Was bringt ein HIV-Test für zu Hause?

In Frankreich und England gibt es HIV-Selbsttests rezeptfrei aus der Apotheke, in Deutschland nicht. Über die potenziellen Vorteile und Risiken solcher Tests

von Michael Aust, aktualisiert am 01.03.2016

Positiv oder negativ? Ein einfacher Bluttest soll es klären

W&B/Nina Schneider

Mit einem Wattestäbchen übers Zahnfleisch streichen, dreißig Minuten warten – und schon liegt das Ergebnis des HIV-Tests vor. Der orale Schnelltest für zu Hause ist die einfachste Art zu überprüfen, ob man sich mit dem Aids-Virus angesteckt hat. In den USA kam er bereits vor drei Jahren auf den Markt. Bei uns gibt es solche Heimtests für Laien noch nicht. Diese Mittel zur Krankheitserkennung gehören in die Hände von Fachleuten, so regelt es das deutsche Medizinproduktegesetz. Das könnte sich womöglich bald ändern. Denn spätestens seit vor Kurzem Frankreich und Großbritannien HIV-Selbsttests zugelassen haben, steht das Thema auch hierzulande zur Debatte.

Neben den Methoden, die HI-Viren im Speichel erkennen, gibt es in unseren Nachbarländern auch Bluttests für zu Hause rezeptfrei in der Apotheke. Die Anwender stechen sich kurz in die Fingerbeere und streichen einen Tropfen Blut auf einen Streifen. Binnen einer halben Stunde zeigt sich das Ergebnis. "Wir haben in unserem Land rund 30.000 Menschen, die ohne ihr Wissen das HI-Virus in sich tragen", sagte die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine bei der Zulassung des Schnelltests der Zeitung Le Monde. "Wir brauchen neue Wege, die die Früherkennung erleichtern."


Gesundheitsministerium argumentiert gegen den Test

In Deutschland schätzt das Robert Koch-Institut (RKI) die Zahl der HIV-Infizierten, die von den Viren in ihrem Körper nichts ahnen, aktuell auf 13.200 – eine Steigerung um 2000 seit dem Jahr 2006. Diese Menschen laufen Gefahr, unbeabsichtigt das Virus weiterzugeben. Außerdem erhalten sie keine Therapie.

Das Gesundheitsministerium ist trotz dieses Dilemmas nicht überzeugt. Es gebe "keinen empirischen Nachweis", dass Heimtests das beste Mittel seien, diese Zielgruppe zu erreichen, so ein Ministeriumssprecher. Er nennt zwei Argumente gegen den Test: Zum einen fehle dabei jegliche Form der ärztlichen Beratung, zum anderen könne es durch Anwendungsfehler zu einem nicht geringen Anteil von Fehldiagnosen kommen, bei denen die Viren nicht entdeckt werden. Dabei verweist er auf einen Report der Deutschen Aids-Hilfe (DAH) von 2013. "Dadurch wird das Risiko der unbeabsichtigten Weitergabe der Infektion sogar erhöht", meint der Sprecher. Klar: Wer sich fälschlicherweise für gesund hält, benutzt eventuell genau deswegen kein Kondom.

Wenn der Mut fehlt, zum Arzt zu gehen

Doch diese Haltung teilt die Aids-Hilfe inzwischen nicht mehr. Der Heimtest sei sicher "kein Wundermittel", sagt Armin Schafberger, Medizinreferent der DAH. "Aber er könnte Menschen helfen, die sich nicht trauen, Teststellen aufzusuchen." In England klappte dies mit einem Modell, bei dem Blutproben zu Hause entnommen und anonymisiert ins Labor geschickt wurden. Dieser Erfolg stimme auch bezüglich des Heimtests vorsichtig optimistisch.

Daten dazu, wie die Tests in England, Frankreich und Norwegen angenommen werden, sind erst für 2017 zu erwarten. Doch die Verweigerung der deutschen Politik kann Nelly Slim von der französischen Organisation "Aides" schon heute nicht verstehen. In den USA sei seit Zulassung der Selbsttests kein einziger Fall bekannt geworden, in dem jemand nach einem positiven Test zusammenbrach oder gar Selbstmord beging.

Eines aber solle man wissen: Wer ungeschützt Sex hatte, muss sich für ein definitives Ergebnis mindestens sechs Wochen gedulden. Vorher kann keiner der üblichen Tests die Infektion sicher ausschließen.


Dr. Hans Jäger

W&B/Florian Generotzky

Experten-Interview: "Schnellstens legalisieren"

Dr. Hans Jäger ist ärztlicher Leiter einer HIV-Schwerpunktpraxis in München.

Herr Dr. Jäger, was halten Sie von HIV-Heimtests?

In Deutschland gibt es rund 13.000 Menschen, die nichts von ihrer HIV-Infektion ahnen. Wüssten sie davon, könnten sie eine Therapie beginnen und würden bald niemanden mehr anstecken. Vielen ist nicht klar, dass die heutigen Medikamente die Virenmenge massiv senken. Heimtests sind ein sehr gutes Mittel, um einen Teil dieser Zielgruppe zu erreichen.

Sie glauben wirklich, dass HIV-Positive, die sich sonst nicht untersuchen lassen, den Test machen würden?

Natürlich nicht alle. Aber es gibt viele, die für einen Test eben nicht zum Arzt, zum Gesundheitsamt oder zur Aidshilfe gehen wollen. Wir beobachten in letzter Zeit zunehmend, dass Patienten zu uns kommen, die sich im Internet einen Heimtest bestellt haben und nun das Ergebnis überprüfen lassen wollen. Noch ist der Selbsttest halblegal – aber er sollte meiner Meinung nach schnellstens legal werden.

Muss man bei dem Ergebnis "HIV-positiv" nicht Kurzschlussreaktionen des Selbsttesters befürchten?

Als die Infektion noch lebensbedrohlich war, musste man das tatsächlich. Aber heute ist HIV gut behandelbar. Und über eine Hotline, wie sie etwa in Frankreich angeboten wird, können sich Patienten rund um die Uhr beraten lassen.

Viele lesen das Kleingedruckte nicht und könnten glauben, bei einem negativen Ergebnis sei alles okay.

Die Tests mit Mundflüssigkeit sind bei richtiger Anwendung durchaus zu 99 Prozent sicher. Allerdings muss man wissen, dass der Test im Allgemeinen erst sechs bis acht Wochen nach der Infektion anspricht.


AIDS-Irrtümer aufgeklärt

Aidsschleife und Kondom

Was die Deutschen über AIDS nicht wissen »

Über 30 Jahre nach Beginn der Epidemie hat die Aufmerksamkeit für AIDS nachgelassen. Fehlinformationen machen sich breit. 5 häufige Irrtümer »


Bildnachweis: W&B/Nina Schneider, W&B/Florian Generotzky

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Krankheits-Ratgeber zum Thema

Frauen mit Atemmasken

MERS: Ein Virus unter Beobachtung

In Südkorea haben sich mehr als hundert Menschen mit dem MERS-Virus infiziert, das eine gefährliche Lungenentzündung auslösen kann. Was Experten über die Krankheit wissen »

Spezials zum Thema

Streptokokken und Antikörper

Infektionen erkennen und behandeln

Infektionskrankheiten zählen zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Anstecken kann man sich auf verschiedensten Wegen mit Erregern wie Bakterien oder Viren  »

Wie entspannen Sie sich im Urlaub am besten?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages