Palmöl: Wald weicht für unseren Konsum

Palmöl steckt in immer mehr Nahrungsmitteln, Waschmitteln und Kosmetik. Für den Anbau werden weltweit Regenwälder gefällt. Wie kann man es vermeiden?

von Juliane Gutmann, 03.12.2015

Vorher/nachher: Regenwald wird abgeholzt, um Platz für Ölpalmen zu schaffen

Imago Stock & People/Mintimages, Istock/imagestock/HamsterMan/aopsan/Estherr

Der Schokoriegel, die Tüte Chips, der Lippenstift, die Duschcreme und das Waschmittel, das wir regelmäßig im Supermarkt einkaufen, haben meist eines gemeinsam: Palmöl als Inhaltsstoff. Inzwischen steckt das Öl in jeder dritten Schoko-, Nuss- und Milchcreme oder Wurstware und in jedem vierten Asia-Fertiggericht. Die Zahlen veröffentlichte nun das Ratgeberportal Codecheck. Grundlage ist die Auswertung der Inhaltsstoffe von rund 86500 Lebensmitteln im Jahr 2015. Demnach enthalten 13 Prozent aller getesteten Produkte Palmöl. Zum Vergleich: 2012 waren es nach Angaben von Codecheck noch 6,5 Prozent.

"In den letzten 20 Jahren ist die Produktionsmenge von Palmöl etwa um das 3,5-fache angestiegen. Ausgehend von Anfang der 80er-Jahre sogar um das 8-fache", sagt Almut Jering vom Umweltbundesamt, die sich dort im Fachgebiet Grundsatzfragen, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung unter anderem mit Palmöl befasst: "Tendenz steigend". Und das, obwohl Palmöl nicht zu den gesündesten Pflanzenölen zählt.

Bedingt auffindbar

In Lebensmitteln müssen Produzenten es seit Ende 2014 in der Inhaltsliste aufführen. Eine EU-Verordnung trat damals in Kraft. Diese gilt allerdings nicht für Kosmetik, Reinigungsmittel oder andere Produkte wie Kerzen. Hier versteckt sich Palmöl in vielen Fällen hinter Angaben wie "Sodium Palm Kernelate" oder "Glyzerin". Die Industrie setzt es zu, weil es das Waschmittel und die Lotion cremiger macht.

"Palmölplantagen bringen im Vergleich zu heimischen Ölpflanzen wie Raps oder Sonnenblumen weit höhere Erträge je Hektar. Daher wird das weltweit wichtigste Pflanzenöl auf dem Weltmarkt billig gehandelt", erklärt Jering. Wo Ölpalmen etwa 3,7 Tonnen Öl pro Hektar (entspricht rund zwei Fußballfeldern) erbringt, sind es einer Veröffentlichung der Umweltstiftung WWF Deutschland zufolge rund 1,3 Tonnen pro Hektar bei Raps oder nur knapp 0,9 Tonnen pro Hektar bei Sonnenblumen. Palmöl ist somit schwer ersetzbar, deckt es doch angebaut auf vergleichsweise geringer Fläche einen großen Teil des weitweiten Bedarfs an Pflanzenölen.


Feste Schokolade durch Palmöl

"Außerdem lässt sich Palmöl sehr gut verarbeiten", sagt Dr. Betrand Matthäus, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max Rubner-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, der sich mit Fettforschung befasst. Unter anderem ist das Öl, das aus den Früchten der Ölpalme gewonnen wird, besonders hitzestabil. Das macht es zum Beispiel interessant für Schokoladenhersteller, da ihre Schokoriegel und Pralinen mit Palmöl bei Raumtemperatur nicht schmelzen. Wenn sie Rapsöl verwenden würden, wäre das der Fall.

Für eine ausgewogene Ernährung ist Palmöl aber nicht optimal. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt in ihrer Fett-Leitlinie gesättigte Fettsäuren durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren weitgehend zu ersetzen. Das soll die Cholesterolkonzentration im Blut senken und somit auch das Risiko für eine Erkrankung der Herzkranzgefäße. Palmöl enthält Carotinoide und Vitamin-E. Es besteht jedoch zu rund 50 Prozent aus gesättigten Fettsäuren und enthält fast keine Omega-3-Fettsäuren. Bei Rapsöl ist das Verhältnis zwischen den mehrfach ungesättigten Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren besser und es liefert auch insgesamt mehr einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren. "Geht man nach den DGE-Empfehlungen, ist Rapsöl im Hinblick auf die Zusammensetzung der Fettsäuren dem Palmöl also überlegen", erklärt Lebensmittelchemiker Matthäus.

