Heißhunger

Das starke Bedürfnis, sofort etwas essen zu müssen, setzt oft plötzlich und unerbittlich ein. Hinter Heißhunger können harmlose, aber auch krankhafte Ursachen stecken

von Andrea Blank-Koppenleitner, aktualisiert am 04.02.2015

Wenn der Hunger übermächtig wird: Lieber eine gekochte Kartoffel als Unmengen Kartoffelchips

Thinkstock/Stockbyte

Manche Menschen halten lange Pausen ohne Essen gut durch. Sie verspüren mit der Zeit vielleicht ein leichtes Hungergefühl, aber sie können warten, auch wenn das geplante Abendessen sich um eine Stunde verzögert. Andere wiederum schaffen das gar nicht. Ihnen knurrt schon zwei Stunden nach dem Frühstück der Magen. Wenn sie dann nicht bald etwas zwischen die Zähne bekommen, werden sie nervös und unausstehlich. Sie fühlen sich schwach, das hohle Gefühl in der Magengrube quält sie regelrecht.

Das kann bis zu einem gewissen Grad normal sein. Oft genügen ein Stück Apfel, ein Schluck Mineralwasser oder einfach Ablenkung, um überfallartige Essensgelüste zu beruhigen und bis zur nächsten Mahlzeit durchzuhalten. Der Stoffwechsel arbeitet nicht immer gleich. Körperbau und individuelle Anlagen spielen eine Rolle, aber auch persönliche Ernährungs- und Essgewohnheiten sowie Stress und die momentane Stimmungslage.


Was hungrig macht

Hunger als lebenserhaltendes Signal zeigt an, dass unser Körper Nachschub an Nährstoffen benötigt. Im Mittelpunkt steht dabei der Zuckergehalt im Blut. Sinkt der Blutzuckerspiegel ab, werden wir hungrig. Der Magen zieht sich zusammen, manchmal begleitet von hörbaren Knurrlauten. Geschmacks- und Geruchssinn stehen übersensibel auf Empfang, im Mund bildet sich vorsorglich schon mehr Speichel.

Die wichtigsten Steuerzentralen für diese vielschichtigen Vorgänge liegen in einem bestimmten Teil des Gehirns, im Hypothalamus. Sättigungs- und Hungerzentrum regeln hier, ob wir satt oder hungrig sind. Daran beteiligt sind Nervenbotenstoffe und Hormone, das vegetative Nervensystem mit dem Vagusnerv, die Aktivitäten von Leber und Verdauungstrakt.

Einfluss auf Appetit und Hungergefühle haben neben dem Blutzuckerregler Insulin unter anderen auch Hormone, die für Gefühle, Stimmungen, Stressreaktionen oder Schlaf zuständig sind, zum Beispiel Serotonin, Noradrenalin, Kortison oder Wachstumshormon. Das Belohnungszentrum im Gehirn ist mit zugeschaltet. Vererbung und erlerntes Verhalten kommen ebenfalls zum Tragen. Körperliche und seelische Einflüsse spielen zusammen, wenn es um Hunger und Appetit geht. Beide Empfindungen begleiten sich oft oder überlappen einander, insbesondere bei Menschen, die in Verhältnissen leben, in denen sie nicht wirklich hungern müssen.


Zuckriges Frühstück mit Marmelade und Weißmehlhörnchen: Da kommt der Hunger bald wieder

Thinkstock/Stockbyte

Die Gier nach Zucker

Je schneller der Blutzuckerspiegel sinkt, desto heftiger verspüren wir das Bedürfnis nach Energienachschub. Zucker, also Glukose, muss her. Bevorzugt greifen wir dann zu kohlenhydratreichen Speisen. Denn Kohlenhydrate sind die wichtigsten Energielieferanten. Sie bestehen aus unterschiedlichen Zuckerverbindungen, die bei der Verdauung in einen ihrer Grundbestandteile, nämlich Traubenzucker (Glukose), aufgespalten werden. Die Glukose erreicht über das Blut die einzelnen Körperzellen, die daraus Energie gewinnen.

