Mut zum Neustart

Sehnsucht nach Veränderung? Aus alten Gewohnheiten auszubrechen, das erfordert Mut. Über drei Menschen, die sich diesen Wunsch erfüllt haben

von Frieda Cossham, aktualisiert am 24.03.2016

Alles auf Anfang: Das alte Leben hinter sich lassen und noch einmal neu beginnen

Fotolia/cristina conti

Der Weg in den Park, die Nachbarn, die wir täglich grüßen, die Arbeit, der wir nachgehen. Alles Vertraute war uns einmal fremd. Wir haben es nur vergessen. Haben uns eingerichtet in unseren Gewohnheiten – bis sie uns zwicken. Manche von uns würden vielleicht gerne den Job wechseln, manche träumen von einem Umzug aufs Land, und andere spielen mit dem Gedanken, sich von ihrem Partner zu trennen.

Doch einen Neuanfang zu wagen, das erfordert Mut. Veränderungen passieren nicht einfach, man muss sie wollen und angehen. Sibylle Tobler, die als promovierte Theologin heute Menschen coacht, die vor einem neuen Anfang stehen, rät dazu, sich zunächst die richtigen Fragen zu stellen. Was soll eigentlich anders werden und warum? Wie verhalte ich mich meinem Wunsch gegenüber? Macht er mir Angst, verdränge ich ihn?


Anschließend sollte man entschlossen vorwärtsgehen, immer sein Ziel vor Augen. Viele aber zögern, zweifeln an der Umsetzbarkeit, wollen sich absichern, nicht loslassen. Sich selbstständig machen, auswandern, sich auf eine Liebe einlassen, plötzlich erscheint all das wahnsinnig. Oder zumindest lächerlich. "Das Klammern an Sicherheiten erschwert das Handeln", so Expertin Tobler.

Vertrauen wir stattdessen lieber darauf, dass wir ankommen werden – auch wenn wir stolpern. "Es ist nie zu spät, so zu sein, wie man es gerne gewesen wäre", schrieb die Schriftstellerin George Eliot. Und zu wissen, wie man gerne wäre, ist der erste Schritt. Weitere müssen folgen. Drei Menschen erzählen, wie sie es geschafft haben. Und warum es sich lohnt, etwas zu wagen.


Journalistin Jessica S.

W&B/Florian Generotzky

"Mein Job war ein Gefängnis"

Jessica S. (27) arbeitet als freie Journalistin in München. Ihre erste feste Stelle hat sie gegen das Abenteuer einer Walz getauscht.

Abitur, Studium, Journalistenschule – mein Leben ist geradlinig verlaufen. Ohne Pausen. Mit 24 war ich fest angestellte Redakteurin, Arbeitszeit 10 bis 19 Uhr, 25 Urlaubstage pro Jahr. Es fühlte sich an wie ein Gefängnis. Dann lernte ich Sarah kennen, Bäckergesellin auf Wanderschaft, auf der Walz. Sie zieht umher, lernt bei verschiedenen Meistern, weiß morgens nicht, wo sie abends schläft. Schnell war mir klar: Das will ich auch. Ich habe die Internetadresse www.wortwalz.de gekauft, mehr habe ich mich nicht getraut. Ein Jahr später kam die Rechnung: 11,88 Euro. Wieder mal nichts aus deinen Plänen geworden, dachte ich. Es hat mich wütend gemacht. Ich schrieb Sarah, dass ich loswill, jetzt wirklich, und drehte ein Crowdfunding-Video. Mehr als 50 Lokalredaktionen haben geantwortet, dass sie sich freuen würden, wenn ich käme.

Am 30. Juli 2014 bin ich losgelaufen. Erst einmal musste ich lernen zu trampen, mir war mulmig zumute, ich schämte mich. Es hat Überwindung gekostet, um Hilfe zu bitten. Zwölf Redaktionen habe ich insgesamt besucht. Die Arbeit war wie ein Alibi, die Reise musste ja einen Sinn haben. Erst nach drei Monaten spürte ich diesen Zwang nicht mehr. Bin dorthin gereist, wohin die Autos fuhren. Ich habe gelernt darauf zu vertrauen, dass sich alles fügen wird. Seitdem verlasse ich mich viel mehr auf mein Bauchgefühl. Aktuell sagt es mir, dass ich das Reisen auch nach dem Projekt Wortwalz in mein Leben integrieren sollte. Wie, das werde ich noch herausfinden.


