Fleischverzicht lässt sich durch andere Lebensmittel ausgleichen. Eine vegane Lebensweise hingegen sieht die Ernährungswissenschaftlerin Susann-Cathérine Ruprecht kritisch
Heute mal vegetarisch: "Wie wäre es mit einem scharfen Radieschensalat?"
Die Zeiten, in denen man beim Wort "Vegetarier" an einen Möhrchen-knabbernden Gesundheitsfanatiker dachte, sind schon lange vorbei. Fleischverzicht ist salonfähig geworden, ja es gilt mittlerweile sogar immer häufiger als chic. Aber ernähren sich Vegetarier auch gesund?
Wir haben mit Susann-Cathérine Ruprecht, Ernährungswissenschaftlerin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke gesprochen. "Ein gesunder Erwachsener kann sich ohne Bedenken fleischfrei ernähren. Empfehlenswert ist aber nur die ovo-lakto-vegetarische Variante." Aha, aber was bedeutet das?
Der Fleischliebhaber zum Vegetarier: "Dein Essen isst meinem Essen das Essen weg!"
Die Ovolakto-Vegetarier
Ovolakto-Vegetarier verzichten zwar auf Fleisch und Fisch, essen aber noch tierische Produkte wie Milch und Eier. "Gegen diese Ernährung ist nichts einzuwenden. Man muss nur darauf achten, die zur Verfügung stehenden Lebensmittelgruppen im richtigen Verhältnis zu konsumieren", so die Ernährungswissenschaftlerin.
Um sich als Vegetarier gesund zu ernähren, muss sich also informieren, welche Lebensmittel welche Nährstoffe enthalten. Dann kann man den Körper auch mit den Vitaminen und Mineralstoffen versorgen, die sonst Fleisch, Fisch und Wurstwaren liefern.
Die "Pudding-Vegetarier"
Unsinnig hingegen ist die umgangssprachlich als "Pudding-Vegetarismus" bezeichnete Variante. Die Verfechter essen zwar kein Fleisch, dafür greifen sie aber bei Schokolade, Chips und Kuchen ordentlich zu. "Das bringt nichts und kann im Gegenteil sogar zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen", warnt Ruprecht.
Die Veganer
Von einer veganen Lebensweise rät die Ernährungswissenschaftlerin grundsätzlich ab. Die Anhänger verzichten neben Fleisch und Fisch auch komplett auf tierische Produkte wie Eier und Milch. "Besonders treue Verfechter essen auch keinen Honig und tragen nicht einmal mehr Lederwaren am Körper", ergänzt Ruprecht. Durch die extreme Einschränkung der Lebensmittel kann es zu gravierenden Mangelerscheinungen kommen.
Besonders häufig leiden Veganer unter einem Mangel an Vitamin B12. Da dieser Stoff ausschließlich in tierischen Produkten enthalten ist, müssen vegan lebende Menschen das Vitamin unbedingt substituieren und ihren Blutwert regelmäßig beim Arzt kontrollieren lassen. Nebenbei mangelt es diesen strikten Pflanzenessern auch oft an Kalzium, Eisen, Jod, Zink und Vitamin B2.
Schwangerschaft und Stillzeit
"Ovolaktisch lebende Vegetarierinnen können ihren Lebensstil beibehalten, sollten aber zusätzlich Folsäure und Jod substituieren und ihren Eisenstatus im Auge behalten", so Ruprecht. Veganerinnen hingegen müssen unbedingt auch Eier und Milchprodukte konsumieren: "Sonst kann es bei Mutter und Kind zu schweren Mangelerscheinungen kommen".
Kinder
Diese Altersgruppe hat einen erhöhten Nährstoff- und Energiebedarf. Sie müssen ja noch wachsen. "Eine ovolaktische Ernährung ist in Ordnung, solange sichergestellt ist, dass das Kind genügend Kalorien und alle wichtigen Vitamine und Mineralstoffe zu sich nimmt", so Ruprecht. Die vegane Lebensweise ist für Kinder völlig ungeeignet. Für Säuglinge und Kleinkinder kann sie sogar gefährlich werden.
Senioren
Im Alter muss man dem Körper doppelt so viel Vitamin D zuführen, wie in jungen Jahren. Vegetarisch lebende Senioren müssen also vor allem darauf achten, diesen Bedarf ausreichend über die Nahrung und Aufenthalte im Freien zu decken. Mit Hilfe von UV-Strahlen kann unser Körper das Vitamin selber produzieren. Die vegane Lebensweise ist für Senioren genauso ungeeignet, wie für alle anderen Altersklassen.
Am gesündesten leben die gemäßigten Vegetarier – Menschen, die sich nur ab und zu ein Stück Fleisch gönnen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in Bonn empfiehlt pro Woche maximal 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurstwaren zu konsumieren. Am besten verteilt auf zwei bis drei Mahlzeiten. Ein übermäßiger Konsum tierischer Produkte kann zu den typischen Zivilisationskrankheiten unserer Zeit führen: Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Übergewicht oder Gicht.
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
01.03.2010
DDP/Katja Lenz, Thinkstock/Digital Vision
Anzeige