Einige Kohlenhydrate gelangen rasch ins Blut. Sie sind schnell zerlegt, treiben den Blutzuckerspiegel in die Höhe, bringen kurzfristig Energien, liefern dem Körper aber keine weiteren wichtigen Nährstoffe. Die Glukose im Blut ist bald verbraucht, der Blutzuckerspiegel geht also flott wieder nach unten. Zu diesen "leeren" Kalorienlieferanten gehören zum Beispiel Haushaltszucker und Weißmehlprodukte. So stellt sich nach einem Frühstück mit Weißmehlbrötchen und zuckriger Marmelade der Hunger schneller wieder ein als nach einer Schale Vollkornmüsli. Denn der Körper braucht länger, bis er Speisen aus vollem Korn, angereichert mit Nüssen und Milchprodukten, verdaut hat.

Da Essen zudem eng mit unserer Gefühlswelt verbunden ist, wird es leicht zum Ersatz für entgangene Freuden in anderen Bereichen. Oft hat das tiefsitzende Wurzeln. Kinder werden nur allzu oft mit Süßem belohnt. Das setzt sich später fort. Schokolade und Fastfood spenden vermeintlichen, schnellen Trost. In seelischen Krisenzeiten kann sich daraus mitunter eine immer heftiger wiederkehrende Gier nach Essen entwickeln (siehe unten "Krankhafter Heißhunger" und "Überblick über mögliche krankhafte Ursachen von Heißhunger").

Hunger: Die Macht der Gewohnheit, Stimmungen, Lebensphasen

Manche Menschen sind es von klein auf gewöhnt, zu bestimmten Uhrzeiten zu essen oder Zwischenmahlzeiten einzulegen. Die klagt ihr Magen dann auch pünktlich ein. Andere bauen die aufgenommene Energie von Natur aus schneller ab und benötigen häufiger Nachschub in kleinen Mengen.

Wer gut gelaunt ist, denkt weniger ans Essen. Und auch wer hochkonzentriert arbeitet, vergisst darüber leicht sein Magengrummen. Enthält er seinem Körper jedoch zu lange die nötige Energie vor, ist es normal, wenn sich der Hunger mit Macht meldet. In ausgeprägter Form geschieht das häufig nach strengen Diäten. Der Körper hungert nicht gerne und fordert die entgangene Kost dann doppelt zurück.

Auch Schlafmangel versucht der Organismus durch eine erhöhte Energiezufuhr von außen auszugleichen.

In der Schwangerschaft erleben Frauen mitunter Heißhungerattacken auf bestimmte Lebensmittel. Stillende Mütter überkommt nach oder während des Stillens ein deutliches Schwächegefühl, das nach Energiezufuhr verlangt. Jugendliche haben während eines Wachstumsschubs oft einen phasenweise übersteigerten Appetit. Der Körper benötigt dann tatsächlich vorübergehend mehr Kalorien. Die Hormone geben unmissverständliche Signale.


Heißhungerattacke: Schnell und ohne Genuss möglichst viel Essbares verschlingen

StockDisc/ RYF

Krankhafter Heißhunger

Heißhungerattacken können aber auch dermaßen ausgeprägt sein, dass sie kaum mehr zu beherrschen sind. Die Betroffenen müssen den Drang etwas zu essen, sofort befriedigen. Sie vertilgen dann oft große Mengen Lebensmittel, häufig sind es süße und fette Speisen. Wer unter einem übersteigerten Essbedürfnis leidet, braucht oft die doppelte Portion, um sich gesättigt zu fühlen, und wird rasch wieder hungrig.

Ein derart ausgeprägter Appetit ist Ausdruck unterschiedlicher seelischer und körperlicher Störungen. Wenn intensive Hungergefühle gehäuft auftreten, ist es wichtig, den Ursachen nachzugehen. Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus oder hormonelle Ungleichgewichte wie eine Schilddrüsenüberfunktion gehören zu den möglichen Auslösern. Menschen mit Diabetes geraten leichter als Gesunde in eine Unterzuckerung, die sich unter anderem durch Heißhunger bemerkbar machen kann. Unterzuckerung bedeutet, dass der Blutzuckerspiegel ungewöhnlich, mitunter bedrohlich stark abfällt. Das ist auch bei schweren Lebererkrankungen, bei Alkoholabhängigkeit oder bestimmten Tumoren möglich.

