Büro-Fitness: Training on the Job

Wer lange sitzt, lebt ungesund. Höchste Zeit, dass in Büros bewegte Zeiten anbrechen

von Sonja Gibis, aktualisiert am 26.09.2016

Der Gesundheit zuliebe: Mehr Sport am Arbeitsplatz

W&B/Andreas Achmann

Lange Konferenzen in Ledersesseln – schon bei dem Gedanken daran muss Christian Werner, Produktmanager eines großen deutschen Fitnessgerätevertriebs, gähnen. Wenn in seinem Unternehmen eine Besprechung ansteht, sprintet er zum Konferenzraum. Und läuft los. Denn dort stehen sechs Laufbänder mit integriertem Computer. "Ich habe bei einem Meeting schon mal drei bis vier Kilometer zurückgelegt", erzählt er. Zugegeben: So bewegt geht es bislang nur in wenigen deutschen Firmen zu. Während hierzulande das Stehpult nur langsam Einzug in die Büroräume hält, ist die Arbeitswelt in den USA schon einen Schritt weiter: Aus dem Stehpult wird das Gehpult.


Unternehmen wollen ihre Mitarbeiter so aus den Stühlen scheuchen. Und auch in Deutschland gewinnen die bewegten Arbeitsplätze erste Fans. Viele mag der Trend aus Übersee erst mal befremden: Ein Schreibtisch mit Laufband – kommt jetzt das Hamsterrad für den Bürokäfig? Doch auch der Hamster klettert schließlich freiwillig in sein Sportgerät, um in Schwung zu kommen. Ihm sagt offenbar der Instinkt, was viele Menschen vergessen haben: Nur wer sich bewegt, bleibt gesund.
"Unsere Gene sind auf viel Bewegung programmiert", bestätigt Dr. Ingo Tusk, Leiter der Sportmedizin an den Frankfurter Rotkreuzkliniken. In Sachen Ausdauer seien die Menschen vielen anderen Säugetieren einen großen Sprung voraus. Als Sprinter ist der Gepard nicht zu übertreffen. Bei einer langen Wanderung aber könnte er mit einem Menschen kaum mithalten.

Bewegung im Büro

Der Mensch kann nicht nur lange gehen, er braucht das auch. Unser moderner Lebensstil widerspricht dieser uralten Programmierung. Auf dem Weg zur Arbeit sitzen viele im Auto, dann acht Stunden im Büro, und abends lümmeln wir oft auf der Couch.

Wie ungesund das ist, haben Studien gezeigt. Langes Sitzen macht nicht nur dick und schadet dem Rücken, es ­fördert auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und sogar Krebs. Nach einer Überblicksstudie von Medizinern der Universität Regens­burg erhöht langes Sitzen das Risiko für bösartige Tumore in Darm, Gebärmutterhals und Lunge, unabhängig vom sonstigen Lebensstil. Kurz: Wer lange sitzt, ist früher tot. "Sitzen ist das neue Rauchen", hört man oft. Demnach rauchen die meisten Deutschen Kette.

Mediziner empfehlen als Gegengift Sport. Mindestens drei Mal 30 Minuten pro Woche sollen es sein. Doch auch wer sich nach der Arbeit ins Fitness-Studio schleppt, kann das lange Sitzen nicht völlig ausgleichen. Genug Bewegung bekommt nur, wer sie in den Alltag einbaut. Für viele heißt das vor allem: in den Büroalltag.

"Das beginnt schon mit dem Weg zur Arbeit", sagt Tusk. Wenn möglich, sollte man sich dazu aufs Fahrrad schwingen – oder auch ein, zwei Stationen vor dem Ziel aussteigen und gehen. "Was uns daran hindert, ist doch allein der innere Schweinehund", sagt der Sportmediziner. Doch je öfter man ihn bändigt, desto eher bleibt er im Körbchen.

Im Bürohaus wartet dann das erste Fitness­gerät: die Treppe. Aufzug und Rolltreppen sollte man generell links liegen lassen. Weitere Tricks: den Kopierer in den Gang stellen. Die Kaffeemaschine nicht auf den Schreibtisch, sondern in die Küche. Lieber zum Kollegen gehen statt anrufen.

Konkurrenz macht Beine

Jede volle Stunde sollte man sich etwas stuhlfreie Zeit gönnen, sich dehnen und einige Schritte extra tun. Doch auch die Unternehmen sind durchaus in der Pflicht, ihre Mitarbeiter bewegt und gesund zu halten. Einige entdeckten die Konkurrenz als Motor. "Wir haben kleine Wettkämpfe abgehalten", erzählt beispielsweise Eva Walzik, Leiterin des Berliner Büros der DAK-Gesundheit. Jeder Mitarbeiter bekam einen Schrittzähler. Dann trat etwa das Vorstandsteam gegen die Politikabteilung an. Verführer zu bewegten Pausen können auch ein Kicker sein oder Tischtennisplatten. Eine gute Firma weiß, dass die dort verbrachte Zeit nicht verspielt ist.

Auch die Arbeit selbst lässt sich bewegt gestalten. "In jedem Büro sollte es ein Stehpult geben", sagt Tusk. Das Bürolaufband – ebenfalls eine prima Idee. Doch auch Unternehmen, die keine ratternden Geräte im Büro wollen, können Konferenzen im Stehen abhalten oder bei einem Spaziergang.

Aber: Sich konzentrieren, während man ein Bein vor das andere setzt – geht das? "Sogar besser als im Sitzen", erklärt Tusk. Das Gehirn wird stärker durchblutet, der Körper schüttet Endorphine aus. Für gute Ideen und mehr Kreativität schwören manche Menschen deshalb auf Bewegung. Zum Beispiel auch Friedrich Nietzsche, Philosoph und ambitionierter Wanderer. Sein Motto: "Trau keinem Gedanken, der im Sitzen kommt."

Der Laufband-Liebhaber Christian Werner kann das nur bestätigen. "Selbst bei Präsentationen geh ich gern auf und ab", sagt er. Keine Überraschung ist für ihn daher das Ergebnis einer Studie von Wissenschaftlern der Washington-Universität in St. Louis (USA): Stehen die Mitarbeiter bei einer Konferenz, sind sie kreativer und arbeiten auch besser zusammen. Titel und Fazit der Studie: "Get up, stand up!" Also: "Auf! Hoch vom Stuhl!"

Und was ist mit Ihnen? Sie lesen diesen Text doch nicht etwa im Sitzen? Dann aber raus aus dem Sessel – und proben Sie den Aufstand!



Bildnachweis: W&B/Andreas Achmann

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