Strategien gegen Knie-Arthrose

Verschleißt der Knorpel im Kniegelenk, kann das schmerzen. Mit Physiotherapie, Medikamenten und speziellen Therapieverfahren lässt sich die Arthrose bekämpfen

von Dr. Ralph Müller-Gesser, aktualisiert am 01.09.2014

Fit bleiben: Ohne Bewegung verliert der Gelenkknorpel seine Elastizität

Thinkstock/istock

Von einem objektiven Standpunkt aus betrachtet stehen die Chancen schlecht, den Beschwerden zu entkommen. Manfred Bauer weiß das nur zu gut. Zum einen behandelt er ständig Menschen mit Knieschmerzen, zum anderen hatte er selbst lange mit diesen zu kämpfen. Früher oder später zwickt, knarrt oder kracht es im Knie.

"Zum Glück sind die Proble­me meist harmlos", beruhigt Bauer, Physiotherapeut in Seeheim-Jugenheim an der Bergstraße. "Manchmal aber ist Vorsicht geboten, denn sie können auch Verschleiß ankündigen."


Vorsicht bei Schmerzen im Knie

Die Alarmglocken sollten spätestens schrillen, wenn Schmerzen das Knirschen und Krachen begleiten – nach Belastungen oder sogar in Ruhe – oder das Knie morgens eine Viertelstunde braucht, bevor es belastbar ist. Diese Zeichen weisen auf eine Arthrose hin. Der Knorpel schwächelt, er büßt allmählich jene besonderen Eigenschaften ein, die Ärzte zum Schwärmen und Material­forscher ins Grübeln bringen.

Die Innenauskleidung des Gelenks, die für einen reibungslosen Ablauf von Bewegungen sorgt, vereint eigentlich Unvereinbares. Knorpel ist robust wie Holz, weich wie Gummi und glitschig wie Eis – eine perfekte Kombination, um Kräfte zu bändigen, die bei Bewegung im Knie auftreten. Der Orthopäde und Unfallchirurg Professor Ulrich Nöth, Chefarzt der Orthopädischen Klinik am Spandauer Waldkrankenhaus in Berlin, ist sich sicher: "Was die Natur da geschaffen hat, werden wir nie nachahmen können."

Knorpel besitzt keine Blutgefäße

Um die Aufgaben als Stoßdämpfer und Gleitlager zu erfüllen, besitzt der Knorpel im Knie einen besonderen Aufbau. Er enthält nur wenige Zellen, aber viele Kollagenfasern, große Eiweiß-Zucker-Moleküle, sogenannte Proteoglykane, und vor allem Wasser – aber keine Blutgefäße. "Knorpelzellen beziehen ihre Nährstoffe nur aus der Gelenkflüssigkeit", erklärt Nöth.

Da sich Knorpelzellen nicht vermehren, rät Professor Christian Wirtz, Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Univer­sitätsklinikum Bonn, mit den Knien achtsam umzugehen: "Schließlich tragen sie Tag für Tag unser Körpergewicht und sind bei vielen sportlichen wie beruflichen Aktivitäten äußerst ge­fordert." Doch oft strapazieren überflüssige Kilos, schiefe Beinachsen, Menis­kus­verletzungen, aber auch Extremsport und starke Berufsanforderungen den Knorpel bis an seine Grenzen und darüber hinaus. Genetische Faktoren und Erkrankungen wie Rheuma oder Gicht tun ihr Übriges – wie auch chronische Unterforderung.

Der Knorpel braucht Bewegung

"Knorpel braucht ausreichend Bewegung, um gesund und widerstands­fähig zu bleiben", sagt Wirtz. Doch daran mangelt es oft. Daher scheint die Schätzung von rund fünf Millionen Arthrose-Geplagten in Deutschland eher zu niedrig als zu hoch.

Je mehr die Knorpelschicht ausdünnt, je mehr Risse sie bekommt und je rauer ihre Oberfläche wird, umso mehr nimmt die Reibung im Gelenk zu. Sie erreicht einen dramatischen Höhe­punkt, wenn Knochen auf Knochen scheuert. Starke Schmerzen und eine eingeschränkte Lebensqualität lassen dann oft nur noch einen Ausweg: ein künstliches Kniegelenk. Rund 130.000 solche Prothesen werden jedes Jahr in Deutschland implantiert.

Arthrose-Schmerzen lindern, Verschleiß aufhalten

Der Verschleiß lässt sich zwar nicht mehr rückgängig machen, aber zumindest aufhalten. So senkt die richtige Behandlung die Belastung auf die Knie, mindert die Schmerzen und verbessert die Beweglichkeit. Zur Entlastung der Gelenke trägt bei, wer überflüssige Pfunde abbaut und orthopädische Probleme wie schiefe Beinachsen oder kaputte Menisken beheben lässt.

Gegen Arthrose-Schmerzen können Medikamente zum Einnehmen und Salben zum Einreiben aus der Apotheke helfen, sowie eine ganze Reihe physikalischer Maßnahmen, welche zudem die Beweglichkeit verbessern. "Selbst bei fortgeschrittener Arthrose lassen sich damit noch erstaunliche Erfolge erzielen", macht Physiotherapeut Tobias Frost Mut. Er ist stellvertretender Leiter der Abteilung für Physiotherapie und Sporttherapie an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau. "Die Chancen stehen umso besser, je früher die Maßnahmen beginnen und je konsequenter sie umgesetzt werden."

