Die maßgeblichen Erfinder der Kariesinfiltration: Dr. Hendrik Meyer-Lüchel und Dr. Sebastian Paris (von links)
Das Handwerk des Zahnarztes ist bisweilen ein äußerst brachiales Geschäft: Um bis in die Tiefe eines maroden Zahns vorzustoßen, wird gemeißelt, gebohrt, geschliffen, gefräst. Dann gefüllt, versiegelt oder glatt poliert. Zartbesaitete Menschen empfinden das – trotz Betäubungsspritze – als Horror schlechthin. Doch nicht allein die Angst des Patienten lässt Zahnmediziner seit Jahren nach sanfteren Alternativen zum Bohrensuchen. Ihr Bemühen dient darüber hinaus dem Zweck, neue sogenannte minimalinvasive Behandlungswege zu finden, mit denen sie in der Lage sind, möglichst viel von der Zahnsubstanz zu erhalten.
Egal, ob abgebrochen, von Bakterien zerfressen oder vom Bohrer gelöchert – der Zahnschmelz kann sich nicht regenerieren und ist somit unwiederbringlich dahin. Daher sollten sinnvolle Alternativen zum Bohren nicht nur schmerzarm sein, sondern zugleich die Zahnsubstanz schonen.
Ideen dazu gibt es genug. In der Praxis werden allerdings nur wenige davon umgesetzt – und meist nur unter großem Vorbehalt. So lässt sich kariöses Gewebe beispielsweise schmerzarm und ohne surrende Geräusche mit dem Laser entfernen. Sinnvoll ist das aber nur bei sehr geringen Schäden, die außerdem leicht zugänglich sein müssen. Das könnte erklären, weshalb diese Variante nicht mehr so oft zum Einsatz kommt.
Neuester Hoffnungsträger derzeit: die „Kariesinfiltration“. Sie wird bereits von etlichen Zahnarztpraxen angeboten. Die Methode strapaziert den Patienten nicht und kommt vor allen Dingen fast ohne Verlust von Zahnhartsubstanz aus. Damit passt sie hervorragend in das moderne Leitkonzept einer minimalinvasiven Zahnmedizin. Ihr vorrangiges Einsatzgebiet ist die Behandlung leichter bis mittlerer Kariesdefekte – vor allem im Zahnzwischenraum. Studien zeigen, dass die Bereiche zwischen den Zähnen bei fast allen Menschen unter 28 Jahren von Karies befallen sind. „Bei beginnenden Schäden musste sich der Zahnarzt bisher stets fragen, ob er hier schon bohren und wertvolle Zahnsubstanz opfern will“, sagt Privatdozent Dr. Hendrik Meyer-Lückel vom Klinikum Schleswig-Holstein der Universität zu Kiel, der an der Entwicklung der Kariesinfiltration beteiligt war.
Mit Kunststoff versiegeln
Bisher gab es zwei Wege, um Karies zu behandeln: Entweder pinselten Zahnärzte Fluoridpräparate auf den Defekt, um ihn zu remineralisieren. Alternativ setzten sie den Bohrer darauf an, um das kariöse Gewebe zu entfernen. Mit der Kariesinfiltration, ist sich Meyer-Lückel sicher, eröffnet sich eine weitere Möglichkeit: „Sie ergänzt das Bohren – ersetzen kann sie es allerdings nicht.“ Bei fortgeschrittener Karies oder solcher im Wurzelbereich muss der Arzt nach wie vor zum Bohrer greifen. Bei leichter bis mittlerer Karies kann er das gefürchtete Werkzeug durch einen Kunststoffapplikator ersetzen.
Dafür raut er erst die in der Regel noch intakte Zahnoberfläche über dem Defekt mit Säuregel auf. So entstehen feine Poren, durch die das flüssige Kunststoffharz in den Kariesherd eindringen kann. Meyer-Lückel erklärt das so: „Wie bei einem Würfel Zucker, der ein Stück weit in Kaffee gehalten wird und sich damit vollsaugt, zieht das schwammartige kariöse Gewebe durch Kapillarkräfte den Kunststoff in sich hinein.“ Anschließend härtet der Zahnarzt diesen mit einer Lampe aus.
Was in der Theorie nahezu perfekt klingt, läuft in der Realität nicht ganz so glatt. „Wenn das Verfahren den Defekt komplett abdichten würde, wäre es absolut genial“, sagt Professor Matthias Hannig dazu, Direktor der Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Präventive Zahnheilkunde am Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg. Inzwischen wisse man aber, dass dies nicht zu 100 Prozent möglich sei. Der Grund: Selbst moderne Kunststoffe haben den Nachteil, nach dem Härten leicht zu schrumpfen. Dadurch können haarfeine Risse entstehen, über die eventuell erneut Bakterien aus der Mundhöhle in den Zahn gelangen.
Insofern ist es fraglich, ob Karies damit dauerhaft gestoppt werden kann. Langzeiterfahrungen gibt es jedenfalls noch nicht. Erste klinische Studien beziehen sich auf einen Zeitraum von drei Jahren. Laut Meyer-Lückel zeigen sie, dass es bei der Kariesinfiltration im Vergleich zur Fluoridierung ungefähr viermal häufiger zu einem Stillstand der Karies kam.
Zahnmedizinischer Feldversuch
Das ist zunächst kein schlechtes Ergebnis. Langfristig muss die Methode ihr Potenzial aber erst noch beweisen. Bis dahin ist der Einsatz der Kariesinfiltration nichts anderes als ein großer Feldversuch. Für den Patienten besteht jedoch kaum Gefahr. Der größte Schaden, der dadurch entstehen kann: Die anfängliche Karies schreitet langsam fort, weshalb nach einigen Jahren doch gebohrt und gefüllt werden muss. Der größte Gewinn: Die Karies wird dauerhaft gestoppt, und der Zahn bleibt ohne Verluste erhalten.
Dr. Luitgard Marschall / Apotheken Umschau;
19.04.2011
Bildnachweis: W&B/Szczesny, W&B/Gregor Schläger
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