Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien)

Unter Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) versteht man eine unregelmäßige, vom normalen abweichende Abfolge des Herzschlags. Betroffene nehmen dies manchmal als Herzstolpern, -rasen oder als unwillkommene Pausen der Herzschlagfolge wahr

aktualisiert am 19.11.2015

Viel zu schnell: Eine Tachykardie kann sich durch Herzrasen äußern

W&B/Jörg Neisel

nach obenWas sind Herzrhythmusstörungen?

Das Herz schlägt normalerweise unter Ruhebedingungen etwa 60- bis 80-mal pro Minute. Die elektrische Aktivität, welche das Zusammenziehen des Herzmuskels und damit die Pulswelle auslöst, wird im Herzen selbst erzeugt: Taktgeber ist der sogenannte Sinusknoten, der im oberen Bereich des rechten Herzvorhofs (Atrium) liegt. Von hier aus gelangen die Impulse über die Wände der Vorhöfe zum AV-Knoten (Atrio-Ventrikular-Knoten) und weiter über spezifische Leitungsbahnen (His-Bündel, Faszikel in der rechten und linken Herzkammer und Purkinje-Fasern) in die Muskulatur des Herzens.

Wenn man sich aufregt oder körperlich anstrengt, beschleunigt sich der Puls, während er sich zum Beispiel im Schlaf verlangsamt. Diese Veränderungen werden über das sogenannte autonome Nervensystem veranlasst, welches den Sinusknoten beeinflusst.


Als Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) bezeichnet man eine unregelmäßige Abfolge des Herzschlages. Leichte oder gelegentliche Herzrhythmusstörungen werden oft gar nicht bemerkt. Der unregelmäßige Herztakt kann aber auch als "Herzstolpern" oder Herzrasen empfunden werden. Es kann zu Schwindel, Ohnmacht, Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen sowie zu Brustschmerzen und Brustenge kommen, vereinzelt sogar zum Schock.

Anhand der Herzstromkurve im Elektrokardiogramm (EKG) kann der Arzt erkennen, ob das Herz aus seinem normalen, sogenannten Sinusrhythmus, in einen unregelmäßigen (arrhythmischen) und/oder zu schnellen (tachykarden) oder zu langsamen (bradykarden) Rhythmus geraten ist. Wichtig ist es, die Ursache der Herzrhythmusstörungen herauszufinden und – wenn möglich – zu beheben.


Eine der häufigsten Herzrhythmusstörungen: Vorhofflimmern

W&B/Jörg Neisel

nach obenUrsachen

Äußere Ursachen für Herzrhythmusstörungen können zum Beispiel sein:

    •    Nervosität, Aufregung und Angst
    •    Übermäßiger Konsum von Koffein (zum Beispiel in Form von Kaffee oder Cola)
    •    Übermäßiger Alkoholkonsum
    •    Konsum von Drogen und Giften
    •    Nebenwirkung einiger Medikamente (zum Beispiel von Schilddrüsenhormonen oder Antidepressiva)
    •    Starker Blähbauch (Meteorismus)
    •    Fieberhafte Infektionen
    •    Reizung des sogenannten Karotissinus-Knotens: Das ist ein Rezeptor an der Hauptschlagader am Hals, der zum Beispiel durch einen engen Schal oder Kragen, Kopfüberstreckung oder Schlag/Druck gereizt werden kann. Die Folge ist eine starke Verlangsamung des Herzschlages bis hin zur Ohnmacht. Bei überempfindlichem Karotissinus spricht man vom Karotissinus-Syndrom.

Organische Ursachen für Arrhythmien sind unter anderem:
    •    Koronare Herzkrankheit (KHK)
    •    Herzinfarkt
    •    Herzmuskelerkrankungen (Kardiomyopathien)
    •    Herzmuskelentzündung (Myokarditis)
    •    Herz- oder Herzklappenfehler
    •    Angeborene oder erworbene Störungen der Herzerregung (zum Beispiel Wolff-Parkinson-White-Syndrom, WPW-Syndrom)
    •    Bluthochdruck (Hypertonie)
    •    Elektrolytstörungen (zum Beispiel Kaliummangel)
    •    Schilddrüsenüber- oder unterfunktion (Hyperthyreose, Hypothyreose)

