X- und O-Beine: So leiden die Knie

Bei Kleinkindern wachsen sich krumme Beine meist aus. Erwachsenen mit einer Fehlstellung droht eine schmerzhafte Arthrose. Einfache Maßnahmen können das Risiko eindämmen

von Ulrich Kraft, aktualisiert am 28.04.2016

Schmerzhaftes Markenzeichen: Die O-Beine von Ex-Fußballer Pierre Littbarski waren legendär. Inzwischen ist eines aus medizinischen Gründen begradigt

dpa Picture-Alliance/Jochen Lübke/Ini

73-mal spielte Pierre Littbarski für die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft, erzielte dabei 18 Tore, gewann 1990 den Weltmeistertitel in Italien und begeisterte in seiner langen Karriere Millionen Fans durch seine Dribbelkünste. Wirklich unvergessen wurde der Fußballprofi aber durch seine O-Beine. Sie gelten bis heute als die krummsten in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. Ein Markenzeichen, allerdings eines mit schädlichen Auswirkungen. 2013 begradigten Ärzte Littbarskis rechtes Bein und setzen eine Metallplatte in sein Kniegelenk ein, denn der Meniskus war vollständig abgenutzt und es hatte sich deshalb eine Arthrose entwickelt.

Bei Littbarskis Kickerbeinen mag es sich um einen seltenen Extremfall handeln. Die gesundheitlichen Probleme, mit denen er in Folge dessen zu kämpfen hat, sind aber keineswegs eine Rarität, berichtet Boris Möbius, leitender Oberarzt der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin am Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Berlin. "Ich würde schätzen, dass bei 20 bis 30 Prozent der Menschen, die wegen Kniebeschwerden zur Gelenksspiegelung kommen oder eine Kniegelenksprothese brauchen, eine Achsenfehlstellungen der Beine die Ursache ist", sagt er. Achsenfehlstellungen heißen umgangssprachlich X- beziehungsweise O-Beine. Sie sind ein häufiger Auslöser für Ersatzteilbedarf im Knie.


Eine leichte Krümmung bleibt meist folgenlos

Die Beinachse ist eine erdachte Linie zwischen dem Mittelpunkt des Hüftgelenks und dem Mittelpunkt des oberen Sprunggelenks. Normalerweise liegt die Mitte des Kniegelenks ziemlich genau auf dieser so genannten Mikulicz-Linie. Der Winkel zwischen dem Oberschenkelknochen und dem Schienbein, die im Kniegelenk aufeinander treffen, beträgt dann etwa 174 Grad. Bei einer X-Bein-Stellung – in dem medizinischen Fachjargon Genu valgum genannt – verkleinert sich dieser Winkel, da die Kniegelenksmitte gegenüber der Idealposition nach innen gerückt ist. Beim O-Bein oder Genu varum hingegen ist der Mittelpunkt des Kniegelenks nach außen verschoben, so dass der Winkel größer wird.

"Achsabweichungen von drei, vier Grad in beide Richtungen sind noch normal", erläutert Möbius. "Erst ab fünf Grad muss man von einer Fehlstellung sprechen." Wie viele Menschen laut dieser Definition X- oder O-Beine haben, wisse man nicht genau, sagt der Berliner Experte. "Gerade leichte Fehlstellungen verursachen oft keine Beschwerden und werden deshalb überhaupt nicht diagnostiziert", so Möbius.

X- und O-Beine sind vererbbar

In bestimmten Phasen des Lebens sind schiefe Beine der Regelfall. So haben Babys und Kleinkinder in aller Regel O-Beine. Diese ermöglichen einen breiten Stand und verleihen den Kleinen bei den ersten Gehversuchen die nötige Stabilität. Mit dem Längenwachstum begradigt sich diese Krümmung zunehmend. Um den dritten Geburtstag herum entwickeln viele Kinder dann sogar deutlich sichtbare X-Beine. Bis zum Schuleintritt, spätestens aber mit der Pubertät, wachsen sich diese Achsabweichungen meist aus. Die Beinstellung normalisiert sich von allein. Wenn die krummen Beine den Gang sichtbar beeinträchtigen, sollten Eltern mit ihren Kindern deswegen einen Orthopäden aufsuchen. Gleiches gilt, wenn sich die Fehlstellung nicht auswächst oder oder sich schon früh abzeichnet, dass sich X- oder O-Beine vererbt haben. 

