Müdigkeit

Müdigkeit hat viele Ursachen – allen voran: zu wenig Schlaf. Ständiges Müdesein zeigt manchmal auch bestimmte Krankheiten oder ein chronisches Erschöpfungssyndrom an

von Andrea Blank-Koppenleitner, aktualisiert am 01.07.2015

Müde, schlapp, kraftlos: Dafür gibt es harmlose bis ernsthafte Ursachen

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Meist kennen wir den Grund, warum wir müde sind: zu wenig geschlafen. Kurze oder unruhige Nächte sind die einfachste und häufigste Ursache für Müdigkeit am Tage. Doch auch wer morgens ausgeruht startet, kennt untertags Phasen, in denen ihn jenes bleierne Gefühl überkommt, das schwer auf den Augen lastet, Denken und Bewegungen verlangsamt, nach einer Ruhepause verlangt. Das kann ein kurzes Mittagstief sein, das durch eine üppige Mahlzeit noch verstärkt wird. Den gleichen Effekt hat es, wenn wir zu wenig essen und vor allem zu wenig trinken. Längeres Sitzen in einem schlecht gelüfteten Raum lässt ebenfalls Hirn und Beine schlapp werden.

Menschen, die lange intensiv ohne Pause durcharbeiten, überfällt irgendwann akute Müdigkeit, aber auch diejenigen, die den ganzen Tag untätig auf dem Sofa verbracht haben. Daumendrehen macht genauso müde wie anhaltende Stressbelastung, zu wenig körperliche Bewegung ebenso wie überzogenes Training.


Und schließlich kündigt sich ein beginnender Infekt, eine Erkältung etwa, nicht nur durch eine juckende Nase, sondern auch durch ein unbestimmtes Müdigkeitsgefühl an.

Was Müdigkeit bedeutet

Müdigkeit ist also in der Regel ein Hinweis dafür, dass uns etwas fehlt – Schlaf, Sauerstoff, Flüssigkeit, Bewegung. Manchmal zeigt der bleierne Zustand zudem an, dass unser Körper sich aktiv gegen etwas wehrt – gegen Krankheitskeime zum Beispiel – und deshalb verstärkt Abwehrkräfte mobilisiert. Das macht müde. Sehr häufig trüben Alltagsprobleme, die auf Geist und Körper lasten, die Stimmung, den inneren Antrieb und die Leistungsfähigkeit.

Ein Trost ist es, dass solche oft als unangenehm empfundenen Müdigkeitsphasen wieder vergehen oder sich rasch beheben lassen: Das geöffnete Fenster, der kurze Spaziergang an der frischen Luft, ein Glas Mineralwasser oder Entspannungsübungen vertreiben belastende Durchhänger. Der tiefe Gesundheitsschlaf bei einer Erkältung oder Grippe unterstützt den Organismus in seiner Genesungsarbeit.

In bestimmten Situationen erleben wir Müdesein sogar als angenehm, etwa nach einer ausgedehnten Wanderung in schöner Landschaft oder nach konzentrierter, erfolgreicher Arbeit am Schreibtisch. Die Glieder fühlen sich zwar schwer an, der Kopf ist wie ausgepumpt, aber eine tiefe Zufriedenheit breitet sich aus. Wer dann ausreichend schläft, die nötige Erholungspause einlegt, fühlt sich danach wieder wach, fit und leistungsstark.

Anhaltende Müdigkeit ernst nehmen

Ungewohnte, hartnäckige Müdigkeit jedoch ist oft das erste Zeichen dafür, dass etwas im Körper oder in der psychischen Verfassung nicht stimmt. Müdigkeit ist dann ein allgemeines Krankheitssymptom, wie Fieber, Abgeschlagenheit oder Schwitzen. Es kündigt Krankheitsprozesse unterschiedlichster Art an oder begleitet sie mehr oder minder ausgeprägt. Oft wirkt Müdigkeit auch später noch nach, wenn die Infektion überstanden, die Erkrankung schon ausgeheilt ist.

Wann sollten Sie aufmerksam werden?

