Wer sollte Vitamin D einnehmen?

Der Körper braucht Vitamine. In Tablettenform helfen sie allerdings oft nicht, manchmal schaden sie sogar. Wie ist das bei Vitamin D? Und ab wann hat man einen Mangel?
von Daniela Frank, aktualisiert am 15.06.2016

Vitamin D einnehmen oder nicht? Die Antwort ist gar nicht so einfach

istock/gStockstudio

Ob als Zusatz in einem der meistverkauften Kopfschmerzmittel oder als Namensgeber einer der bekanntesten Orangensaft-Marken – es gab Zeiten, da galt: Gut ist, wo Vitamin C drin ist. Manche mögen heute beim Gedanken daran schmunzeln. Doch ein ähnliches Schicksal ereilte auch die Vitamine E, A und andere. Sie wurden plötzlich als Wundermittel angepriesen, dann genauer untersucht und am Ende für doch nicht so wirkungsvoll befunden. Trifft es nun also auch Vitamin D? Je nach Expertenmeinung befinden wir uns derzeit in Stadium zwei oder drei. Die, die sich noch im Wundermittel-Stadium befinden, werden laufend weniger.

Ab welchen Werten hat man einen Vitamin-D-Mangel?

Natürlich ist Vitamin D für uns lebenswichtig. Doch wie viel brauchen wir davon wirklich? "Ein optimaler Bereich für die Versorgung mit Vitamin D ist schwer zu definieren", sagt Professor Martin Reincke, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik IV des Klinikums der LMU München und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Einige Experten sagen, er beträgt über 30 Nanogramm pro Milliliter – das sind 75 Nanomol pro Liter – und sollte nicht unter 20 fallen. Andere halten auch einen Wert von unter 20 Nanogramm pro Milliliter bei einem gesunden Menschen für nicht behandlungsbedürftig. "Beim Mangelzustand sind sich die meisten Experten aber einig", sagt Reincke. "Er liegt bei unter 10 Nanogramm pro Milliliter, also unter 25 Nanomol pro Liter." Und das trifft in den Wintermonaten hierzulande immerhin noch fast jeden fünften, wie eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zeigt.

Ab dieser Grenze steigt das Risiko für Probleme mit der Kalkeinlagerung in den Knochen oder der Muskelfunktion deutlich. Symptome wie Müdigkeit, Stimmungstiefs, Schlafstörungen, Muskel- und Gelenkschmerzen werden zwar auch mit Vitamin-D-Mangel assoziiert, treten aber nicht immer auf und sind oft auch nicht als solche erkennbar.

Wer gehört zur Risikogruppe für Vitamin-D-Mangel?

"Viele unserer Patienten, bei denen wir einen Mangel feststellen, merken nichts davon", sagt Reincke. "Häufig sind darunter arabische Patienten, weil sich diese in der Regel vor der Sonne schützen." Vitamin D wird zu 80 bis 90 Prozent mithilfe von Sonnenlicht über die Haut gebildet und nur zu 10 bis 20 Prozent über die Nahrung aufgenommen.

Zur Risikogruppe für Vitamin-D-Mangel gehören:

  • Menschen mit Niereninsuffizienz
  • mit Lebererkrankungen
  • mit verschiedenen Darmerkrankungen, die die Nährstoffaufnahme stören
  • Menschen, die bestimmte Medikamente wie Anti-Epileptika einnehmen
  • Menschen mit dunkler Hautfarbe
  • Ältere mit Hautkrebs, die ihre Haut stark abdecken müssen
  • Säuglinge – sie bekommen aber eine Prophylaxe
  • Menschen über 70 Jahre, insbesondere Gebrechliche mit Brüchen oder chronischen Erkrankungen
  • stark Übergewichtige

Wie wird der Vitamin-D-Spiegel ermittelt?

Betroffene sollten ihren Vitamin-D-Spiegel am besten einmalig bestimmen lassen. Für Risikopatienten bezahlt in der Regel die Krankenkasse den Test, für andere ist er IGe-Leistung und muss selbst bezahlt werden. Ist der Spiegel zu niedrig, berät der Arzt, wie Nahrungsergänzungsmittel helfen können. "Sobald wir Werte von unter 10 Nanogramm pro Milliliter feststellen, wird auf jeden Fall behandelt", sagt Reincke. "Eine Kontrolle ist nicht nötig – wer substituiert, braucht seinen Spiegel grundsätzlich nicht bestimmen lassen."

