Warum Medikamente oft nicht lieferbar sind

Im Sommer 2015 gab es einen dramatischen Engpass bei der Produktion eines unersetzbaren Krebsmittels. Experten glauben, dass solche Fälle zunehmen werden

von Michael Aust, aktualisiert am 01.02.2016

Beispiel Melphalan: Arzneiengpässe können lebensgefährlich werden

W&B/Nina Schneider

Mussten in Deutschland Menschen sterben, weil ein wichtiges Arzneimittel nicht zu bekommen war? Dass so etwas auch heute in einem Industrieland vorstellbar ist, zeigt der Fall des Krebswirkstoffs Melphalan. Der italienische Hersteller konnte das Medikament gegen Knochenmarkkrebs im Sommer 2015 fünf Wochen lang nicht liefern – ohne dass ein Ersatzmittel verfügbar war.

Deutsche Apotheken bestellten daraufhin wirkstoffgleiche Präparate in den USA, aber die Amerikaner stoppten die Ausfuhr we­gen Eigenbedarfs. "Man hat dann Patienten ausgewählt, bei denen es besonders dringend war, und sie aus Rest­beständen versorgt", sagt Dr. Til­man Schöning, Sprecher des Ausschusses Onkologie im Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker. Andere Patienten hätten auf die Behandlung warten müssen, was ihre Therapieaussichten womöglich verschlechterte.


Auch Impfstoffe und Antibiotika betroffen

Immer wieder waren in den vergan­genen Jahren Medikamente beispielsweise gegen Krebs nicht lieferbar. In den meisten Fällen gab es für die Präparate Alternativen. Auch Impfstoffe und Antibiotika ließen sich durch andere Mittel ersetzen, erklärt etwa das für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI). "Dass es in diesem Bereich aber überhaupt zu Engpässen kommt, ist neu", sagt Professor Gerd Fätkenheuer, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. "Wir sind besorgt, dass das in Zukunft häufiger passiert."

Wie kommt es zu den Lieferproblemen?

Die Gründe für Lieferabrisse sind laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vielfältig. So gebe es einen Trend, dass wirkstoffgleiche Arzneimittel (Generika) von immer weniger Herstellern produziert werden, erklärt Maik Pommer, Sprecher des BfArM. Je weniger Anbieter für ein Mittel am Markt sind, desto schwerer wiegen die Folgen, wenn eine Produktionsstätte ausfällt.

Zudem wird die Fertigung "zunehmend ins preisgüns­tige Ausland, etwa nach Indien oder China, verlagert, wo wir nicht so engmaschig kontrollieren können wie in Europa", sagte BfArM-Chef Karl Broich September 2015 dem Handelsblatt. In dem Interview warnte er vor den Folgen, falls die Politik nicht bald handelt: "Es wird ein Fall kommen, der dramatisch wird."

Ist eine Liste mit drohenden Engpässen hilfreich?

Diese Einschätzung ihres Chefs will die Behörde nicht kommentieren. Der Sprecher verweist stattdessen auf eine Liste auf der BfArM-Internetseite, in der Hersteller drohende Engpässe ankündigen können. Sie soll eine frühe Reaktion ermöglichen – etwa indem Vorräte des Präparats angelegt werden oder indem nur noch besonders gefährdete Patienten das betroffene Mittel erhalten. Den Kern des Problems löst dies freilich nicht.

Zudem bezeichnen Experten die Datenbank, die es seit Kurzem beim PEI in ähnlicher Form für Impfstoffe gibt, als Feigenblatt. "Die Meldung ist freiwillig – und viele Hersteller scheuen die Prangerwirkung", sagt ein Branchenkenner. Das Gesundheitsministerium lehnt eine gesetzliche Meldepflicht zumindest für Impfstoffe jedoch bislang ab.

Die Unternehmen selbst sehen den Schwarzen Peter nicht bei sich. Die Auflagen für die Herstellung von Arzneimitteln seien in den vergangenen Jahren "erheblich angestiegen" und trügen zu einer "Marktverengung" bei, heißt es in einem Positionspapier von vier Herstellerverbänden. Diese Rechtfertigung lässt Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, nicht gelten: Angesichts der neuen Probleme müsse die Politik mit Gesetzen reagieren.



Bildnachweis: W&B/Nina Schneider

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