  • Wenn eine Phase der Müdigkeit nicht durch wache, aktive Zeiten abgelöst wird,
  • Schlaf, Erholung und körperliche Bewegung die innere Schwere nicht lösen,
  • die Müdigkeit länger anhält als Sie es im normalen Rahmen kennen,
  • Sie plötzlich extrem müde werden, ohne sich übermäßig angestrengt zu haben,
  • das Müdesein Ihren Alltag spürbar belastet,
  • die Leistungen dadurch deutlich abfallen.

Hängt die Müdigkeit mit ausgeprägten Schlafstörungen zusammen, ist es wichtig, mit dem Arzt darüber zu sprechen, um deren Ursache gezielt anzugehen. Mehr Informationen hierzu finden Sie im Ratgeber "Schlafstörungen".

Der Müdigkeit auf den Grund gehen sollten Sie in jedem Fall auch, wenn andere Beschwerden dazukommen, wie Fieber, Abgeschlagenheit, Schmerzen, Schwellungen, Übelkeit, Schwindel, nächtliches Schwitzen, Muskelschwäche, Atemnot, depressive Verstimmtheit, Ängstlichkeit, Konzentrationsprobleme, Gedächtnisstörungen.

Der erste Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt, der oft schon die Krankengeschichte und das Lebensumfeld seines Patienten gut kennt. Er stellt die Diagnose entweder selbst oder zieht für weiterführende Untersuchungen einen Spezialisten hinzu (siehe dazu Kapitel "Diagnose").

Auf der Suche nach den Ursachen von Müdigkeit

Die Frage, warum wir müde werden, ist letztlich noch nicht geklärt. Die Abfolge von Wachheit, Müdesein und Schlafen folgt einem körpereigenen Rhythmus, der inneren Uhr. Unter ihrer Regie werden bestimmte Nervenbotenstoffe im Gehirn, bestimmte Hormone sowie Eiweißstoffe des Immunsystems je nach Bedarf in unterschiedlicher Menge produziert und ausgeschüttet. Auch die Körpertemperatur verändert sich im Laufe des Tages und der Nacht, um Wach- oder Müdesein anzuregen. Die Tageszeiten, Licht und Dunkelheit sind hierbei wesentliche äußere Taktgeber, ebenso soziale Vorgaben im Alltag. Der persönliche Lebensstil, die berufliche und private Situation können Unruhe und Verschiebungen in die inneren Abläufe bringen, die oft unpassende Müdigkeit zur Folge haben.

Im Körperinneren wirken eine ganze Reihe von Faktoren auf das Auf und Ab von Wachheit und Müdigkeit ein. Grundsätzlich müssen das Gehirn und andere Organe ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, also gut durchblutet sein. Blutkreislauf, Herzfunktion, Stoffwechsel, Hormonproduktion, Nervenaktivitäten und Immunabwehr müssen reibungslos ineinandergreifen. Störungen und Krankheiten in all diesen Bereichen können den Wachheitsgrad am Tage beeinträchtigen und zu verstärktem Müdesein führen. Sie verringern zudem unmittelbar die Schlafqualität.

Ebenso beeinflusst die Psyche Nervenfunktionen, Hormone und Körperabwehr. Psychische Störungen wie Depressionen und Ängste spielen eine wichtige Rolle bei andauernder, belastender Müdigkeit.

Müdigkeit ist eine unerwünschte Nebenwirkung einer Reihe von Medikamenten, die auf den Blutdruck, den Gehirnstoffwechsel und unterschiedliche Nervenfunktionen wirken. Weitreichende Folgen haben zudem Alkoholmissbrauch und Drogenkonsum. Sich erschöpft und müde fühlen ist nur ein Ausdruck unter vielen für die Schäden, die Süchte im Körper anrichten. Das gilt auch für Essstörungen wie Magersucht oder krankhaftes Übergewicht.