Nach einer Blutabnahme wird im Labor die Speicherform des Vitamin D, das 25-Hydroxyvitamin D, gemessen. Das Ergebnis wird in Nanogramm pro Milliliter (ng/ml) oder in Nanomol pro Liter (nmol/l) angegeben. Die Umrechnungsformel lautet 1 ng/ml = 2,5 nmol/l. Das Problem dabei: Gerade im niedrigen Bereich sind die Verfahren störanfällig. "Unter einem Wert von 10 Nanogramm pro Milliliter sind sie nicht zuverlässig", sagt Reincke. "Gerade da, wo es für uns entscheidend ist." Labore führen sogenannte Ringversuche durch, bei denen sie ihre Messergebnisse untereinander vergleichen. Dabei stellen sie solche Ungenauigkeiten fest. Zusätzlich zum Speicher-Vitamin D werden deshalb weitere Parameter bestimmt: das Kalzium im Blut und das Parathormon aus der Schilddrüse. "Daraus ergibt sich ein verlässlicheres Ergebnis", sagt Reincke. Alternativ kann auch die aktive Form des Vitamin D im Blut bestimmt werden. Die Methode ist aber teurer und gleichzeitig umstrittener, weil sie sogar als weniger aussagekräftig gilt. Die Konzentration des aktiven Vitamin D im Blut ist vergleichsweise niedrig, der Stoff hat eine geringe Halbwertszeit und auf die vorhandenen Speicher lässt sich schwer schließen.

Wogegen helfen Vitamin-D-Tabletten?

Abgesehen von den Effekten auf Knochen und Muskeln ist die Schutzwirkung von Vitamin D gegen Krankheiten unklar. Zeitweise war es als Wundermittel gegen Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und anderen Problemen im Gespräch. Doch das meiste hat sich zerschlagen. In vielen Fällen besteht zwar ein statistischer Zusammenhang: Niedrige Spiegel sind verbunden mit einem höheren Risiko für das Auftreten bestimmter Krankheiten sowie einem ungünstigeren Verlauf. Zum Beispiel zeigte eine Studie, dass in Äquatornähe, wo die Sonneneinstrahlung größer ist, seltener Typ-1-Diabetes auftritt.

Aber als Forscher daraufhin untersuchten, ob die Einnahme von Vitamin-D-Pillen zu weniger Diabetes-Erkrankungen oder einem milderen Verlauf der Zuckerkrankheit führt, fiel das Ergebnis meist negativ aus. Eine 2012 in The Lancet erschienene Studie ergab außerdem, dass kein Effekt auf die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall messbar ist. "Auch für Krebs zeigten Untersuchungen: Vitamin D wirkt nicht vorbeugend und der Verlauf einer Krebserkrankung kann nicht positiv beeinflusst werden", sagt Reincke.

Nur für einige Krankheiten ist erwiesen, dass die Einnahme von Vitamin D helfen kann: Um Rachitis bei Säuglingen vorzubeugen, bei Nierenschwäche, Nebenschilddrüsenschwäche, Knochenerweichung, Osteoporose und um Knochenbrüchen bei älteren Menschen vorzubeugen. Doch auch zu Letzterem sind die Ergebnisse widersprüchlich, und zwar bezüglich der richtigen Dosis. "Nur für bestimmte Dosen haben mehrere Studien gezeigt, dass das Sturz- und Bruchrisiko signifikant reduziert wird", sagt Reincke. "Hohe Dosen könnten aber wieder zu mehr Stürzen und Brüchen führen." Überdosierungen durch Vitamin-D-Tabletten sind zwar selten, aber möglich. Deshalb sind hoch dosierte Präparate mit mehr als 100 Mikrogramm Vitamin D pro Tag laut Studien nicht empfehlenswert. Auf der Verpackung ist die Dosis meist in internationalen Einheiten (IE) angegeben: Ein Mikrogramm Vitamin D entspricht 40 IE.

Was füllt die Vitamin-D-Speicher?

Wer nicht zu einer der Risikogruppen gehört, kann seine Vitamin-D-Speicher mithilfe der richtigen Ernährung und viel Sonne auf der Haut auffüllen. Aber natürlich auch nicht zu viel, denn sonst drohen Sonnenbrand und Hautkrebs. Wie viel Sonne genau richtig ist, dazu haben Experten längere Zeit diskutiert. Dann haben sich die großen Fachgesellschaften auf eine gemeinsame Empfehlung geeinigt: Gesicht, Hände und Arme unbedeckt und ohne Sonnenschutz zwei- bis dreimal pro Woche der Sonne aussetzen, und zwar die Hälfte der Zeit, in der man sonst ungeschützt einen Sonnenbrand bekommen würde. Die optimale Dosis fällt also je nach Hautdicke und Hauttyp sehr unterschiedlich aus. Ihren Hauttyp können Sie hier bestimmen: Welcher Hauttyp sind Sie?

Fazit: Menschen aus den Risikogruppen sollten ihren Vitamin-D-Spiegel bestimmen lassen. Liegt ein echter Mangel vor, wird der Arzt entsprechend behandeln. Für alle Menschen empfiehlt sich ansonsten eine gesunde Ernährung mit Seefisch und Milchprodukten, dazu regelmäßig Bewegung im Freien bei Sonnenschein, um den Vitamin-D-Bedarf des Körpers zu decken.

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