Außerdem können Wurmerkrankungen für übersteigerten Appetit verantwortlich sein. Heißhunger, meist auf bestimmte Nahrungsmittel, gehört oft zu den kennzeichnenden Vorboten eines Migräneanfalls. Manchmal führen einige Medikamente, etwa Mittel gegen Depressionen oder Psychosen, zu verstärktem Hunger.

Essstörungen und psychische Erkrankungen wie Depressionen gehen nicht selten mit Heißhungeranfällen einher. Bei allen auslösenden Erkrankungen kommen jedoch in der Regel weitere kennzeichnende Beschwerden hinzu (siehe unten "Überblick über mögliche krankhafte Ursachen von Heißhunger").

Heißhunger: Wann zum Arzt?

Besprechen Sie sich immer mit Ihrem Arzt, wenn

  • Sie gehäuft Heißhunger überkommt,
  • zwischenzeitliche Essgelüste ausgeprägter und drängender sind als gewohnt,
  • Sie jedes Mal aus Heißhunger große Mengen zucker- und fetthaltiger Speisen vertilgen, etwa Schokolade, Pizza, Gebäck,
  • Sie stark übergewichtig sind,
  • Sie nach Essattacken gezielt wieder erbrechen,
  • Sie sich oft hungrig fühlen, viel essen und dennoch an Gewicht verlieren,
  • Sie sich nicht nur oft hungrig, sondern auch nervös und gestresst fühlen,
  • Sie vermehrt traurig und niedergeschlagen sind und mit häufigen Snacks dagegen ankämpfen,
  • dem gesteigerten Appetit Kopfschmerzen und/oder Sehstörungen folgen oder diese gleichzeitig mit dem Essbedürfnis auftreten,
  • Sie zusätzlich Verdauungsbeschwerden haben, wie Verstopfung, Durchfälle, Magenschmerzen.

Je nach Verdacht wird Ihr Hausarzt möglicherweise einen Spezialisten hinzuziehen. Als Fachärzte kommen zum Beispiel ein Diabetologe oder ein Hormonspezialist (Endokrinologe) infrage. Ebenso können ein Ernährungsmediziner, ein Psychiater oder ein Psychotherapeut die weitere Diagnose und Behandlung übernehmen oder beratend tätig werden (siehe unten Abschnitt "Diagnose" und "Therapie").

Wir geben Ihnen nachfolgend einen Überblick über mögliche Ursachen von Heißhunger. Ausführliche Informationen zu den jeweiligen Problemen und Krankheitsbildern finden Sie, wenn Sie auf die markierten Links klicken.


Fastfood vor dem Computer: Das geht so nebenbei und macht gleich wieder hungrig

Thinkstock/Hemera

Ursachen für gelegentlichen Heißhunger, der noch nicht krankhaft sein muss

  • Häufige Mahlzeiten oder Zwischen-Snacks mit Lebensmitteln, die vor allem "leere" Kalorien liefern, wie Weißmehlprodukte, Süßigkeiten, Kuchen, Schokolade
  • Ausgeprägte Hungerphasen, Blitzdiäten
  • Schlafmangel
  • Falsche Essgewohnheiten, zum Beispiel schnelles, hastiges Essen, Essen vor dem Computer oder Fernseher
  • Stress, Überforderung oder das Gegenteil: Langeweile
  • Frust, seelische Belastungen
  • Schwangerschaft, Stillzeit
  • Wachstumsphasen bei Jugendlichen