Bewegung lindert Knieschmerzen

Dabei steht Bewegung ganz oben auf der Liste der Dinge, die Knien guttun – so seltsam es anmutet. Tatsächlich lindert sie Schmerzen und verbessert die Beweglichkeit. "Geeignet sind gleichförmige Bewegungen ohne Belastung,  etwa auf dem Fahrradergometer oder Schwimmen in Kraultechnik", sagt Frost. Als besonders angenehm empfinden viele Arthrose-Patienten Bewegungsübungen im Wasser – dort sind sie vom Körpergewicht entlastet.

Auch Wärmeanwendungen und gezielte Massagen, welche die Muskelspannung senken, können gegen Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit helfen. Das gilt ebenso für das Dehnen der Beinmuskeln und Traktionsbehandlungen, bei denen der Therapeut einen sanften Zug auf das Knie ausübt.

Muskulatur mit Knieübungen kräftigen

Für dauerhafte Schmerzlinderung sorgt eine starke Muskulatur: Sie ent­lastet das Gelenk. Kräftigen lassen sich die Muskeln bereits durch einfaches An- und Entspannen, aber auch mit krankengymnastischen Übungen und speziellem Krafttraining an Geräten.

Wie Physiotherapeut Frost legt auch sein Kollege Bauer großen Wert auf das Koordinationstraining: "Nur wenn die Muskeln einwandfrei zusammenarbeiten, stabilisieren sie das Gelenk optimal." Unter anderem eignen sich Übungen im Einbeinstand, auf Weichboden, Wackelbrett oder Kreisel. Wie in puncto Kräftigung gilt auch hier: Die Übungen lassen sich meist allein ausführen. Bauer: "Die Physiotherapie ist als Anleitung zur Selbsthilfe gedacht."

Frühzeitiges Trainig hilft Patienten vor und nach der Operation

Mit den geeigneten Maßnahmen bessern sich die Beschwerden fast immer – eigentlich erstaunlich, denn an dem Zustand des verschlissenen Knorpel ändern sie nichts. Vielen Patienten gelingt es dennoch, den Zeitpunkt, an dem nur noch ein künstliches Gelenk hilft, um Jahre hinauszuschieben – angesichts der begrenzten Lebensdauer von Knieprothesen ein großer Erfolg.

Das Training zahlt sich auch aus, wenn irgendwann doch eine Prothese nötig ist. Physiotherapeut Bauer ließ sich vor drei Jahren operieren. Er treibt wieder Sport und arbeitet voll: "Mit dem künstlichen Gelenk kommt man umso besser zurecht, je beweglicher und kräftiger das Gelenk trotz der Beschwerden vor der Operation noch war."

Knorpelabbau nach Unfällen

Während Verschleiß häufig den Knorpel im ganzen Knie betrifft, sind punktuelle Schäden meist die Folge von Unfällen beim Sport, im Straßenverkehr oder Beruf. Bricht ein Knochen am Knie oder reißt ein Kreuzband, beschädigen die Kräfte teilweise die Innenauskleidung. Die Gefahr: Diese Schäden lösen einen beschleunigten Gelenkverschleiß aus.

Verschiedene operative Verfahren,  die nicht unumstritten sind, sollen helfen, den Betroffenen ein solches Schicksal zu ersparen. So glätten Ärzte entweder bei einer Kniespiegelung den Knorpel-Knochen-Defekt mit kleinen Fräsen, oder sie bohren winzige Löcher durch den kaputten Knorpel bis in den darunterliegenden Knochen. "Die Blutung stimuliert die Bildung von Ersatzknorpel", erklärt Orthopäde Wirtz. "Allerdings hat er nicht die gleiche Qualität wie der ursprüngliche."

Knorpel-Transplantation – wann geeignet?

Seit 15 Jahren gelingt es auch, Knorpel zu transplantieren. "Das Verfahren eignet sich nur bei jüngeren Patienten und bei kleinen Schäden, die von gesundem Knorpel umgeben sind", sagt Wirtz. Zunächst wird bei einer Spiegelung aus einem gesunden Teil des Knies eine kleine Knorpelprobe entnommen. Anschlie­ßend werden die Zellen in einem Spezial­labor vermehrt und in einer zweiten Operation übertragen. Das Ziel: Sie sollen einwachsen und neuen Knorpel bilden.

Für den Patienten bedeutet das: Er darf das Gelenk wochenlang nur mit geringem Gewicht belasten und benötigt eine intensive Nachbehandlung. Wirtz, der das Verfahren seit 2002 anwendet, hat gute Erfahrungen damit gemacht: "Die meisten Patienten können nach einem Jahr wieder Sport treiben."

Stammzellen ins Knie spritzen?

Eine europäische Forschergruppe, der Orthopäde Nöth angehört, geht einen anderen Weg, um übertragbare Knorpelzellen zu erhalten: "Wir entnehmen dem Patienten etwas Fett­gewebe und isolieren daraus Stammzellen. Sie besitzen die Eigenschaft, sich zu Knorpelzellen entwickeln zu können." Die im Labor gezüchtete Zelllösung wird dem Patienten in das Knie gespritzt.

"Es ist möglich, dass die Knorpel­zellen in den Defekt einwachsen", berichtet Nöth. "Vermutlich aber beruht die Hauptwirkung darauf, dass sie die Entzündung im Knie dämpfen." Die bisherigen Ergebnisse des Verfahrens, das sich noch in der Studien­phase befindet, sind ermutigend. Bei allen Patienten gingen die Schmerzen zurück.



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