Ein oft angeführtes, aber aus ärztlicher Sicht eher seltenes Krankheitsbild ist das chronische Müdigkeits- oder Erschöpfungssyndrom (chronic fatigue syndrom, CFS). Die Betroffenen fühlen sich aus noch ungeklärter Ursache über Monate ständig müde und erschöpft. Dazu kommen meist weitere charakteristische Beschwerden wie Konzentrationsstörungen, Muskel- und/oder Gelenkschmerzen, Hals- und Kopfschmerzen, Schlafstörungen.

Ungewöhnliche Müdigkeit kann zudem ein frühes Symptom einiger Tumore und Bluterkrankungen sein, wie Lymphome oder Leukämien. Krebspatienten erleben mitunter anhaltende Erschöpfungszustände (Fatigue) – zum einen durch den Krankheitsprozess selbst, zum anderen als Folge der Behandlung.

Überblick über mögliche Ursachen von Müdigkeit

Lebensumstände

  • Schlafmangel (auch aufgrund von krankheitsbedingten Schlafstörungen, von Schlafapnoe, Narkolepsie oder anderen Ursachen)
  • Bewegungsmangel
  • Fett- und kalorienreiches Essen, Schlankheitsdiäten
  • Flüssigkeitsmangel
  • Übergewicht, Untergewicht
  • Magnesiummangel
  • Witterungseinflüsse, starke Sonneneinwirkung (bis hin zum Hitzschlag), Unterkühlung
  • Stress, Überarbeitung, Unterforderung
  • Kummer, Sorgen in Beruf und Privatleben
  • Wachstum, körperliche Entwicklungsphasen bei Kindern und Jugendlichen, prämenstruelles Syndrom bei Frauen, Wechseljahre

Schadstoffe, Umweltfaktoren

  • Aufenthalt in schlecht gelüfteten Räumen, zu trockene Luft
  • Arbeiten mit Giftstoffen (Holzschutzmittel, Insektizide, Blei, Anilin, Benzol)

(Mehr Informationen zu Lebensumständen und Umweltfaktoren im Kapitel "Lebensstil, Umwelt")

Psychische Erkrankungen, Nervenstörungen

(Mehr Informationen dazu im Kapitel "Psyche, Nerven")

Akute und chronische innere Erkrankungen

(Mehr Informationen zu Krankheitsbildern und typischen Symptomen im Kapitel "Innere Krankheiten")

Tumore, Krebserkrankungen, Fatigue

(Mehr Informationen zu Krankheitsbildern und typischen Symptomen im Kapitel "Krebs, Fatigue")

Medikamente

  • Auswahl: blutdrucksenkende Medikamente, Schlaf- und Beruhigungsmittel, Psychopharmaka, Antidepressiva, Migränemittel wie Triptane, Aknemittel, Mittel gegen Allergien wie Antihistaminika, Schmerzmittel (Opiate), immunstimulierende Medikamente (Interferone), Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen (Antiarrhythmika), Krebsmedikamente

(Mehr Informationen dazu im Kapitel "Medikamente")

Chronisches Erschöpfungssyndrom, Fibromyalgie

  • Chronisches Müdigkeits- oder Erschöpfungssyndrom (cronic fatigue syndrom, CFS)
  • Fibromyalgiesyndrom (noch weitgehend ungeklärtes Krankheitsbild mit Schmerzen in unterschiedlichen Körperbereichen sowie körperlichen und seelischen Beschwerden)

(Mehr Informationen zu Krankheitsbildern und typischen Symptomen im Kapitel "Chronische Erschöpfung, Fibromyalgie")


W&B/Arne Schultz

Therapie: Was gegen häufiges Müdesein hilft

– Lebensstil verbessern

Alle, die Alltagsbelastungen und ungünstige Lebensumstände als Ursache für häufiges, ausgeprägtes Müdesein ausgemacht haben, sollten auch hier konsequent ansetzen. Eingefahrene Gewohnheiten und Verhaltensmuster zu verändern erweist sich häufig als schwierig, aber für tiefgehendes Wohlbefinden ist es absolut lohnenswert. Für gesunde Menschen, die sich oft schlapp und müde fühlen, bedeutet das meist:

  • sich mehr körperlich bewegen,
  • zu einem gesunden Normalgewicht finden,
  • den Schlaf verbessern,
  • Stress abbauen,
  • regelmäßig entspannen.

