Haut und Psyche: Eng verbunden

Geht es der Psyche schlecht, kann sich das in Hautkrankheiten widerspiegeln. Doch auch die umgekehrte Konstellation ist möglich

von Christian Steinmüller, aktualisiert am 13.10.2014

Wechselwirkung: Der Gemütszustand kann die Gesundheit der Haut beeinflussen

Strandperle/Imagesource/Ian Hooton

Die Frau hat sich gerade von ihrem Mann getrennt. Es folgt ein Streit um die gemeinsame Tochter. Die Schwiegereltern mischen sich ein. Dann gibt es noch Probleme mit dem Geld, und das neue Leben muss irgendwie auf die Beine gestellt werden. Sie schafft es, kommt mit Job, Erziehung und Trennung klar. Fasst wieder Fuß. Mit auffälligen Hautkrankheiten hatte sie bis dahin nichts zu tun. Doch einige Monate nach der Trennung sitzt sie bei der Arbeit am Fließband und unterhält sich mit ihrer langjährigen Kollegin. Diese erzählt, dass sie das Wochenende mit dem Exmann der Frau verbracht hat. Plötzlich tauchen stark juckende Quaddeln am ganzen Körper auf: Nesselsucht – eigentlich eine Über­reaktion auf bestimmte Stoffe oder Umwelteinflüsse.

Mit extremen Fallbeispielen wie diesem verdeutlicht Professor Uwe Gieler seinen Studenten am Universitätsklinikum Gießen, wie eng Haut und Psyche miteinander verwoben sind. Die Haut kann emotionale und psychische Konflikte sichtbar machen, die der Geist nicht verarbeiten kann oder will. Die Zusammen­hänge sind aber schon im Kleinen zu sehen: Wir ­erröten bei Scham, erblassen vor Schreck oder haben bei Furcht eine Gänsehaut. Gieler, der zu den weltweit führenden Experten der Psychodermatologie gehört, erforscht, wie dieses Zusammenspiel funktioniert.


Haut und Psyche: Tief greifende Verbindung

"Haut und Nervensystem entstehen bei der Bildung des Embryos aus der gleichen Zellenart, dem Ektoderm", sagt Gieler. "Dadurch wird klar, dass es enge Verbindungen gibt." Wie tief greifend sie sind, weiß man jedoch noch nicht allzu lange. "Seit knapp 15 Jahren ist bekannt, dass die Nervenenden nicht nur zur Haut, sondern bis in die obersten Hautschichten reichen. Dort finden die Entzündungs­reaktionen statt. Und dadurch lassen sich viele Erkrankungen erklären – von Neurodermitis über Haarausfall bis zu Warzen.

Bei Stress, sagt Gieler, wird eine Kaskade in Gang gesetzt – ein Wechselspiel zwischen Psyche, Immun-, Nerven- und Hormonsystem: Der Körper feuert Stresshormone ab, das Immunsystem wird schwächer, und es kommt zu einer Entzündung. Stress kann sich so auf der Haut spiegeln.

Hautkrankheiten können auch seelisches Leid verursachen

Rote, stark schuppende und juckende Stellen wie bei der Schuppenflechte (Psoriasis) können aber auch seelisches Leid verursachen. Depressionen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen dieser Hautkrankheit. Das zeigt auch eine Studie der Erasmus-Universität in Amsterdam. Die Forscher werteten Daten von rund 1200 Psoriasis-Patienten aus: 28 Prozent zeigten depressive Symptome, bei 19 Prozent gab es eine klinische Diagnose der Depression.

Mit der Schuppenflechte beginnt ein Teufelskreis: Viele Betroffene ekeln sich vor ihrem Körper, fühlen sich entstellt. Das bedeutet: Mehr Stress. Stärkere Symptome. Rückzug. Einsamkeit. Mehr Stress. "Die Lebensqualität ist bei chronischen Hautkrankheiten deutlich eingeschränkt. Das lässt sich mit Diabetes, Herzkrankheiten oder Krebserkrankun­gen vergleichen", sagt Gieler. Hinzu kommt, dass Stress die Schübe der Psoriasis auch auslösen kann. Das zeigt sich aber nicht sofort. "Typischerweise dauert es 20 bis 22 Tage, bis die Symptome sichtbar werden. So lange benötigt die äußerste Schicht der Haut, um sich neu zu bilden."

