Juckende Quaddeln durch Kälte

Sie kommen mit Kälte in Berührung und reagieren geradezu allergisch darauf: Menschen, die an einer Kältenesselsucht leiden. Was dahinter steckt, was Betroffenen hilft

von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 20.01.2016

Schnee und Kälte erfreuen viele Menschen. Andere leiden darunter

Getty Images/altrendoImages

Ein Besuch im Wildpark Poing an einem sehr kalten Novembernachmittag. Das endete für Anja Rose (Name von der Redaktion geändert) mit extrem juckenden Quaddeln, vor allem an den stark geröteten Oberschenkeln, und mit einer dick geschwollenen Oberlippe. Sie gab ihr etwas Affenähnliches, wie ihre Kinder befanden. Sie schwankten zwischen Belustigung und Mitleid. Die Quaddeln und der Juckreiz kommen seitdem regelmäßig, wenn Anjas Hauttemperatur unter fünf Grad Celsius rutscht. Die Schwellung der Lippe, Angioödem genannt, war einmalig. Kälte löst bei Anja die Freisetzung von Histamin durch Mastzellen aus, so wie das auch bei einer Allergie der Fall ist.

Es sieht aus wie eine Allergie, ist aber keine

"Frau Rose leidet aber nicht an einer Allergie, sondern an einer physikalischen Form der Nesselsucht, der sogenannten Kälteurtikaria", sagt der Allergologe Professor Ulf Darsow von der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Klinikum rechts der Isar in München.


Die häufig zu hörende Bezeichnung Kälteallergie sei irreführend. "Zwar wird wie bei einer Allergie Histamin ausgeschüttet, es werden aber keine Antikörper gegen Allergene gebildet", erläutert Darsow. Geschätzte  50.000 bis 75.000 Menschen leiden in Deutschland an dieser Art der Pseudoallergie. Doppelt so viele Frauen wie Männer, in sehr unterschiedlicher Stärke und bei individuellen Schwellen-Hauttemperaturen. Diese liegt bei vielen Betroffenen bei etwa 20 bis 22 Grad Celsius, seltener bei tiefen Temperaturen von zwei Grad Celsius oder darunter.

Wenn sogar Joghurtessen zum Problem wird

Das hat zur Folge, dass die Betroffenen ganzjährig auf den physikalischen Reiz Kälte reagieren. "Ein normales Leben ist damit nicht möglich. Hinzu kommt, dass die Angst vor einer Schockreaktion ein ständiger Begleiter ist", sagt Professor Marcus Maurer, Forschungsdirektor an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité Berlin. Die Klinik ist Referenzzentrum für Urtikaria. Ein lebensbedrohlicher anaphylaktischer Schock könne beispielweise beim Sprung ins kühle Nass eines Baggersees oder Schwimmbads auftreten und sei leider keine Rarität. Die Blutgefäße weiten sich, es kommt zu einem massiven Blutdruckabfall, sodass wichtige Organe unterversorgt sind.

Auch bei ganz normalen Alltagsdingen heißt es: aufpassen. "Was für andere Menschen völlig normal ist, ist für jene mit einer Kälteurtikaria nicht möglich", bedauert Maurer. Beispielweise Salat waschen, ein gekühltes Getränk trinken, einen kalten Joghurt oder ein Eis essen. Sogar Toilettengänge sind laut Maurer oft ein Problem. Die Kälteallergie kommt unerwartet und verschwindet oft nach durchschnittlich fünf bis sieben Jahren plötzlich wieder. Was sind die Ursachen? "Es wird viel spekuliert, aber Fakt ist, wir haben derzeit keine Ahnung. Wir hoffen, durch an der Charité laufende Studien in ein paar Jahren mehr zu wissen", sagt Maurer.

Was hilft gegen eine Kältenesselsucht?

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es – abgesehen von warmen Kleidern und dem Vermeiden von Kälte? Antihistaminika helfen in 50 Prozent der Fälle, wenn sie ausreichend hoch dosiert (bis zu vier Tabletten täglich) werden. "Weiteren 25 Prozent kann eine Therapie mit dem monoklonalen, also zielgerichtet wirksamen, Antikörper Omalizumab gut helfen. Sie werden symptomfrei", sagt Maurer.

Bei den restlichen 25 Prozent sinkt dank der Therapie zumindest die individuelle Schwellen-Hauttemperatur um einige Grad ab. "Das bedeutet für diese Menschen einen Zugewinn an Lebensqualität", sagt der Berliner Mediziner. Omalizumab wird einmal pro Monat von einem Arzt gespritzt, ist aber bei der Kälteurtikaria nicht zugelassen, also nur im Off-label-use anwendbar.

Deshalb bezahlen nicht alle Krankenkassen dafür. Neben einer medikamentösen Behandlung besteht die Möglichkeit einer sogenannten Hardening-Therapie. "Das ist eine stationär erfolgende Kälte-Gewöhnungstherapie, ähnlich der Desensibilisierung bei Allergien", erklärt Maurer. Ein Schutzeffekt sei aber nur vorhanden, wenn die Patienten zu Hause jeden Tag kalt duschen. "Machen Sie das ein paar Tage lang nicht und duschen dann wieder kalt, ist das Risiko für einen anaphylaktischen Schock groß." Deshalb brauchen Betroffene ein Notfallset, bestehend aus Kortison und einem Adrenalin-Pen.



Bildnachweis: Getty Images/altrendoImages

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