nach obenFormen von Herzrhythmusstörungen

Es gibt viele Formen von Herzrhythmusstörungen: Unterschieden werden zum einen Reizbildungsstörungen (gestörte Bildung der elektrischen Impulse) von den Störungen mit einer fehlerhaften Weiterleitung der Herzerregung (Erregungsleitungsstörungen). Rhythmusstörungen werden außerdem unterteilt nach ihrem Entstehungsort (Herzvorhof oder -kammer).
Desweiteren unterscheiden Mediziner Arrythmien mit zu langsamem Herzschlag (Bradykardien und Bradyarrythmien, zum Beispiel bei Vorhofflimmern mit Herzfrequenzen unter 60 Schlägen pro Minute) von solchen mit zu schnellem Herzschlag (Tachykardien oder Tachyarrhythmie bei gleichzeitiger Unregelmäßigkeit des Herzrhythmus zum Beispiel in Folge Vorhofflimmerns mit einer Herzfrequenz über 100 Schlägen pro Minute). Herzschläge, die außerhalb des normalen Herzrhythmus auftreten, bezeichnen Ärzte als Extrasystolen.

Beispiele für Herzrhythmusstörungen sind:
    •    Vorhofflimmern, Vorhofflattern: Schnelle, unregelmäßige Erregung im Herzvorhof, die zu unregelmäßigem Puls führt. Die Folge kann sein, dass sich der Vorhof nicht mehr gleichmäßig zusammenzieht. Das beeinträchtigt den Bluttransport in die Herzkammern, die Pumpleistung des Herzens sinkt. In manchen Winkeln stockt der Blutstrom vielleicht sogar so stark, dass sich Gerinnsel bilden können. Verlassen diese über die Schlagader das Herz, können Sie ins Gehirn wandern und dort einen Schlaganfall auslösen.


Einfach anders: Extrasystolen

W&B/Jörg Neisel
  • Extrasystolen: Diese Extraschläge können entweder vom Vorhof (supraventrikuläre Extrasystolen) oder von der Kammer ausgehen (ventrikuläre Extrasystolen). Extrasystolen sind nicht immer krankhaft. Sie treten in geringer Anzahl bei fast jedem Menschen auf. Nur wenn die Extrasystolen ein bestimmtes Maß überschreiten und der Patient Beschwerden hat, ist eine Behandlung nötig
  • Supraventrikuläre Tachykardie: Herzrasen, ausgehend von Impulsen im Herzvorhof
  • Ventrikuläre Tachykardie: Herzrasen aufgrund von zusätzlichen Impulsen in der Herzkammer. Ventrikuläre Tachykardien sind unbedingt ernst zu nehmen – sie können in ein lebensbedrohliches Kammerflattern beziehungsweise Kammerflimmern übergehen.

Lebensgefährlich: Kammerflimmern

W&B/Jörg Neisel
  • Kammerflimmern, Kammerflattern: Unkoordinierte, schnelle elektrische Aktionen und unkontrolliertes Zusammenziehen der Kammer (beim Kammerflimmern über 320 Schläge pro Minute). Das Problem dabei: Die Pumpleistung des Herzens sinkt rapide. Damit liegt quasi ein funktioneller Herzstillstand vor. Ohne Behandlung endet ein Kammerflimmern nach wenigen Minuten tödlich.
  • AV-Block: Eine verzögerte (I.Grad) oder teilweise bis ganz blockierte (II. und III. Grad) Weiterleitung der Erregung zwischen Herzvorhof und Herzkammer. Die Blockierung führt zu einem verlangsamten Herzschlag. Ist die Weiterleitung komplett unterbrochen, kann es zu einem Herzstillstand kommen. Meist ist dann ein Herzschrittmacher notwendig.
  • SA-Block: Verzögerte oder blockierte Erregungsweiterleitung zwischen Sinusknoten und Vorhof (Atrium)
  • WPW-Syndrom: Angeborene zusätzliche Erregungsleitung zwischen Herzvorhof und Herzkammer, die zu Herzrasen (Tachykardie) führen kann
  • Sick-Sinus-Syndrom: Verlangsamter Herzschlag, manchmal auch abwechselnd Tachykardie und Bradykardie durch eine Störung der Funktion des Sinusknotens

Aus dem Takt: Herzrasen kann manchmal spürbar sein

W&B/Martin Ley

nach obenSymptome

Mögliche Symptome bei Herzrhythmusstörungen sind unter anderem:

  • Herzstolpern (Palpitationen)
  • Herzrasen (bei schnellem Herzschlag, Tachykardie)
  • Schwindel, Benommenheit, Verwirrtheit
  • Ohnmachtsanfälle, kurzzeitiger Bewusstseinsverlust (Synkopen), Krampfanfälle
  • Herzschmerzen und Herzenge (Angina pectoris)