"Beidseitige Achsenfehlstellungen bei Erwachsenen sind fast immer angeboren", berichtet Möbius. Genauer ausgedrückt sind sie die Folge angeborener Veränderungen wie ausgeprägten Knick-Senkfüßen oder einem zu flachen beziehungsweise zu steilen Oberschenkelhals. Darüber hinaus kommen noch eine Reihe weiterer Auslöser in Frage – bis hin zur durch Vitamin-D-Mangel bedingten Rachitis – , die jedoch außerordentlich selten sind.


Fehlstellung wirkt sich am Kniegelenk aus

Bei Kindern können manchmal Knochenbrüche schuld sein, wenn ein Bein schief wird – und zwar, wenn der Bruch die Stelle betrifft, an der der Knochen wächst. Auch bei Erwachsenen zählen Frakturen, die nicht richtig begradigt wurden, zu den Ursachen einer, dann in der Regel einseitigen, Achsfehlstellung. Weitere Auslöser sind Verletzungen und Operationen im Kniegelenk. Ob erworben oder angeboren, ein- oder beidseitig, X oder O – die drohenden Schäden sind mehr oder weniger dieselben. "Durch die Fehlstellung sind die Kniegelenke asymmetrisch belastet", erklärt Möbius. "Bei O-Beinen wird der Innenmeniskus übermäßig strapaziert, bei X- Beinen der Außenmeniskus – und nicht beide gleich, wie es normalerweise sein sollte."

Innen- und Außenmeniskus sind zwei verbundene, faserige Knorpel, die wie ein Keil zwischen den Gelenkflächen von Schienbein- und Oberschenkelknochen liegen. Dort vergrößern sie die Kontaktfläche, verteilen die Last des Körpers und puffern Stöße ab. Eigentlich sind die beiden Menisken darauf ausgelegt, jeweils die Hälfte des auf dem Bein lastenden Gewichts zu tragen. Bei Achsfehlstellungen ist die Belastung auf einer Seite höher, mit der Folge, dass sich die betroffenen Menisken übermäßig abnutzen.


Frau mit Rückenschmerzen

Arthrose verstehen

Schmerzende Gelenke? Eingeschränkte Bewegungsfreiheit im Alltag? Arthrose kann die Lebensqualität deutlich herabsenken. Doch heutzutage gibt es gute Therapien und Medikamente, die helfen, das Leiden in den Griff zu bekommen. Wie das geht, erfahren Sie in der Gesundheitsakademie. Hier klicken! »

Dadurch nehmen die "Stoßdämpfer" in unserem Knie Schaden und verlieren auf Dauer ihre Pufferfunktion. "Dann reibt zunehmend Knochen auf Knochen und es entsteht eine Arthrose", sagt Möbius. Je mehr Knorpel verloren geht, desto größer wird die Fehlstellung, was die Abnutzung des Knorpels weiter verstärkt – ein Teufelskreis.

Übergewicht beschleunigt die Abnutzung

Glücklicherweise bekommen bei weitem nicht alle Menschen mit X- oder O-Beinen einen spürbaren Meniskusschaden, geschweige denn eine Arthrose. Ob Beschwerden auftreten und wenn ja wann hängt vor allem von zwei Faktoren ab: dem Ausmaß der Fehlstellung und dem Körpergewicht. Je schwerer die betroffene Person ist, desto größer die Belastung. "Eher leichte Menschen können selbst mit einer starken Achsenfehlstellung oft problemlos leben", berichtet Möbius. "Ein stark übergewichtiger Mensch hingegen reibt sich auch bei leichten X- oder O-Beinen den Meniskus sehr schnell auf."

