Broken-Heart-Syndrom: Herz im Stress

Es äußert sich wie ein Herzinfarkt, ist aber keiner. Das Broken-Heart-Syndrom zeigt, wie intensiv sich Trauer oder Freude auf den Körper auswirken können

von Dr. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 15.04.2016

Ein Schicksalsschlag kann das Broken-Heart-Syndrom auslösen

Mauritius Images/Prisma

Es ist die Beerdigung ihres Mannes. Der Sarg wird in die Grube gelassen. Genau in dem Moment bricht die 70-jährige Witwe mit Schmerzen in der Brust und Luftnot zusammen. Der Notarzt bringt sie in die Klinik: Verdacht auf Herzinfarkt.


Beim Broken-Heart-Syndrom erinnert die Form der linken Herzkammer an einen Krug zum Tintenfischfangen (Lupe anklicken)

W&B/Dr. Ulrike Möhle bearb. Jörg Neisel

Auch die erste Untersuchung der Patientin deutet darauf hin, dass es sich um einen Herzinfarkt handeln könnte: Typische Veränderungen der Herzstromkurve im EKG, erhöhte Herzenzymwerte im Blut. Erst die Herzkatheter-Untersuchung liefert den überraschenden Befund: Kein Herzkranzgefäß verstopft, sondern alle Gefäße offen! Privat-Dozent Dr. Christian von Bary, Chefarzt der Kardiologie im Rotkreuzklinikum München erinnert sich gut an diesen Fall. Es handelte sich um ein sogenanntes Broken-Heart-Syndrom, auch Stress-Kardiomyopathie genannt.

Asiatische Ärzte nennen die Erkrankung Tako Tsubo – das ist ein Tonkrug, in dem Japaner traditionell Tintenfische fangen. Der Grund: Das Herz schlägt beim Broken-Heart-Syndrom an der Herzspitze typischerweise vermindert und die linke Herzkammer hat ihre Form geändert: Sie wirkt am Hals verengt und ausgebuchtet wie ein Tonkrug (siehe Grafik).


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Überflutung des Herzmuskels mit Stresshormonen

Aber welche Vorgänge im Körper lösen das Syndrom aus? Wissenschaftler vermuten, dass eine extreme psychische oder körperliche Belastung der Betroffenen das vegetative Nervensystem besonders stark aktiviert. Das bewirkt wohl eine massive Ausschüttung von Stresshormonen in das Blut. Diese wiederum überreizen die Herzwand, vor allem in der Nähe der Herzspitze. Ein Einstrom von Kalzium in die Zellen führt dann wahrscheinlich zur Verkrampfung des Herzmuskels, möglicherweise verkrampfen auch die Gefäße. Und diese Herzverkrampfung löst dann Symptome aus, die denen eines Herzinfarkts ähneln, so die Annahme. "Kaum ein anderes akutes Krankheitsbild zeigt so deutlich, wie eng die Psyche mit dem Körper verbunden ist", sagt von Bary.

Das Broken-Heart-Syndrom trifft überwiegend ältere Frauen nach der Menopause, die durch einen Schicksalsschlag starkem psychischen Stress ausgesetzt sind. Christian von Bary erinnert sich allerdings auch an eine 25-jährige Japanerin, die nach einem heftigen Streit mit ihrem Lebensgefährten mit Stress-Myokardiopathie in die Klinik kam. Manchmal führen zudem andere Faktoren, die den Körper stressen, zu dem Krankheitsbild: Schwere Operationen oder eine intensivmedizinische Behandlung können offenbar eine entsprechend starke Ausschüttung der Stresshormone mit den beschriebenen Folgen bewirken.

Nicht nur negative Emotionen können die Herzbeschwerden auslösen. In einer im März 2016 veröffentlichten Studie kamen Forscher zu dem Schluss, dass auch freudige Ereignisse dem Pumporgan zusetzen können. So kann zum Beispiel eine Geburtstagsparty oder Hochzeit das sogenannte "Happy-Heart-Syndrom" auslösen. Allerdings kommen solche Vorfälle wohl deutlich seltener vor als Herzprobleme nach traurigen Anlässen.

Behandlung mit Betablockern und Beruhigungsmitteln

"Geschätzte zwei Prozent aller Patienten mit der Verdachtsdiagnose Herzinfarkt leiden in Wirklichkeit an dieser Form der Kardiomyopathie", erklärt von Bary, der letztes Jahr fünf solche Fälle in seiner Klinik behandelte. Genauer könne man es nicht sagen, weil diese Krankheit möglicherweise gar nicht überall erkannt werde.


Der Experte: Dr. Christian von Bary, Rotkreuzklinikum München

Rotkreuzklinikum München

Dabei hat die Unterscheidung wichtige Konsequenzen für die Therapie. Während die Ärzte beim Herzinfarkt die Gerinnsel bekämpfen, welche den Blutfluss blockieren, stehen beim Broken-Heart-Syndrom Maßnahmen gegen die Wirkung der Stresshormone im Vordergrund: Betablocker beruhigen das Herz und Beruhigungsmittel den Patienten. Er muss zunächst auf einer Intensivstation überwacht werden, da die Gefahr besteht, in einen Schockzustand abzurutschen, bei dem der Kreislauf zusammenbricht und ein Multiorganversagen droht.

Nach überstandener akuter Phase kaum Langzeitschäden

In vielen Fällen normalisiert sich der Zustand des Patienten aber wieder. Das EKG wird unauffällig. Und anders als beim Herzinfarkt bleiben beim Broken-Heart-Syndrom in der Regel keine Narbe und keine Funktionsstörung des Herzmuskels zurück, wenn die akute Phase überstanden ist. Auch die Witwe konnte nach einigen Tagen das Krankenhaus wieder verlassen.



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