispielsweise wenn Knochenschwund, erhöhter Hirndruck oder eine Hirnblutung vorliegen. Manche berichten auch von einer Erstverschlimmerung von Symptomen bei Behandlungsbeginn, ähnlich wie bei der Homöopathie.

Das kostet die Behandlung

Eine Sitzung dauert zwischen 30 und 60 Minuten. Sie kostet zwischen 60 und 250 Euro, je nachdem, durch wen die Therapie erfolgt. Das können Physiotherapeuten, Heilpraktiker oder auch Ärzte mit Facharztausbildung sein; ein medizinischer Grundberuf ist für die Ausübung der kraniosakralen Therapie gesetzlich vorgeschrieben. Die Leitlinien des Craniosacral Verband Deutschlands (CSVD) fordern, dass die Ausbildung in kraniosakraler Therapie mindestens 630 Ausbildungsstunden umfassen sollte.

Die Abrechnung erfolgt gemäß der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) analog der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Chirotherapie und Osteopathie e.V.; Private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten je nach abgeschlossenem Vertrag. Auch mehrere gesetzliche Krankenkassen zahlen osteopathische Behandlungen ganz oder teilweise – allerdings nur bis zu einer gewissen Zahl pro Jahr. Manche Versicherungen machen es für eine Kostenübernahme zur Bedingung, dass ein ärztlicher Osteopath die Leistung erbringt. Es ist in jedem Fall sinnvoll, vor Beginn einer osteopathischen Behandlung bei der Krankenkasse nachzufragen, welche Beträge übernommen werden und welche für den Patienten anfallen.

Dietmar Daichendt

© Stefan Nimmesgern

Beratender Experte: Dr. Dietmar Daichendt, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirotherapie und Osteopathie, 2011 an der Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin berufener Professor für Manuelle Medizin und Osteopathie, Lehrbeauftragter der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Quellen:
1. Bundesärztekammer: Wissenschaftliche Bewertung osteopathischer Verfahren, Deutsches Ärzteblatt 2009; 106(46): A-2325 / B-1997 / C-1941
2. GOÄ-RATGEBER: Chirotherapeutischer Eingriff und kraniosakrale Therapie, Deutsches Ärzteblatt, Jg. 108, Heft 51–52, 26. Dezember 2011; A 2786
3. Interview mit Dr. med. Dietmar Daichendt (03.06.2014), seit 2005 Präsident der "Deutsche Gesellschaft für Chirotherapie und Osteopathie e.V.", 2011 ernannter Professor der Fachgebiete "Osteopathie, Chirotherapie, Manuelle Medizin" an der H:G Berlin
4. Upledger, Vredevoogd, Lehrbuch der CranioSakralen Therapie I, 5.Auflage, Karl F. Haug Verlag 2003


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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