Überblick über mögliche krankhafte Ursachen für Heißhunger

– Psychische Probleme und Erkrankungen


Gestörtes Essverhalten: Nachts wird der Kühlschrank geplündert

Thinkstock/Hemera
  • Essstörungen
    Stark Übergewichtige kämpfen öfter mit Heißhunger. Häufige Symptome bei Fettleibigkeit (Adipositas) sind übermäßiges Schwitzen, Atemnot, Müdigkeit, Gelenkschmerzen. Zudem ist das Risiko für Folgeerkrankungen wie unter anderem Diabetes und Depressionen, die ihrerseits die natürlichen Hungergefühle beeinflussen können, erhöht. Mehr Informationen im Ratgeber "Adipositas und Esssucht".
    Bei Menschen, die unter einer Binge-Eating-Störung (von englisch binge eating = Fressgelage) leiden, lösen unkontrollierbare Heißhungerattacken oft stundenlang andauernde Essanfälle aus. Diese treten mehrmals am Tag oder mitten in der Nacht auf. Die Betroffenen sind oft stark übergewichtig und neigen zu innerer Unruhe und Depressionen.
    Hinter ungebremsten Essgelüsten können sich aber auch andere Essstörungen verbergen, etwa eine Magersucht. Hier führen permanente Nahrungsverweigerung und Mangelernährung immer wieder zu Heißhungergefühlen. Extremes, selbst herbeigeführtes Untergewicht ist das hervorstechende Symptom einer Magersucht. Die Erkrankten fühlen sich stark, wenn sie ihre Essbedürfnisse erfolgreich unterdrücken. Dazu kommen sich bedrohlich ausweitende Gesundheitsstörungen.
    Bei der Ess-Brech-Sucht (Bulimie) folgen den Hungerattacken regelrechte Essanfälle. Die so gierig verschlungene Kalorienmenge versuchen die Betroffenen dann – im Gegensatz zur Binge-Eating-Störung – durch Erbrechen wieder loszuwerden. Erfahren Sie Genaueres zu diesen Krankheitsbildern in den Ratgebern "Magersucht (Anorexie)" und "Bulimie (Bulimia nervosa)".
  • Dauerstress, psychische Belastungen, Depressionen
    Anhaltende Hochspannung, tiefgreifende Sorgen, Trauer und Ängste beeinflussen unter anderem das vegetative Nervensystem und damit auch das Essbedürfnis. Essen soll dann vielfach die seelische Leere füllen, von der inneren Anspannung ablenken, schnellen Trost spenden.
    Depressiv erkrankte Menschen können ebenfalls einen übersteigerten Appetit haben. Außerdem wirken einige Medikamente gegen Depressionen auf den Stoffwechsel und rufen starke Hungergefühle hervor (siehe unten). In den Ratgebern "Depressionen" und "Burn-out" können Sie Genaueres nachlesen.
    Heißhunger auf Süßes plagt oft auch Menschen, die vor allem während der Herbst- und Winterzeit mehr oder minder ausgeprägte depressive Phasen durchleben. Die sogenannte Winterdepression ist zudem gekennzeichnet durch Müdigkeit, Antriebslosigkeit und ein starkes Schlafbedürfnis.

– Hormon- und Stoffwechselprobleme


Die Schilddrüse: Ein wichtiger Hormonproduzent (ein Klick auf die Lupe links oben zeigt die Grafik im Großformat)

W&B/Szczesny
  • Schilddrüsenerkrankungen
    Oft quälend hungrig, dazu nervös und gereizt fühlen sich Menschen, die an einer Schilddrüsenüberfunktion leiden. Sie können große Portionen vertilgen, nehmen dabei aber nicht zu. Die Schilddrüsenhormone beeinflussen unter anderem den Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweißstoffwechsel, zahlreiche Nervenfunktionen und die Psyche. Kennzeichnend für eine Überfunktion sind neben Nervosität und Heißhunger mit gleichzeitiger Gewichtsabnahme ein schneller Herzschlag, Durchfälle, Haarausfall und häufig ein Kropf. Was geschieht, wenn die Schilddrüse zu viele Hormone produziert, darüber informiert der Ratgeber "Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose)".
    Die Basedow-Krankheit ist eine Autoimmunerkrankung, die ebenfalls eine Überproduktion von Schilddrüsenhormonen mit den entsprechenden Symptomen zur Folge hat. Hervortretende Augäpfel gehören zu den auffallenden Krankheitszeichen. Lesen Sie mehr dazu im Ratgeber "Morbus Basedow (Basedowsche Krankheit)".

