Krebs per Bluttest erkennen?

Mit einer neuen Methode, der Flüssigbiopsie, lassen sich Tumorzellen im Blut nachweisen. Forscher halten das Verfahren für vielversprechend

von Christian Krumm, aktualisiert am 18.11.2015

Blut abnehmen: Darin lassen sich Bruchstücke von Tumorzellen nachweisen

Your Photo Today/A1PIX

Um eine Krebserkrankung eindeutig bestätigen zu können, sind Ärzte auf Biopsien angewiesen: Mit feinen Nadeln oder Stanzgeräten gewinnen sie – meist im Rahmen kleiner operativer Eingriffe – Gewebeproben befallener Organe. Pathologen untersuchen die Proben dann aufwendig im Labor und beurteilen sie. Handelt es sich tatsächlich um Krebs, kann der Arzt anhand des gene­ti­schen Tumorprofils teilweise gezielt herausfinden, welches Medikament dem Patienten am besten helfen könnte – noch vor der Behandlung.


Ein Tumor gibt ständig Bruchstücke von Zellen in die Blutbahn ab

W&B/Szczesny

Im Verlauf der Therapie können Gewebeproben Aufschluss darüber geben, ob die Behandlung erfolgreich verläuft. Für die Patienten stellen sie jedoch eine enorme Belastung dar, vor allem dann, wenn zur Kon­trolle von Therapiefortschritten eigentlich regelmäßige Probeentnahmen erforderlich wären – was oft aber nicht möglich ist: "Hat ein Patient mehrere Metastasen, kann man nicht alle punktieren", erklärt Professor Klaus Pantel, Direktor des Instituts für Tumorbiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Mitunter kann eine Krebsgeschwulst auch gar nicht biopsiert werden. Beide Probleme wollen Forscher durch den Einsatz von Flüssig­bio­p­sien lösen.

Krebszellen unterscheiden sich von normalen Zellen

Dazu würde eine einfache Blutentnahme genügen. Mithilfe moderner Analysemethoden erfasst das Verfahren winzige Bruchstücke von Tumorzellen, die frei im Blut schwimmen. Die wichtigsten Informationen liefern die Nukleinsäuren DNA und RNA, welche die genetische Information des Tumors tragen. Krebszellen haben die Eigenschaft, sich schneller zu teilen als gesunde Körperzellen. Das Verhalten ist in ­ihrem gene­tischen Bauplan festgeschrieben. Dieser Gencode unterscheidet sich an vielen Stellen – teilweise sind es mehr als 150 – von dem gesunder Körperzellen. Und genau diese mutierten Abschnitte können Forscher mittels der Flüssigbiopsie identifizieren.

Dass ein Tumor Erbmaterial in das Blut abgibt, weiß man schon lange. Doch erst seit kurzer Zeit ist die moderne Labortechnik in der Lage, die winzigen Fragmente zuverlässig darin nachzuweisen. "Neue Analysetechniken ermöglichen es, die genetische Zusammensetzung vieler Tumore zu entschlüsseln", sagt Professor Justus Duyster, ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Freiburg.

Das erlaubt eine noch genauere Auswahl der nötigen Medikamente. Denn viele Tumore bestehen aus mehreren Zellgruppen mit unterschiedlichen Erbgutveränderungen. Die herkömmliche Gewebe­biopsie stößt hier an ihre Grenzen: "Nimmt man beispielsweise eine Probe vom linken Rand der Geschwulst, erwischt man vielleicht Zellen mit der Mutation X, am rechten Tumorrand wachsen aber Krebs­zellen mit der Mutation Y. Gegen diese könnte vielleicht ein anderes Medikament besser wirken", erklärt Duyster.


Professor Justus Duyster, Ärztlicher Direktor an der Uniklinik Freiburg

W&B/Thomas Rathay

Nicht bei jedem Tumor gleich gut

Weil ein Tumor eine Mischung aus verschiedenen DNA-Mutationen in die Blutgefäße abgibt, können moderne Analyseverfahren auch Varianten weitgehend erfassen. Doch das Verfahren hat seine Einschränkungen: Es funktioniert nicht bei jedem ­Tumor gleich gut. "Manche Krebsarten geben nur wenig DNA ins Blut ab, weil sie langsam wachsen und nicht sehr schnell zugrunde gehen", sagt Duyster. Das treffe beispielsweise auf Gehirntumore zu. Gut eigne sich das Verfahren aber bei Sarkomen, Lungenkarzinomen und allen Tumoren im Magen-Darm-Trakt.

Bei bestimmten Lungenkarzinomen kann das Verfahren bereits angewendet werden, zurzeit ist es jedoch überwiegend nur im Rahmen klinischer Studien zugänglich. "Auch in der Pränataldiagnostik und zur Früherkennung von Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantationen könnte es Zukunft haben", meint Experte Pantel. Auf herkömmliche Gewebebiop­sien wollen Ärzte vorerst nicht ganz verzichten: "Für die Erstdiagnose einer unbekannten Geschwulst ist die Gewebebiopsie unerlässlich, weil der Pathologe sich die Zellen unter dem Mikroskop ansehen und beurteilen muss", erklärt Justus Duyster.

Methode der Zukunft

Doch die Flüssigbiopsie gilt aufgrund ihrer Vorteile als Methode der Zukunft. Forscher hoffen, dass sie ­irgendwann sogar im Rahmen der Früherkennung eingesetzt werden könnte. Momentan ist ein solches Screening aber noch in weiter Ferne: "Krebs gibt in seinem frühen Anfangs­stadium nur sehr wenig Tumor-DNA ins Blut ab und wird daher von den aktuellen Nachweisverfahren noch nicht ausreichend gut erfasst", so der Freiburger Mediziner.

Ob die Erwartung erfüllt wird, bleibt abzuwarten. Einst galten als Hoffnungsträger für ein Krebsscreening auch Tumormarker – zum Beispiel körpereigene Eiweiße, die bei Anwesenheit eines Tumors vermehrt in das Blut abgegeben werden. Bekannt ist hier das Prostata-spezifische Antigen (PSA), das bei Prostatakarzinomen verstärkt ausgeschüttet wird. "Allerdings werden die Tumormarker noch immer überschätzt. Auch viele andere Erkrankungen, Entzündungsreaktionen und Fieber können zu einem Anstieg dieser Werte führen und die Diagnose verfälschen", warnt Duyster. Sie seien lediglich in Ausnahmefällen geeignet, um zum Beispiel frühzeitig Hinweise auf einen Rückfall zu erhalten.


Drei Krebsdiagnostik-Methoden im Vergleich

  • Flüssigbiopsie
    W&B/Szczesny

    Flüssigbiopsie: Durch eine Blutentnahme können Ärzte auf einen Tumor schließen.

    1/3

  • Gewebebiopsie
    W&B/Szczesny

    Gewebebiopsie: Es wird eine Gewebeprobe, zum Beispiel mit einer Stanze, entnommen und dann im Labor untersucht.

    2/3

  • Tumormarker Diagnostik
    W&B/Szczesny

    Tumormarker-Diagnostik: Im Blut lassen sich bestimmte Eiweiße nachweisen, die bei Vorliegen eines Tumors vermehrt auftreten. Ein Beispiel ist der PSA-Test. Die Methode gilt als ungenau.

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