Kann eine Zertifizierung das Umweltproblem lösen?

Trotzdem verwendet die Industrie Palmöl in immer größerem Umfang. Der Umwelt schadet der Anbau von Palmölplantagen teilweise immens. Doch nicht die Umwelt, sondern das Preisargument steht für viele Hersteller an erster Stelle. Jering vom Umweltbundesamt: "Mit der wachsenden Weltbevölkerung steigt auch die Nachfrage nach Konsumgütern, damit wächst der Markt für Palmöl. So werden weiter Flächen in Anspruch genommen und Wälder gerodet für immer neue Palmölplantagen". Der Bund für Umwelt und Naturschutz schätzt, dass sich industrielle Palmölplantagen weltweit auf rund 15 Millionen Hektar Fläche erstrecken (zum Vergleich: Deutschland hat eine Fläche von rund 35,7 Millionen Hektar). Angebaut wird vorwiegend in Indonesien und Malaysia, aber auch Regenwälder in Brasilien und einigen afrikanischen Staaten werden inzwischen abgeholzt. Das wirkt sich nicht nur auf die Fauna aus und nimmt gefährdeten Tieren wie Orang Utans den Lebensraum. Es führt auch dazu, dass die einheimische Landbevölkerung in bestimmten Regionen enteignet und vertrieben wird.

"Deshalb spricht sich das Umweltbundesamt für die Verwendung von zertifiziertem Palmöl aus, welches unter nachweislicher Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards produziert wurde", sagt Diplomagraringenieurin Jering. Zertifizierungssysteme sollen unter anderem gewährleisten, dass kein Regenwald gerodet und der Ausstoß von CO2-Emissionen vermindert wird. Auch die lokale Bevölkerung in den Anbauländern soll durch die Zertifzierung des Palmöls profitieren und an der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung beteiligt werden. Doch zertifiziertes Palmöl ist teurer als herkömmliches, weshalb das Gros der Hersteller weiter auf die billige Variante setzt. Gegenbewegungen gibt es: Die Initiative 'Forum Nachhaltiges Palmöl' setzt sich beispielsweise für nachhaltige Produktion ein. Zu den Mitgliedern zählen neben dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Lebensmittelhersteller und Handelsketten, die sich für die Nutzung von 100 Prozent zertifiziertem Palmöl verpflichtet haben. (http://www.forumpalmoel.org/de/startseite.html)

Bewusst einkaufen und so die Umwelt schützen

Manche Nachhaltigkeitssiegel auf Produkten wie das "Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO)" sind zwar wegen ihrer Nähe zur Industrie umstritten. "Aber besser ein zertifiziertes Produkt kaufen, als ein nicht zertifiziertes", sagt Jering vom Umweltbundesamt. "Gute Alternativen wie Bio-zertifiziertes Palmöl gibt es leider aktuell nicht genug", ergänzt Philip Heldt von der Verbraucherzentrale NRW, der sich dort als Biologe und Ökotoxikologe mit Umwelt-Themen befasst. Das Kaufverhalten hat großen Einfluss: "Wir Konsumenten haben mehr Macht, als wir annehmen", sagt Heldt: "Wenn nur noch zertifizierte Produkte nachgefragt würden, müsste die Industrie umdenken."

Der Verbraucher kann der Industrie ein deutliches Signal geben, indem er beim Hersteller nachfragt, ob zertifiziertes Öl verwendet wurde. Auch wenn er sich für zertifiziertes Palmöl im Produkt entscheidet oder Waschmittel und Süßigkeiten ohne Palmöl kauft, kann er Druck ausüben. "Generell sollten Konsumentscheidungen bewusst getroffen werden, und das ist eigentlich ganz einfach", so Heldt: "Überlegen Sie beim Einkaufen, ob Sie den Artikel wirklich brauchen. Verzicht schont unsere Ressourcen und ist das Beste für Umwelt und Klima". Wer Fertigprodukte wie Pizza, Schokoriegel und Chips mit Palmöl also gar nicht erst einkauft, schont die Umwelt und beugt überflüssigen Kilos vor. Das Öl umgehen kann man auch, indem man auf regionale Produkte setzt und öfter mal selbst kocht.



Bildnachweis: Imago Stock & People/Mintimages, Istock/imagestock/HamsterMan/aopsan/Estherr

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