Auf das Gewicht zu achten und überschüssige Pfunde zu vermeiden, ist deshalb für die Betroffenen sehr wichtig. Ebenso lohnt es sich, mit physiotherapeutischen Übungen, die Muskeln und Bänder zu stärken und so das Knie zu stabilisieren. Individuell angepasste Einlagen und Schuhranderhöhungen, die die Fehlstellung ausgleichen, können der Überbelastung der Menisken entgegen wirken. All diese Therapiemaßnahmen dienen dazu, Schädigungen an den Gelenken möglichst lange hinauszuzögern oder – noch besser – ganz zu verhindern. Wieder begradigen lassen sich die krummen Beine bei Erwachsenen dadurch aber nicht.

Operation nur bei Beschwerden nötig

"Das einzige Mittel, um Achsenfehlstellungen zu beheben, ist eine Umstellungsoperation", sagt Möbius. Dabei handele es sich um einen großen Eingriff, der erst gemacht wird, wenn andere Therapien nicht mehr helfen. "Wer keine Beschwerden hat, muss nicht operiert werden", betont der Experte. Schwellung und Schmerzen im Kniegelenk sind die häufigsten Symptome. Achsenfehlstellungen der Beine verändern allerdings die gesamte Statik des Körpers und können sich so auch auf andere Gelenke auswirken. "Manche Patienten kommen zum Beispiel mit Rückenschmerzen – und dann stellt sich heraus, dass X-Beine der Grund dafür sind", berichtet der Oberarzt aus Berlin.

Erfahrene Orthopäden wie er erkennen Achsenfehlstellungen oft schon mit bloßem Auge. Definitiv gestellt wird die Diagnose dann mit einem Röntgenbild. Mit sogenannten Ganzbein-Standaufnahmen lässt sich die Abweichung aufs Grad genau bestimmen – eine entscheidende Information für eine eventuelle Operation. Standardmethode für diese sogenannte Umstellungsosteotomie ist die Open-Wedge-Technik: Dabei sägt der Chirurg den Knochen an und klappt ihn soweit auf, dass die Beinachse wieder stimmt. In die entstandene Lücke fügt er einen Keil aus künstlichem Knochenmaterial ein und verschraubt anschließend die beiden Knochenteile mit einer Platte in ihrer neuen Position. Bei O-Beinen wird in der Regel am Schienbeinknochen operiert, bei X-Beinen kann auch am Oberschenkelknochen operiert werden.

Bereits am Tag nach dem Eingriff dürfen die Patienten wieder an Krücken gehen und das Bein teilbelasten. Nach etwa einem Jahr kann die Platte wieder herausoperiert werden. Durch die Umstellungsosteotomie bessern sich bei den meisten Betroffenen die Schmerzen deutlich, so dass sie wieder ein aktives Leben führen und sogar Sport treiben können. Bereits entstandene Schäden lassen sich allerdings nicht mehr rückgängig machen, betont Möbius. "Um das Gelenk in möglichst gutem Zustand zu erhalten, ist es deshalb wichtig, die Operation rechtzeitig in Erwägung zu ziehen." Sonst wird der Schmerz zum ständigen Begleiter.



Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Krankheits-Ratgeber zum Thema

Unruhige Beine – Restless Legs – können den Schlaf stören

Restless Legs Syndrom (RLS, Unruhige Beine)

Bei Restless Legs Syndrom kommt es zu quälendem Unruhegefühl, Kribbeln oder Schmerzen in den Beinen, seltener in den Armen. Mehr zu Ursachen, Symptomen und Therapie »

Spezials zum Thema

Schöne Beine

Beine: Die Laufmaschinen

Mit gesunden Beinen bewegen wir uns frei und unbeschwert. Erfahren Sie, was den Beinen guttut und wie Sie Arthrose, Venenproblemen und anderen Erkrankungen vorbeugen können »

Haben Sie schon einmal Blut gespendet?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages