Ein Generationen-übergreifendes Gespräch über den letzten Lebensabschnitt. Und wie der Age Explorer das Gefühl vermittelt, alt zu sein
Ob als Großmutter, Mutter oder Kind jeder Lebensabschnitt hat seine positive Seiten
Wann geht das eigentlich los, das Altwerden? "Altern ist ein schleichender Prozess“, erzählt Helga Fluhr aus Augsburg. Sie muss es wissen, als 72-Jährige. Wann er genau einsetzt, darüber streiten sich die Gelehrten. Manche meinen bereits mit der Geburt. Helga Fluhrs Enkelin Christina hat ihre eigene Theorie: Altern beginnt für sie dann, wenn man sich nicht mehr wünscht, älter zu werden. Denn so lange man Kind ist, gebe es nichts Erstrebenswerteres als älter zu werden, zu den „Großen“ zu gehören und mehr zu dürfen. Höre dies auf, fange man an, alt zu werden.
So macht sich wohl jeder seine eigene Gedanken über das Altern. Wir haben deswegen drei Generationen an einen Tisch gesetzt, um darüber zu sprechen: Die Autorin Gerti Fluhr-Meyer, ihre Mutter Helga und ihre Tochter Christina. Sehen Sie das Gespräch im Video unten.
Video Altern: Autorin Gerti Fluhr-Meyer im Gespräch mit ihrer Mutter Helga Fluhr und ihrer Tochter Christina
Wer jung ist, kann sich oft nicht vorstellen, wie es ist alt zu sein. Denn sonst kämen Szenen wie folgende wohl kaum zustande: Eben hatte sich in der beliebten TV-Serie die Darstellerin der gebrechlichen Großmutter noch gebeugt und sichtlich geplagt von Hüft- oder Rückenschmerzen über die Straße gequält. Jetzt schwingt sie sich wie eine 25-Jährige in das Cabrio ihres Enkels.
Die Filmemacher haben sich anscheinend keine Gedanken gemacht, wie schmerzhaft es sein kann, alt zu sein. Denn dann wüssten sie: So einfach und problemlos, wie hier gezeigt, kann die alte Dame niemals in das tief liegende Gefährt gelangen.
Ein einfacher Selbstversuch könnte helfen, Fehler wie in der Cabrio-Szene künftig zu vermeiden. Möglich machen würde ihn ein sogenannter Age Explorer. Dabei handelt es sich um einen Spezialanzug, der die körperliche Befindlichkeit im Alter simuliert. Wer in den astronautenartigen Anzug schlüpft, beamt sich gewissermaßen in den Körper eines 80-Jährigen.
Age Explorer: Der Spezialanzug vermittelt, wie es ist alt zu sein
Das gelbliche Glas des Helm-Visiers lässt nur einen Teil des sichtbaren Lichts durch und schränkt das Gesichtsfeld ein. Spezielle Kopfhörer im Helm schlucken Umgebungsgeräusche und erschweren Unterhaltung und Orientierung bei Stimmengewirr. Am ganzen Körper verteilte Gewichte und Versteifungen in den Kniekehlen vermitteln das Gefühl nachlassender Kräfte und verminderter Beweglichkeit.
Handschuhe, die innen wie eine Massagebürste beschichtet sind, setzen die Empfindlichkeit der Finger herab. Alltägliche Verrichtungen wie Treppensteigen, das Öffnen einer Dose, das Schreiben einer SMS oder das Einsteigen in das Cabrio werden mit dem Zeitreise-Anzug plötzlich zur beschwerlichen Herausforderung.
"Der Age Explorer vermittelt Jüngeren die körperlichen Veränderungen im Alter gut und eindrucksvoll", meint der Heidelberger Altersforscher und Psychologie-Professor Hans-Werner Wahl. Eine wichtige Tatsache bleibt jedoch naturgemäß unberücksichtigt: Altern geschieht nicht von heute auf morgen, sondern langsam. Die Menschen entwickeln Strategien, die entstehenden Defizite zu kompensieren. Eine wissenschaftliche Studie habe zum Beispiel gezeigt, dass Senioren Sehbehinderungen ausgleichen können, indem sie mit den Händen sehen lernen. Für solche Anpassungen gebe es viele weitere Beispiele.
Spätestens ab dem 80ten Lebensjahr fühlt sich fast jeder Mensch alt und leidet mehr oder weniger unter den im Age-Explorer simulierten Einschränkungen. Interessanterweise kommen Menschen damit unterschiedlich gut zurecht. Entscheidend ist nach Beobachtung von Altersforscher Wahl die Einstellung: "Wer zu seiner altersbedingten Langsamkeit steht und akzeptiert, dass alles nicht mehr so schnell geht, hat es leichter als derjenige, der das nicht tut."
Generell kommt es laut Wahl im Alter darauf an, wie der Einzelne, mit schwierigen Situationen umgeht. Der heutigen Generation der Alten, komme dabei ihre Erfahrung aus dem Krieg zugute. Wichtig seien Flexibilität und die Bereitschaft, Lebensziele und –gestaltung auch einmal zu korrigieren, wenn sich Randbedingungen ändern.
"Wie immer im Leben so ist es auch im Alter wichtig zu versuchen, das Positive zu sehen", meint Helga Fluhr. Dazu gehöre zum Beispiel Zeit, von der man nun viel mehr habe und die einen die Dinge gelassener angehen lasse. Vielleicht hilft dem einen oder anderem bei der Suche nach den positiven Seiten des Lebensabschnitts auch eine Erkenntnis von Fluhrs Enkelin: Schön am Altsein ist, dass man keine Prüfungen mehr schreiben muss!
Gerti Fluhr-Meyer, Alexander Nerz / GesundheitPro;
17.07.2009, aktualisiert am 26.06.2010
Age-Explorer.de, Jupiter Images GmbH/Goodshot
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