Seltene, aber gefürchtete Komplikationen bei Herzrhythmusstörungen können sein:

  • Embolien (Gefäßverschlüsse durch weitergeschwemmte Blutgerinnsel)
  • Schlaganfall (Hirninfarkt, Apoplex)
  • Herzinfarkt (Myokardinfarkt)
  • Plötzlicher Herztod

EKG: Die Herzstrommessung gibt Auskunft über Rhythmusstörungen

W&B/Ronald Frommann

nach obenDiagnose

Der Arzt wird sich zunächst nach den Symptomen sowie nach Vorerkrankungen erkundigen. Anschließend folgt die körperliche Untersuchung. Beim Abhören des Herzens mit dem Stethoskop ist der unregelmäßige Herzschlag oft bereits wahrnehmbar; es sei denn, die Arrhythmien treten nur unter bestimmten Bedingungen auf. Außerdem werden Puls und Blutdruck gemessen.

Die wichtigste Untersuchung zur Diagnose von Herzrhythmusstörungen ist die Elektrokardiografie (EKG). Dabei werden über Messpunkte auf dem Brustkorb und den Armen oder Beinen die elektrischen Ströme im Herzen gemessen. Die Herzaktivität wird dann als Kurve dargestellt, aus welcher der Arzt Rückschlüsse auf die Art der Rhythmusstörung ziehen kann.

Das EKG wird zunächst unter Ruhebedingungen durchgeführt (Ruhe-EKG). Weiteren Aufschluss geben bei Bedarf ein Belastungs-EKG (Ergometrie; Messung der Herzaktivität unter Belastungsbedingung, zum Beispiel beim Laufen auf einem Laufband oder Radeln auf einem Fahrrad). Denn bestimmte Herzrhythmusstörungen treten nur dann auf oder verschlechtern sich unter Belastung. Ein Langzeit-EKG über 24 Stunden hilft, auch Unregelmäßigkeiten des Herzrhythmus aufzudecken, die nur sporadisch auftreten. Eine weitere Möglichkeit ist es, den Betroffenen ein tragbares kleines EKG-Gerät mitzugeben und sie zu bitten, das EKG anzuschalten, wenn Symptome auftreten (Eventrecorder). So können nur selten auftretende Herzrhythmusstörungen eventuell doch aufgezeichnet werden. Vermutet der Arzt Herzrhytmusstörungen als Ursache von Ohnmachtsanfällen (Synkopen) oder von Schlaganfällen, sind heute kleine, unter der Haut eingepflanze Geräte (Loop-Recorder) in der Lage, bis zu drei Jahre den Herzryhthmus zu überwachen und abzuspeichern.


Meist reichen diese Untersuchungen aus, um die Diagnose einer Herzrhythmusstörung zu stellen. Bei speziellen Fragestellungen können weitere Tests, zum Beispiel Herzstrommessungen mit einem Herzkatheter (als Elektrophysiologie bezeichnet) oder Untersuchungen unter Verabreichung bestimmter Medikamente notwendig sein.


Manchmal die Lösung: Ein Herzschrittmacher

W&B/Martina Ibelherr

nach obenTherapie

Als Kardioversion bezeichnet man die Wiederherstellung des normalen Herzrhythmus. Sie kann mit Medikamenten oder aber mit Hilfe eines Defibrillators erfolgen. Diese sogenannte Elektrokadioversion wird als Notfallbehandlung bei Kammerflattern, Kammerflimmern und (supra-)ventrikulären Tachykardien eingesetzt. Ein starker Stromstoß unterbricht dabei zunächst die elektrischen Aktivitäten im Herzen und ermöglicht so einen vom Sinusknoten ausgehenden Neubeginn. Bei Vorhofflattern und Vorhofflimmern kommt eine elektrische Kardioversion ebenfalls in Frage, wenn Medikamente die Herzaktivität nicht normalisieren können.

Eine weitere Option zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen ist die sogenannte Ablation mit Hitze (Hochfrequenzablation) oder Kälte (Kryoablation). Dabei wird das Gewebe, das als Ausgangspunkt der Herzrhythmusstörung ermittelt wurde verödet, so dass es keine Erregung mehr bildet oder leitet. Die Behandlung erfolgt über einen Herzkatheter und hat sich bei bestimmten Formen von Herzrasen wie zum Beispiel bei der AV-Knoten-Reentrytachykardie, bei Vorhofflattern und bestimmten Rhythmusstörungen der Herzkammern bewährt. Auch wenn – wie beim WPW-Syndrom – zusätzliche Leitungsbahnen zwischen den Vorhöfen und der Kammer vorhanden sind, kann eine Ablation sinnvoll sein. Bei Vorhofflimmern, das noch nicht lange besteht, durch Medikamente nicht zu beseitigen ist und das Befinden und die Leistungsfähigkeit des betroffenen Patienten beeinträchtigt, empfehlen Fachleute heute die Katheterablation durch komplette Isolation der der in den linken Vorhof einmündenden Pulmonalvenen.


