Pro & Contra: Hilft eine Zweitmeinung?

Bei bestimmten Operationen haben Patienten seit Juli ein Recht auf eine Zweitmeinung. Doch einige Experten äußern Bedenken. Zwei gegensätzliche Positionen

von Michael Aust, aktualisiert am 22.12.2015

Eine Zweitmeinung kann einem Patienten helfen, wichtige Entscheidungen bewusst zu treffen, sie kann aber auch verunsichern

Glow Images/Juice Images/Graham Oliver

Soll ich mich operieren lassen oder nicht? Von solchen Entscheidungen fühlen sich viele Patienten überfordert. Naturgemäß fällt es me­dizinischen Laien schwer, Therapie-Empfehlungen ihres Arztes zu beurteilen. Zudem will man sich ganz sicher sein, bevor man einem Eingriff mit Risiken zustimmt – und holt lieber die Meinung eines zweiten Mediziners ein.


Diesem Wunsch kamen viele Kranken­kassen bislang schon freiwillig nach: So können Versicherte der AOK Hessen "kostenlos eine ärztliche Zweitmeinung bei Krebserkrankungen sowie bei ortho­pädischen Operationen" einholen. Die Techniker Krankenkasse arbeitet mit 30 Schmerzzentren zusammen, wo sich Versicherte vor einer Rücken-OP unentgeltlich beraten lassen können.

Gesetzlich fixiert war ein solches Recht für Patienten bisher nicht. Das hat sich erst mit dem "Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung" geändert, das im Juli 2015 in Kraft trat. Der Gesetzgeber beschränkt den Anspruch auf eine unabhängige Zweitmeinung darin allerdings auf langfristig planbare Eingriffe. Es handelt sich also um Fälle, bei denen die Ärzte im Zweifel wirtschaftliche Argumente in die Waagschale werfen. Und daraufhin möglicherweise zu einer Operation raten, bei der sie sonst gezögert hätten. Für welche Fälle das neue Recht konkret gilt, soll der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte, Kassen und Kliniken entscheiden.

Die Einschränkung schmeckt manchen Verbraucherschützern nicht: Sie fordern, dass das Recht auf eine Zweitmeinung ausgeweitet wird. Bei einigen Experten stößt die Neuerung hingegen auf Kritik.€Sie löse grundsätzliche Probleme einer Therapie-Empfehlung nicht – ­etwa dass manche Operationen finanziell lohnender sind als andere Behandlungen.

Vertreterinnen beider Standpunkte nennen ihre Argumente.


Susanne Mauersberg ist Gesundheitsexpertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen und -verbände

W&B/Jonas Holthaus

PRO: "Kollegiale Kontrolle"

"Ärzte sind Menschen – und Menschen machen Fehler. Bei wenigen Indikationen ist die Häufigkeit von Fehl- und Überdiagnosen so gut dokumentiert wie beim Hodenkrebs: In einer Studie der Univer­sitätsklinik Ulm mit fast 1000 Fällen wurde je eine zweite Meinung eingeholt. Bei fast 40 Prozent ergaben sich Unterschiede zwischen Therapieplan und Zweitmeinung. Bei jedem sechsten Betroffenen wurde deshalb die ursprüngliche Planung verändert.

Solche Zahlen zeigen: Ein gesetzlicher Anspruch auf eine Zweitmeinung war längst überfällig. Nicht nur, um eine kollegiale Kontrolle auch im ambulan­ten Bereich zu verankern. Zudem könnte das Ver­fahren helfen, die Kommunikation zwischen Arzt
und Patient zu verbessern. Ärzte müssen begreifen, dass sie auch von Patienten etwas lernen können. Und Patienten müssen verstehen, dass die moderne Medizin viel zu komplex ist, als dass ein einziger Mediziner alles im Blick haben kann.

Das Manko der neuen Regelung ist, dass sie nur bei "mengenmäßig" relevanten Indikationen gilt, bei denen die Kassen womöglich tief in die Tasche greifen müssten. Das ist ein ökonomisches Argument, wo es doch eigentlich um Patientenvertrauen gehen sollte. Wir Verbraucherschützer fordern deshalb, den Anspruch auf alle Krankheiten auszuweiten, die ein hohes Bedrohungspotenzial mit sich bringen. Der Einwand, dass man statt eines Rechts auf Zweitmeinung eine optimale Erstdiagnose fördern sollte, ist realitätsfern: Natürlich wäre dies erstrebenswert. Doch, wie die Hodenkrebs-Studie zeigt, passieren Fehler. Die Ausweitung der kollegialen Kontrolle wäre ein gutes Mittel zur Qualitätssteigerung.


Professorin Ingrid Mühlhauser ist Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin

W&B/Sarah Rubensdörffer

CONTRA: "Nur eine Scheinlösung"

"Eines vorweg: Wir sind nicht grundsätzlich gegen eine Zweitmeinung. In vielen Fällen ist sie sogar sehr sinnvoll. Gerade die Interpretation von bildgebenden Verfahren kann schwierig sein. Im Früherkennungsprogramm für Brustkrebs etwa ist eine Zweitbegutachtung der Mammografie sogar vorgeschrieben. Allerdings ist ein gesetzliches Recht auf eine Zweitmeinung nur eine Scheinlösung für das Problem der Fehl- und Überdiagnosen. Es lenkt ab von dem, was eigentlich passieren müsste: eine wissenschaftlich abgesicherte Indikationsstellung und eine gute Aufklärung der Patienten. An beidem mangelt es oft schon bei der Erstmeinung.

Bereits seit 2013 schreibt das Patientenrechtegesetz vor, dass Patienten über alle Behandlungsoptionen und deren Nutzen, die möglichen Schäden und Risiken aufgeklärt werden müssen – anhand des ­Forschungsstands und der Leitlinien. Der Arzt muss auch die Chancen und Risiken von Alternativen nachvollziehbar und auf Grundlage der besten wissenschaftlichen Evidenz präsentieren, damit der Patient mitentscheiden kann. Leider sieht die Realität der ärztlichen Beratung auch heute oft anders aus.

Immer noch lohnen sich bestimmte Eingriffe finanziell mehr als andere Behandlungsoptionen. Wer die Zahl dieser "nicht indizierten operativen Eingriffe" senken will, wie die Regierung schreibt, sollte an ­diesen Fehlanreizen etwas ändern. Ein Recht auf eine Zweitmeinung bei "planbaren, mengenanfälligen Indikationen" deckt dieses Problem nur zu.



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