Blutzuckerregler Insulin: Die Grafik zeigt, welche Aufgaben das Hormon Insulin hat (ein Klick auf die Lupe links oben zeigt das ganze Bild)

W&B/Jörg Neisel bearb. Ulrike Möhle
  • Diabetes und Unterzuckerungen
    Mit Hilfe des Hormons Insulin gelangt die Glukose (Traubenzucker, siehe oben und die Grafik links) vom Blut zu den Körperzellen, die sie in Energie umwandeln. Insulin hält zudem den Blutzuckergehalt im Gleichgewicht, indem es zum Beispiel Zuckerspeicher in der Leber anlegt. Ab einer bestimmten Schwelle springt dann das Gegenhormon Glukagon ein, das bei Bedarf wieder Zucker aus den Speichern holt.
    Bei der Zuckerkrankheit kann Insulin nicht mehr ausreichend wirken, oder es fehlt, da die Produktion in der Bauchspeicheldrüse versagt. Der Zuckergehalt im Blut steigt, die Zellen erhalten nicht mehr ausreichend Energie. Das hat weitere tiefgreifende Stoffwechselprobleme zur Folge.
    Eine fein abgestimmte Behandlung mit bestimmten Medikamenten und/oder Insulin – es ersetzt bei Diabetes das körpereigene Hormon – kann die erhöhten Blutzuckerspiegel im erwünschten Maße senken. Dabei kann es jedoch zu Einstellungsproblemen und damit zu teilweise bedrohlichen Unterzuckerungen (Hypoglykämien) kommen. Heißhunger ist dafür ein Warnzeichen, neben Schweißausbrüchen, Herzklopfen, Zittern, Schwindel. Heißhunger kann aber auch schon ein Anfangszeichen für eine Diabeteserkrankung sein.
    Erfahren Sie mehr über Unter- und Überzucker, seine Folgen und geeignete Therapien in den Ratgebern "Diabetes mellitus Typ 1" und "Diabetes mellitus Typ 2".

– Weitere Erkrankungen, die zu Unterzuckerungen führen können

  • Alkoholsucht: Unterzuckerungen treten auch im Rahmen von Alkoholmissbrauch auf, vor allem wenn eine Mangelernährung dazukommt. Informationen dazu im Ratgeber "Alkoholabhänigkeit (Alkoholsucht)".
  • Schwere Lebererkrankungen, etwa Leberzellkrebs, können ebenfalls Unterzuckerungen mit Heißhunger auslösen. Um den Zuckerspiegel ausgeglichen halten zu können, legt das Insulin Glukosespeicher in der Leber an. Ist diese geschädigt, kann der Zuckernachschub bei Bedarf nicht abgerufen werden und der Blutzuckerspiegel sinkt.
  • Tumore: In wenigen Fällen verbergen sich hinter ungewohntem Hunger Tumorerkrankungen. Das sind vor allem Tumore, die unkontrolliert Hormone produzieren, wie das Insulinom, ein meist gutartiger Tumor der Bauchspeicheldrüse. Er bildet vermehrt Insulin. Übergewicht kann die Folge sein, ebenso sind gefährliche Unterzuckerungen möglich, die mit Heißhunger, Herzrasen, Schwitzen, Übelkeit und Angstzuständen einhergehen.
  • Dumping-Syndrom: Nach Magenoperationen, etwa bei Magengeschwüren oder Magenverkleinerung, können eine Reihe von Beschwerden auftreten, die Mediziner unter dem Begriff Dumping-Syndrom zusammenfassen. Die Nahrung gelangt schneller und schlechter vorverdaut vom Magen in den Dünndarm. Das löst sogenannte Frühdumping-Symptome wie Kreislaufbeschwerden mit Bauchschmerzen, Schwitzen, Übelkeit aus. Ihnen folgen Spätdumping-Symptome mit Heißhunger und Schwächegefühl. Der Grund: Da die Kohlenhydrate dann schneller aufgespalten werden, tritt erst eine Überzuckerung im Blut und anschließend eine spürbare Unterzuckerung auf.

