Blutdruck-Spezialist: Professor Michael Böhm, hier im Nierenkatheterlabor der Uniklinik des Saarlandes
So häufig und folgenreich das Leiden, so interessant ist es für die Pharmaindustrie: Patienten mit Bluthochdruck steht eine bunte Palette an Medikamenten zur Verfügung. Zum Standard zählen Substanzen aus fünf Wirkstoffklassen, meist in Kombination angewandt. Doch die Einstellung der Patienten auf eine wirksame Therapie ist oft schwierig. Bei 10 bis 30 Prozent von ihnen genügt selbst die gleichzeitige Nutzung von drei oder mehr Arzneimitteln nicht, um den Blutdruck wieder in den normalen Bereich zu bringen.
Für solche Menschen weckt ein neues Verfahren Hoffnung, das Forscher aus Deutschland und Australien entwickelten. Ihm liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die Nieren auf mehrfache Weise den Blutdruck beeinflussen. Eine wichtige Rolle dabei spielen Nervenfasern, die in den Gefäßwänden der Nierenarterie zum Filterorgan verlaufen. Durch die Verödung dieser Nerven, so die Idee der Forscher, sollte sich der ungünstige Effekt der Nieren auf die Messwerte beheben lassen.
Dass das Prinzip funktioniert, belegten die Ärzte nun in einer internationalen Studie mit 24 beteiligten Kliniken. Sie behandelten 106 Patienten, deren oberer (systolischer) Blutdruckwert trotz zuverlässiger Einnahme von mindestens drei Medikamenten bei über 160 mm Quecksilbersäule (mmHg) lag. Die Patienten wurden zwei Gruppen zugelost: Eine Hälfte schluckte weiter nur ihre Arzneien. Bei der anderen nahmen die Ärzte zusätzlich einen Kathetereingriff vor, bei dem sie die nierenzuführenden Nerven verödeten.
Ergebnis nach sechs Monaten: Bei katheterbehandelten Patienten waren beide Blutdruckwerte im Schnitt um 32/12 mmHg gesunken, während sie bei der Kontrollgruppe fast unverändert hoch blieben. 84 Prozent der Patienten sprachen auf die Therapie an.
„Inzwischen wissen wir, dass die Wirkung bis 18 Monate nach der Behandlung noch ansteigt und auch nach zwei Jahren stabil bleibt“, berichtet Professor Michael Böhm, deutscher Studienleiter und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Weiterer positiver Effekt: Auch die Blutzuckerwerte der teilnehmenden Diabetiker besserten sich.
An Nebenwirkungen nennt der Experte im Wesentlichen leichte Blutergüsse an den Leisten, durch die der Katheter eingeführt wird. „Wichtig ist, dass die Herzfrequenz stabil blieb, die Arterien keinen Schaden nahmen und die Nierenfunktion nicht ungünstig beeinflusst wurde“, betont Böhm.
Doch ist die Ausschaltung der Nerven auf Dauer nicht gefährlich? Schlechte Erfahrungen machten Chirurgen vor 60 Jahren, als sie mit demselben Ziel einen Großteil des sogenannten sympathischen Nervensystems kappten. Anschließend litten viele Patienten an Gangstörungen, waren inkontinent oder impotent. Doch das Katheterverfahren ist präziser: „Wir behandeln nur die zur Niere führenden Nerven, und auch die werden nicht restlos ausgeschaltet“, beruhigt Professor Lars Christian Rump, Direktor der Universitätsklinik für Nephrologie in Düsseldorf.
Inzwischen bietet ein gutes halbes Dutzend deutscher Universitätskliniken das Verfahren an. Die Krankenkassen bezahlen es allerdings noch nicht. Die Kliniken bemühen sich um eine entsprechende Abrechnungsziffer, auch Gespräche mit dem für die Kassenleistungen verantwortlichen Gemeinsamen Bundesausschuss laufen. „Im Moment bestreiten wir das aus unserem Klinikbudget“, berichtet Professorin Uta Hoppe vom Herzzentrum der Universitätsklinik Köln.
Hoppe warnt jedoch davor, die Katheterbehandlung bereits als Erstbehandlung vor einem Versuch mit Medikamenten einzusetzen: „Dies müsste man zunächst in entsprechenden Studien bei einer größeren Gruppe von Patienten untersuchen.“ Auch nach der Nervenverödung könne man die Medikamentendosis nur vorsichtig und nicht bei allen Patienten senken.
Zunächst müsse man immer klären, warum die Patienten auf eine Arzneitherapie nicht ansprechen, betont Lars Christian Rump: „Es kann ja auch sein, dass sie die Tabletten nicht regelmäßig einnehmen, an einer Nieren- oder Nebennierenerkrankung oder an Atemaussetzern im Schlaf leiden.“ Er warnt zudem davor, die Behandlung an Menschen vorzunehmen, für die sie nicht untersucht wurde: „Ob das etwa auch bei mildem Bluthochdruck funktioniert, ist keineswegs sicher.“
Dr. Reinhard Door / Apotheken Umschau;
25.05.2011
Bildnachweis: W&B/Szczesny, W&B/Antonio Bello
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