Klavierspieler Hans. H.

W&B/Jonas Holthaus

"Ich fand mich zu alt"

Hans H. (58), Heilpädagoge aus Berlin, fing mit 50 Jahren an, Klavier spielen zu lernen

Ich war sechs Jahre alt, als ich zum ersten Mal ein Klavierkonzert hörte. Im Radio. Ich war ganz ruhig, habe die Musik bewundert. Von da an immer wieder. Gerne hätte ich Unterricht genommen. Zu teuer. Wir waren vier Kinder, mein Vater war Hilfsarbeiter. Ich habe geweint – und irgendwann nicht mehr darüber nachgedacht. Mit 50 tauchte die Frage auf: Habe ich etwas versäumt im Leben? Ja, das Klavierspiel. Ich traf Markus Wenz, Lehrer an einer Musikschule. Er hat 70-jährige Schüler, die vor fünf Jahren anfingen und heute Bach spielen. Das machte mir Mut. Die ersten Melodien habe ich jeden Tag zu Hause geübt, auf dem E-Piano, egal wie müde ich vom Job war. Es ging gut voran. Bis die linke Hand dazukam. Sofort fand ich mich zu alt, ungelenk, hoffnungslos langsam. Markus Wenz wählte ein leichteres Stück aus, ein Wiegenlied. Das sollte ich vor der Klasse präsentieren, kam mir lächerlich vor, hatte schweißnasse Hände. Am Schluss habe ich mich auch noch verspielt. Stolz war ich trotzdem.


Auswanderin Sandra F.

W&B/Eva Haeberle

"Absurd, was man vermisst"

Sandra F. (47) ist in der Werbebranche tätig. Sie wanderte vor 15 Jahren in die USA aus. Heute lebt sie wieder in Hamburg.

Nach Amerika gehen, dort arbeiten – das war unser Traum. Mein damaliger Mann war Regisseur, er hatte ein Drehbuch geschrieben, das er in Los Angeles verfilmen wollte. Ich wollte als Producerin durchstarten. Als die Greencard kam, fühlte es sich an, als klopfe Hollywood an die Tür. Doch nach der ersten Euphorie wurde mir bange. Mir fiel ein, dass ich meine Familie zurücklassen musste. Und dass mein Englisch nicht berauschend war. Ich hatte Sorge, mich nicht zurechtzufinden. Oder einsam zu sein. Ich war froh über meine Eltern, die sagten: "Sandra, wenn alles schiefgeht und du pleite auf der Straße stehst, schicken wir ein Rückflugticket." Mag absurd klingen, aber das hat mich beruhigt. Wir hatten nicht mal ein Hotelzimmer reserviert. Wir kamen in Los Angeles an mit ein paar Koffern, das war’s.

Ich musste erst einmal verarbeiten, wie groß diese Stadt ist, ein Moloch. Ich habe mich ständig verfahren, die Menschen kaum verstanden, war verzweifelt und frustriert. Zwei Jahre brauchte ich, um mich einzuleben. Zwischenzeitlich habe ich L. A. gehasst. Absurd, wie sehr man gutes Brot vermissen kann. Oder Joghurt. Und natürlich richtige Freunde. Als es in meiner Ehe kriselte, habe ich den Umzug bereut. Ich bin nach Deutschland zurückgekehrt. Und dann doch wieder nach Los Angeles gegangen – das fiel mir leichter dieses Mal. Meine Ehe konnte ich nicht retten, aber ich war unabhängig, fühlte mich frei und mutig. Ich blieb fünf Jahre. Seitdem bin ich offener, toleranter. Es fällt mir leicht, auf Menschen zuzugehen. Und diese Scheu, etwas Neues auszuprobieren, die habe ich überwunden.


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Bildnachweis: W&B/Jonas Holthaus, Fotolia/cristina conti, W&B/Florian Generotzky, W&B/Eva Haeberle

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