– Infektionen und Kopfschmerzerkrankungen

  • Wurmerkrankungen: Infektionen mit Spul- oder Bandwürmern verursachen Übelkeit, Bauchschmerzen, Afterjucken, Gewichtsverlust sowie Appetitlosigkeit oder auch das Gegenteil, nämlich Heißhunger. Informationen dazu gibt Ihnen das Spezial "Würmer".
  • Migräne: Heißhungerattacken gehören zu den oft beschriebenen Vorzeichen einer Migräne. Dazu kommen häufig Gereiztheit, Müdigkeit, Spannungsgefühle im Nacken und an der Stirn. Ein Teil der Migräne-Betroffenen erlebt anschließend die sogenannte Aura mit Sehstörungen und Sprachproblemen sowie Kribbeln und Gleichgewichtsstörungen. Danach setzen die typischen Migräne-Schmerzen ein. Lesen Sie hierzu den Ratgeber "Migräne".

– Medikamente

  • Einige Arzneimittel, und hier wiederum besonders Psychopharmaka, wirken auf das Sättigungs- und das Hungerzentrum im Gehirn. Vermehrter Hunger ist eine häufige Folge bestimmter Antidepressiva sowie Neuroleptika (Mittel gegen Psychosen). Auch verschiedene Hormontherapien, etwa zur Empfängnisverhütung oder die Einnahme von Kortisonpräparaten, können den Appetit steigern.

Gespräch mit der Ärztin: Gezielte Fragen führen oft auf die Spur

Digital Vision/RYF

Diagnose bei Heißhunger: Klärende Gespräche, körperliche Untersuchungen

Wenn es darum geht, dem Heißhunger auf die Spur zu kommen, nimmt das Gespräch zwischen Arzt und Patient eine wesentliche Rolle ein. Die Krankengeschichte kennt der Hausarzt in der Regel schon. Wichtig ist es für ihn zu wissen, was sich seit Ihrem letzten Besuch bei ihm verändert hat, in welcher Lebenssituation Sie sich gerade befinden, welche Ernährungsgewohnheiten Sie haben, wie Sie Ihre Mahlzeiten einnehmen, was Sie bevorzugt essen, wie viel Alkohol sie trinken. Er wird fragen beziehungsweise kontrollieren, ob Sie zu- oder abgenommen haben. Auch Beschwerden, die sich mit dem Heißhunger eingestellt haben, wie etwa vermehrtes Schwitzen und Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen, liefern dem Arzt aufschlussreiche Informationen. Ebenso ist es für ihn wichtig zu wissen, welche Medikamente Sie einnehmen.

Es folgen eine eingehende körperliche Untersuchung und Bluttests, um zum Beispiel eine Schilddrüsenstörung oder einen Diabetes festzustellen. Laboruntersuchungen von Urin und/oder Stuhl sind ebenfalls möglich.

Wenn Sie Diabetes haben, wird der Arzt dem Grund für häufige Unterzuckerungen nachgehen. Dazu wird er Medikamente beziehungsweise Insulintherapie und den Ernährungsplan – das heißt die Menge und Verteilung der Kohlenhydrate beziehungsweise Broteinheiten (BE) über den Tag – abstimmen. Gegebenenfalls veranlasst er weitere Untersuchungen bei einem Diabetesspezialisten (Diabetologen).

Gibt es Anzeichen für eine Essstörung oder eine andere psychische Problematik, übernehmen ein Psychiater und ein auf die jeweilige Störung spezialisierter Psychotherapeut die weitere Diagnose und die anschließende Behandlung.


