Lebenskrise: Wie ein Anruf helfen kann

Unterstützung bei einem akuten seelischen Problem zu finden ist schwer. Wer in eine Krise gerät, kann sich auch per Telefon Hilfe holen – anonym und schnell

von Sebastian Brodkorb, aktualisiert am 11.02.2016

Ausweg bei Notlagen: Telefonseelsorge und andere Anlaufstellen bieten rasche Hilfe

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Sabine Fink (Name geändert) hatte Angst. Angst vor dem Versagen. Angst, sich selbst nicht mehr im Griff zu haben. Die Studentin stand kurz vor einer Prüfung. Sie schlief schlecht. Damit nicht genug: Kaum hatte sie etwas gegessen, steckte sie sich den Finger in den Hals, bis sie erbrach. Sie war kurz davor zu resignieren und dachte: "Ich kann nicht mehr."

"Ein typischer Gedanke in einer akuten seelischen Krise", sagt Dr. Gabriele Schleuning, Ärztin und Vorstandsmitglied des Münchner Krisendienstes: "Die Betroffenen haben all ihre Möglichkeiten, mit einer Situation fertigzuwerden, ausgeschöpft und wissen sich selbst nicht mehr zu helfen." Der kleinste Auslöser kann in einer Not­situation fatale Folgen haben: Da macht es dann keinen Unterschied, ob die Katze erkältet oder der Ehepartner gestorben ist.

Eine psychische Krise kann jeden treffen. Wie Sabine Fink benötigen ­etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland eine therapeutische Behandlung. Das belegen Erhebungen der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Doch Plätze gibt es nicht einmal für jeden Dritten. Betroffene warten oft Wochen auf ein Erstgespräch – manche sogar Monate. Und bis die eigentliche Therapie beginnt, vergehen meist nochmals Wochen. "Eine viel zu lange Zeit", kritisiert der Berliner Krisen­berater und Psychologe Wolf Ortiz-Müller. "Wer sich in einer Krisensitu­a­tion befindet, braucht sofort Hilfe."


Neben psychiatrischen Kliniken und Ambulanzen gibt es auch zahlreiche ehren­amtliche Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Menschen in Krisen zu helfen (siehe Kasten unten). Auch wenn fast jeder Mensch irgendwann einmal eine Krise durchlebt – sich eine solche einzugestehen und zu einem Arzt oder Therapeuten zu gehen fällt schwer. Viele verzweifeln, weil sie sich selbst nicht mehr helfen können.

Anonymer Erstkontakt per Telefon

Wenn ein Betroffener die Notwendigkeit professioneller Hilfe erkannt hat, bietet sich ein Telefonat als Erstkontakt an – anonym und kostenfrei. Die Hemmschwelle ist am Hörer deutlich geringer als bei einem persönlichen Gespräch. Manchmal kann die seelische Last schon alleine durch Aufklärung gelindert werden. Etwa dass eine Krise etwas ganz Alltägliches ist, von der viele Menschen betroffen sind. Häufig können bereits am Telefon erste Entscheidungen getroffen werden.

Auch Sabine Fink hat die Nummer eines örtlichen Krisendienstes gewählt und dort Hilfe gefunden. Solche Orga­nisationen gibt es in allen deutschen Großstädten. "Der Krisendienst berät Patienten nicht nur telefonisch, sondern hat zudem eine Lotsenfunktion", erklärt Expertin Schleuning. Reicht das Telefongespräch nicht aus, um die seelischen Qualen zu lindern, wird noch am selben Tag versucht, einen freien Behandlungsplatz bei einem Therapeuten, in einer Ambulanz oder Klinik zu finden. Für besonders heikle Fälle stehen darüber hinaus mobile Krisen­berater zur Verfügung, die im Notfall zu den Anrufern fahren, um vor Ort Hilfe zu leisten.

Sabine Fink suchte nach ihrem Anruf beim Krisendienst das persönliche Gespräch. Dabei richteten die Beraterinnen sie wieder auf, gaben ihr Sicherheit und Mut. Im Anschluss vermittelten sie einen Termin bei einer speziellen Beratungsstelle. Diese gibt es für Angst- und Essstörungen ebenso wie bei sexuellem Missbrauch, Sucht und Suizidgefahr.
In den darauf folgenden Wochen wurde Sabine Fink weiterhin telefonisch begleitet, damit sie nicht wieder auf sich alleine gestellt war. Generell gilt: "Je früher ein seelisches Problem angepackt wird, desto leichter lässt es sich lösen und umso geringer ist die Gefahr, dass es chronisch wird", sagt Psychologe Ortiz-Müller.

Es gibt viele Alternativen

Hilfe bei der Suche nach Psychotherapeuten leistet die Kassenärztliche Bundesvereinigung auf ihrer Internetseite. Da die Spezialisten rar sind, bieten sich auch psychotherapeutische Ausbildungszentren als Alternative an. Sie gibt es über das ganze Bundesgebiet verteilt. Dort behandeln Ärzte und Psychologen, die sich gerade in ihrer einschlägigen Ausbildung befinden. Um eine fachlich kompetente Behandlung zu gewährleisten, geschieht dies unter Anleitung (Supervision) von Ausbildungsleitern.

Sabine Fink hat sich aus ihrer Krise heraus­gekämpft. Doch sie weiß, alleine hätte sie es nicht geschafft. Dafür ist sie ihren Beratern dankbar. Gleichzeitig hat auch sie etwas erfahren, was sie immer bezweifelt hatte: Wer sich einmal aus einer Krise befreit hat, der fühlt sich stärker als zuvor.


Hilfe per Telefon

  • Die Telefonseelsorge Deutschlands ist die ­meistgewählte Nummer bei seelischen ­Krisen. Sie kann bundesweit kostenfrei ­erreicht werden unter 08 00/1 11 01 11 ­(evangelische) oder 08 00/1 11 02 22 ­(katholische Schirmherrschaft).
    Neben der telefonischen Hilfe können auch im Internet Fragen gestellt werden, die Experten ­beantworten.
  • In Krisensituationen wegen Drogen­problemen können Betroffene den kostenpflichtigen Suchtnotruf anrufen: 0 18 05/31 30 31; 14 Cent pro Minute aus dem Festnetz. 
  • Unter der Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes (11 61 17) können Betroffene nicht nur nach medizinischer, sondern auch nach psychiatrischer Hilfe fragen.
  • Lokale Angebote haben gegenüber den ­telefonischen den Vorteil, dass sie vor Ort ­Hilfe vermitteln können und auch persönliche Beratung anbieten. Die Nummern von Krisendiensten, spezialisierten Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen können leicht durch eine Internetsuche mit dem Stichwort "Krise" und dem Namen der Stadt gefunden werden.
  • Auch der Gang zum Hausarzt oder ins Krankenhaus bietet Hilfe in der Not.

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