Sind Schwindel, Ohnmacht, Atemnot und Leistungsminderung auf zu langsamen oder teilweise ganz aussetzenden Puls (totaler AV-Block) zurückzuführen, ist ein Herzschrittmacher nötig. Herzschrittmacher sind kleine, batteriebetriebene Geräte, die elektrische Impulse an das Herz senden und so den Herzrhythmus normalisieren. Sie werden in einem kleinen operativen Eingriff in die Nähe des Herzens, unter das Schlüsselbein, eingesetzt. Über dünne Sonden, die in die obere Hohlvene, in den rechten Vorhof und/oder die rechte Herzkammer eingeführt werden, leitet der Schrittmacher seine Impulse zum Herz. In regelmäßigen Abständen sind Schrittmacher-Kontrollen beim Arzt notwendig. Bei stärkerer Pumpschwäche der linken Herzkammer (zum Beispiel nach einem Herzinfarkt oder nach einer Herzmuskelentzündung) oder bei bestimmten erblichen Herzerkrankungen kann einem plötzlichem Herztod durch Kammerflimmern vorgebeugt werden, indem dem Patienten ein Defibrillator (ICD) eingepflanzt wird. Er erzeugt einen Stromstoß, der die Herzaktion wieder in Gang setzen soll.


Yoga kann helfen, sich zu entspannen

Stockbyte/RYF

Selbsthilfe

Was Sie gegen Herzrhythmusstörungen tun können:

  • Vermeiden Sie Stress und Aufregung – versuchen Sie, öfters zu entspannen und gönnen Sie sich ausreichend Ruhepausen.
  • Wenn Sie unter Herzrhythmusstörungen leiden, sollten Sie auf übermäßigen Genuss von Koffein und Alkohol verzichten (Alkohol begünstigt besonders Vorhofflimmern!).
  • Rauchen Sie nicht – erkundigen Sie sich gegebenenfalls nach geeigneten Rauchentwöhnungsprogrammen und fragen Sie hierzu auch Ihren Arzt.
  • Nehmen Sie Medikamente? Sprechen Sie Ihren Arzt darauf an, ob diese zu Herzstolpern oder Herzrasen führen können. Vielleicht ist ein Präparatwechsel oder eine andere Dosierung nötig.
  • Gehen Sie regelmäßig zur Vorsorge beim Arzt. Hinter Herzrhythmusstörungen können auch Erkrankungen anderer Organe stecken, zum Beispiel eine Schilddrüsenüberfunktion.
  • Falls Sie einen Herzschrittmacher tragen, müssen Sie Ihre Termine zur Schrittmacher-Kontrolle unbedingt einhalten! Sollten zwischendurch Probleme auftreten, gehen Sie sofort zum Arzt!

Unser Experte: Professor Wolfram Delius

W&B/Bernhard Huber

Beratender Experte

Professor Dr. med. Wolfram Delius ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie. Er habilitierte sich an der medizinischen Universitäsklinik Uppsala, Schweden, und hatte anschließend eine außerordentliche Professur für Medizin an der Technischen Universität München inne. Der Herzspezialist war lange Zeit als Chefarzt tätig, zuletzt zwei Jahrzehnte an der Abteilung Kardiologie/Pneumologie am Städtischen Krankenhaus München-Bogenhausen (Akademisches Lehrkrankenhaus). Inzwischen führt er eine eigene Praxis. Professor Delius wirkt seit Jahren aktiv bei Fortbildungsveranstaltungen der Bayerischen Ärztekammer mit und wurde mit der Ernst von Bergmann Plakette der Bundesärztekammer ausgezeichnet.


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.


Rettungswagen im Einsatz

Erste Hilfe bei Herzstillstand

Über 100 000 Menschen sterben jährlich am plötzlichen Herztod. Rechtzeitige Wiederbelebung könnte viele von ihnen retten. Unser Video zeigt Ihnen, was zu tun ist »

Bildnachweis: W&B/Martin Ley, Stockbyte/RYF, W&B/Jörg Neisel, W&B/Bernhard Huber, W&B/Ronald Frommann, W&B/Martina Ibelherr
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