Baustein der Therapie: Mit Freude und ausgewogen essen

W&B/Ulrich Kerth

Therapie von übermäßigem Hunger und Hungerattacken

– Bestehende Erkrankungen behandeln

Die Behandlung von Heißhunger richtet sich nach der Diagnose. Mit der medikamentösen Therapie einer Schilddrüsenüberfunktion etwa normalisieren sich auch Verdauung und Verwertung der Nahrungsbestandteile. Meist legt sich dann der damit verbundene Heißhunger. Bei Diabetes kommt es auf eine gut angepasste Blutzuckereinstellung an, um Unterzuckerungen zu vermeiden und auf lange Sicht Folgeerkrankungen wie Nerven- und Nierenschäden zu verhindern. Ausführliche Informationen zu den Behandlungsmöglichkeiten der krankhaften Ursachen von Heißhunger geben die entsprechenden Krankheitsratgeber (siehe Links im oberen Abschnitt "Überblick über mögliche krankhafte Ursachen").

Menschen mit Essstörungen kann häufig ein Aufenthalt in einer spezialisierten Therapieeinrichtung helfen. Auch bei depressiven Erkrankungen ist je nach Schweregrad mitunter ein Klinikaufenthalt angezeigt. Psychotherapeutische Verfahren und gegebenenfalls Medikamente stellen meist erfolgreiche Behandlungswege dar.

Sind Medikamente die Auslöser von übergroßem Appetit, wird der Arzt mit seinem Patienten Möglichkeiten erwägen, das Präparat zu wechseln oder die Dosis zu verändern. Setzen Sie jedoch niemals ein Medikament, das der Arzt Ihnen verschrieben hat, von sich aus ab, sondern sprechen Sie immer zuerst mit Ihrem Arzt. Denn plötzliches Absetzen kann bei einigen Arzneimitteln zu unerwarteten, teils gefährlichen Körperreaktionen führen. Sehr häufig können Ernährungsberatung und ein angepasstes Bewegungsprogramm während einer Medikamententherapie dazu beitragen, die Hungerattacken und mögliches Übergewicht in den Griff zu bekommen.

– Sich ausgewogen ernähren, Stress abbauen

Eine professionelle Ernährungsberatung unterstützt ebenfalls die Behandlung ursächlicher Krankheiten. Hat der Heißhunger keinen krankhaften Hintergrund, gehört es zu den grundlegenden Selbsthilfemaßnahmen, sich ausgewogen zu ernähren. Oft können auch hier entsprechende Kurse und verhaltenstherapeutische Programme Sicherheit geben.

Erlernen Sie zudem Entspannungstechniken und gezieltes Stressmanagement, lassen sich die Hungerprobleme häufig erfolgreich lösen. Ernährungsberatungsstellen an Krankenhäusern oder Gesundheitszentren in den Gemeinden helfen meist mit Informationen weiter. Auch der Hausarzt kann mitunter Adressen vermitteln.

Praktische Tipps, wie Abnehmwillige ihren Heißhunger dämpfen, finden Sie auf unseren Seiten (siehe auch Beiträge oben in der rechten Seitenspalte). Über gesundes Essen informiert unterhaltsam und ausführlich das Spezial "Ausgewogene Ernährung: Basis für ein gesundes Leben". Gesund und langfristig abnehmen gelingt leichter mit dem Abnehmprogramm "Gesund abnehmen in sechs Schritten".

 

 


Fachliteratur für diesen Ratgeber

Herold G et al.: Innere Medizin, Köln Gerd Herold 2014

Böhm M, Hallek M, Schmiegel W (Hrsg): Innere Medizin, begr. von Classen M, Diehl V, Kochsiek H, 6. Auflage, München Elsevier, Urban & Fischer Verlag, 2009
Klinke R, Pape H-C, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg): Physiologie. 6. Auflage, Stuttgart Georg Thieme Verlag 2010
Möller H-J, Laux G, Deister A: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. 5. Auflage, Stuttgart Georg Thieme Verlag 2013
Biesalski HK, Bischoff S, Puchstein Ch (Hrsg.): Ernährungsmedizin. 4. Auflage, Georg Thieme Verlag 2010

Fachredaktion: Dr. med. Claudia Osthoff

 


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.




Bildnachweis: StockDisc/ RYF, W&B/Jörg Neisel bearb. Ulrike Möhle, Thinkstock/Stockbyte, W&B/Szczesny, W&B/Ulrich Kerth, Thinkstock/Hemera, Digital Vision/RYF
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