Neurodermitis-Schub nach Erdbeben

Bei der Neurodermitis (atopische Dermatitis) re­agiert der Patient offensichtlicher auf Stress. "Sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich Stress auf der Haut zeigen kann", sagt Professorin Sonja Ständer von der Universitätsklinik Münster. Der Zusammenhang zwischen emotionalen und psychischen Konflikten und Hautreaktionen – sie sind oft bereits nach ein bis zwei Tagen sichtbar – ist laut Ständer gut untersucht.

Zu den ersten gro­ßen Arbeiten auf diesem noch recht jungen Forschungsgebiet gehört beispielsweise die 1999 veröffentlichte Studie von Atsuko Kodama aus Japan. Sie untersuchte, wie sich das Beben in der Region Kobe am 17. Januar 1995 auf Menschen mit Neurodermitis ausgewirkt hat. In wenigen Sekunden starben im Morgengrauen rund 6000 Menschen, 300.000 verloren ihr Zu­hause. Kodama konnte zeigen, dass sich bei 38 Prozent der 1500 Neurodermitis-Patienten in der Region daraufhin die Ekzeme deutlich verschlechterten – verglichen mit sieben Prozent einer Kontrollgruppe, die das Beben nicht erlebt hatte. "Heute weiß man auch, dass nicht nur die Ekzeme, sondern auch der Juckreiz deutlich stärker werden. Die inneren Konflikte wandern direkt vom Kopf in die Haut", erklärt Sonja Ständer. Es kann sogar zu wahnhaften Vorstellungen kommen.


Imaginäre Tierchen in der Haut

Kein seltenes Beispiel dafür ist der Dermatozoen-Wahn. "Menschen mit dieser Krankheit haben das Gefühl, dass Parasiten in ihrer Haut leben", sagt Ständer. Es juckt und kribbelt. Manchmal zwicken sich die Betroffenen sogar Hautstücke ab oder unterziehen sich bestimmten Reinigungs­ritualen. Die imaginären Tierchen aber bleiben. Möglich ist das "echte" Kribbel-Gefühl durch das dichte Geflecht von Haut und Nervenzellen. In Fällen wie diesen muss die Psyche behandelt werden, um die Wunden zu heilen.

Gieler und seine Kollegen untersuchten zudem die Juckreizleitung genauer. Anders als noch vor wenigen Jahren angenommen, erreicht das Signal das Gehirn nicht über die Schmerzbahnen, ist ­also vom Schmerz unabhängig. Es gibt spezielle Juckreizfasern. Sie führen in Hirnbereiche, die mit Emotionalität in Verbindung stehen. Dadurch konnte erklärt werden, warum bei Menschen mit Hautkrankheiten oder unter Stress der Juckreiz stärker ausgeprägt ist. Erkenntnisse wie diese haben zu neuen Therapieansätzen geführt: "Bei Juckreiz können wir durch verhaltenstherapeuti­sche Maßnahmen eine Kratzreduktion von 30 bis 40 Prozent erreichen", sagt Gieler.

Krankenkassen finanzieren Neurodermitis-Schulung

Zahlreiche Erkenntnisse der Psychodermato­logie-Forschung in Deutschland flossen in ein Projekt ein, das gerade weltweit übernommen wird. Seit 2007 erkennen es auch die Kranken­kassen an und finanzieren es: die sogenannte Neurodermitis-Schulung. An sechs Kurstagen mit je zwei Stunden lernen Kinder, Jugendliche und Eltern durch geschulte Fachkräfte, die unheilbare Hautkrankheit zu verstehen. Die Themen: medizinische Grundlagen, Auslöser, Ernährung, die Anwendung von Cremes und Salben, das Durchbrechen der Juckreiz-Kratz-Spirale – und letztendlich, wie man psychische Belastungen be­wäl­tigen kann.



Bildnachweis: Strandperle/Imagesource/Ian Hooton

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