Manchmal geht das nur mit fachlicher Hilfe. Oft können der Hausarzt, Gesundheitszentren oder Psychotherapeuten konkreten Rat geben beziehungsweise entsprechende Hilfseinrichtungen nennen.

Arbeits- und Umweltmediziner sowie Berufsgenossenschaften sind die Ansprechpartner, wenn es um Gift- und Schadstoffbelastungen im Beruf geht.

– Bestehende Grunderkrankungen nachhaltig behandeln

Liegt der Müdigkeit eine bestimmte Erkrankung zugrunde, richtet sich die Behandlung danach. Der Krankheit angepasste Bewegungstherapien unterstützen in der Regel die medizinischen Maßnahmen. Denn bei verschiedenen Herzerkrankungen etwa oder während und nach einer Krebstherapie hilft körperliche Aktivität in der richtigen Form, sich wieder frischer und leistungsfähiger zu fühlen. Das gilt auch bei psychischen Leiden.

Maßvolles körperliches Training und ein wohl dosierter Einsatz vorhandener Energien stellen ebenfalls wirkungsvolle Maßnahmen dar, um die Dauermüdigkeit bei einem chronischen Erschöpfungssyndrom zu überwinden. Neben einem allgemein gesunden Lebensstil kommt hier psychotherapeutischer Unterstützung, zum Beispiel mit Verhaltenstherapie, eine wichtige Rolle zu.

In den folgenden Kapiteln (siehe auch Übersicht oben am Anfang des Textes) finden Sie weitere Information zur Diagnose von Müdigkeit sowie zu den wichtigsten allgemeinen und krankhaften Ursachen. Entsprechende Links leiten Sie jeweils zu ausführlichen Krankheitsratgebern weiter.

 


Fachliteratur für diesen Ratgeber

Herold G et al.: Innere Medizin, Köln Gerd Herold 2014
Böhm M, Hallek M, Schmiegel W (Hrsg): Innere Medizin, begr. von Classen M, Diehl V, Kochsiek H, 6. Auflage, München Elsevier, Urban & Fischer Verlag, 2009
Klinke R, Pape H-C, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg): Physiologie. 6. Auflage, Stuttgart Georg Thieme Verlag 2010
Möller H-J, Laux G, Deister A: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. 5. Auflage, Stuttgart Georg Thieme Verlag 2013
Mattle H. Mumenthaler M: Neurologie. 13. Auflage, Stuttgart Georg Thieme Verlag 2013
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): Müdigkeit. Leitlinie 09/2011, awmf-Register-Nr. 053/002. Online: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/053-002.html (Abgerufen am 18.11.2014)
Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (DGPM), Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) et al.: Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden. Leitlinie 04/2012, awmf-Register-Nr. 051/001. Online: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-001.html (Abgerufen am 18.11.2014)
Deutsche Krebshilfe, Deutsche Fatigue-Gesellschaft e.V.: Fatigue. Chronische Müdigkeit bei Krebs. Die blauen Ratgeber 51, Stand 3/2012
Deutsches Krebsforschungszentrum, Krebsinformationsdienst: Fatigue. Erschöpfung bei Krebs. Online: http://www.krebsinformationsdienst.de/leben/fatigue/fatigue-index.php (Abgerufen am 18.11.2014)
National Health Service, United Kingdom: Chronic fatigue syndrome. Online: http://www.nhs.uk/conditions/Chronic-fatigue-syndrome/Pages/Introduction.aspx (Abgerufen am 18.11.2014)
Scheibenbogen C, Volk H-D, Grabowski P et al.: Chronisches Fatigue-Syndrom. Heutige Vorstellung zu Pathogenese, Diagnostik und Therapie. In: tägl.prax. 55, 567-574 (2014). Online: http://www.fatigatio.de/aktuelles/details/artikel/-b14700702e/ (Abgerufen am 18.11.2014)

Fachredaktion: Dr. med. Claudia Osthoff


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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Bildnachweis: W&B, W&B/Arne Schultz, Image Source/RYF
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