Machen Smartphones kurzsichtig?

Stundenlang blicken Millionen Menschen jeden Tag auf Smartphones, Tablets und Computer. Gleichzeitig steigt die Zahl der Kurzsichtigen. Forscher erkennen einen Zusammenhang – jedoch anders als vermutet

von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 03.03.2016

Handy vor der Nase: Langes Schauen auf die Nähe kann die Augen belasten

Shotshop/Monkey Business

Die Hälfte der Weltbevölkerung, also fünf Milliarden Menschen, soll bis 2050 kurzsichtig werden. Das haben Forscher aus Australien und Singapur vor wenigen Wochen errechnet. Kurzsichtigkeit beginnt häufig im Alter von sechs bis zehn Jahren, aber auch bei Erwachsenen kann der Augapfel weiter wachsen, was einen Verlust an Sehschärfe im Fernbereich auslöst. Besonders stark steigt die Zahl kurzsichtiger Kinder und Jugendlicher derzeit in Asien. In Peking in China sind einer Studie zufolge vier von fünf Teenagern kurzsichtig, in anderen asiatischen Ländern sieht es ähnlich aus. In Europa präsentieren sich die Zahlen nicht so dramatisch. Doch auch hier ist fast die Hälfte der 25- bis 29-jährigen mit mindestens minus 0,75 Dioptrien kurzsichtig. Sind intensive Computer- und Smartphone-Nutzung daran schuld, dass immer mehr Menschen bereits in jungen Jahren kurzsichtig werden und eine Brille benötigen?

Je höher die Bildung, desto schlechter die Augen

"Wer viel und lange in der Nähe schaut, bei wem also die Distanz zum fokussierten Gegenstand 30 Zentimeter oder weniger beträgt, hat ein höheres Risiko für Kurzsichtigkeit. Das gilt aber auch für das Lesen von Büchern", sagt der Augenmediziner Professor Wolf Lagrèze, Leitender Arzt der Sektion Neuroophthalmologie, Kinderophthalmologie, Schielbehandlung am Universitätsklinikum Freiburg. Der Trend zum Starren auf Bildschirme beschäftigt auch den Neurobiologen Professor Frank Schaeffel vom Universitätsklinikum Tübingen. "Es gibt bislang keine einzige Studie, die zeigt, dass das Schauen aufs Smartphone kurzsichtig macht", berichtet er. "Bewiesen ist dagegen: Je höher der Ausbildungsgrad, desto höher das Risiko für Kurzsichtigkeit." Was das Nahsehen anbelangt, ist das gute alte Buch womöglich sogar problematischer fürs Auge als ein Smartphone.


Ist ein Buch spannend, lesen Kinder auch mal eine Stunde ohne aufzublicken. Der Leseabstand bleibt lange gleich. Dagegen schaut man vom Smartphone oder Computer aus öfter mal kurz in die Ferne – was günstig ist.

Lichtmangel unter Verdacht

Das große Problem beim zunehmenden Gebrauch von Smartphone und Computer sehen Augenärzte in einem anderen Bereich: Kinder und Jugendliche verbringen zu viel Zeit in der Stube. "Tageslicht ist ein wichtiger schützender Faktor gegen Kurzsichtigkeit, weil es das weitere Wachstum des Augapfels hemmt", erläutert Lagrèze. An hellen Sonnentagen beträgt die Lichtstärke im Freien etwa 100.000 Lux, drinnen nur 300 bis 500 Lux. Bei Untersuchungen in skandinavischen Ländern zeigte sich, dass die Kurzsichtigkeit in der dunklen Jahreszeit zunimmt während sie in der hellen Jahreszeit stagniert. Der Freiburger Augenmediziner rät deshalb: "Bei längeren Bildschirmsitzungen sollte man alle zehn Minuten in die Ferne schauen. Und Kinder und Jugendliche müssen mehr Zeit draußen verbringen, am besten täglich zwei Stunden."

Forscher aus Taiwan haben Hinweise, dass sich das Risiko für Kurzsichtigkeit halbiert, wenn Kinder mindestens 80 Minuten täglich bei vollem Tageslicht draußen verbringen. Hielte sich jeder daran, ließen sich 70 Prozent der Fälle von starker Kurzsichtigkeit – mit mehr als sechs Dioptrien – verhindern. Das sei wichtig, betont Lagrèze denn eine solch hohe Kurzsichtigkeit erhöht das Risiko für eine Netzhautablösung, ein Glaukom, eine Makuladegeneration und für den Grauen Star. Insgesamt steigt bei starker Kurzsichtigkeit das Risiko, später zu erblinden.

Vorbeugung gegen Kurzsichtigkeit scheint möglich  

Taiwan hat 2012 beschlossen, dass Schulkinder täglich zwei Stunden im Freien sein müssen und nach 30 Minuten Lesen stets zehn Minuten Pause für die Augen folgen sollen. Allein diese Maßnahme hat die Häufigkeit von Kurzsichtigkeit bei Grundschülern innerhalb von drei Jahren von 50 auf 45 Prozent gesenkt.

Schaeffel rät wie Lagrèze, täglich ausreichend Zeit draußen zu verbringen und häufig zwischen nahem Sehen und dem Blick in die Ferne zu wechseln. Auch beim Bücherlesen sollte es regelmäßig Unterbrechungen geben. "Damit neutralisieren sich positive und negative Effekte auf das Augenwachstum", sagt Schaeffel. Darüber hinaus sei es ratsam, sich für den Computer einen großen Bildschirm zuzulegen und diesen weiter weg – mit einem Meter Abstand – zu platzieren, falls die Tischtiefe es zulässt.

Auch die Forschung beschäftigt sich mit dem wachsenden Kurzsichtigkeitsproblem und sucht nach Wegen, um dem vorzubeugen. Womöglich könnten bei Kindern und Jugendlichen multifokale Kontaktlinsen – Linsen mit mehreren Brennweiten – günstig wirken. Die Effekte sind aber noch nicht abschließend untersucht. "Eventuell könnte die Hemmung des Augenwachstums rund 60 Prozent betragen", berichtet Schaeffel. Doch die Experten sind sich einig: Der Schutz, den regelmäßiges Tageslicht bietet, ist der Ansatzpunkt, auf den niemand verzichten sollte.

Das Problem erledigt sich nicht mit dem Alter

Dabei ist Kurzsichtigkeit nicht nur ein Thema für Kinder und Jugendliche. "Zwar ist das Auge bei Pubertätsende ausgewachsen. Die Kurzsichtigkeit kann aber jederzeit zunehmen, wenn der Augapfel wieder wächst", gibt Schaeffel zu Bedenken, "zum Beispiel, weil jemand arbeitsbedingt auf einmal häufiger in die Nähe schaut – und wenig Zeit im Freien verbringt." Intensiver Gebrauch von Smartphone und Tablet kann Erwachsenen darüber hinaus weitere Probleme bescheren: Das lange, starre Schauen begünstigt  trockene Augen und auch das kann es anstrengend machen, scharf zu fokussieren.


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