Leistenschmerzen

Leistenbrüche, Überlastung im Sport, Hüftleiden, Harnsteine: Das sind häufig Ursachen von Schmerzen in der Leiste – also zwischen Unterleib, Hüfte und Oberschenkel

von Dr. med. Claudia Osthoff / www.apotheken-umschau.de; aktualisiert am 12.05.2015

Thinkstock/Digital Vision

Starkes Geschlecht – schwache Leisten: Aus anatomischen Gründen haben Männer öfter Leistenprobleme als Frauen

Verglichen mit anderen Körperteilen ist es um die Leiste eher still. Doch der Schein trügt. Mehr als 200.000 mal pro Jahr reparieren Chirurgen Schwachstellen, die einem Leistenbruch den Weg bahnten. Damit gehören Operationen von Leistenbrüchen zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen in Deutschland.

Gleich vorweg: Leistenbrüche sind im Allgemeinen anhand einer plötzlich auftretenden, schmerzlosen Vorwölbung im Stehen oder beim Pressen in der Leiste sicht- und tastbar. Mitunter verursachen sie ein Ziehen oder Druckgefühl in der Leiste. Ein schmerzhafter Leistenbruch ist ein Alarmzeichen: In den Bruchsack geratenes Gewebe aus dem Bauchraum hat sich mutmaßlich eingeklemmt und kann abgeschnürt werden (Notoperation erforderlich!). Andere Ursachen für Leistenschmerzen sind beispielsweise Sportverletzungen, Harnsteinleiden oder Probleme am Hüftgelenk.



Leistenbrüche zeigen sich oberhalb der Leiste, Schenkelbrüche (treten bei Männern mitunter nach Leistenbruch-OP auf) unterhalb

Leistenbrüche gehören also zu den potenziell gefährlichen und damit sehr bedeutsamen Ursachen von Leistenschmerzen.

Leistenschmerzen – Leiden der Männer?

Fest steht: Einen Leistenbruch (Fachbegriff: Hernia inguinalis) haben Männer acht- bis neunmal häufiger als Frauen. Dass die Leiste bei Männern besonders anfällig ist, liegt am Leistenkanal in der unteren Bauchwand. Bleibt er nach der Geburt, wenn die Hoden schon hindurchgetreten sind, offen, oder ist die Muskellücke in der Bauchwand zu locker, entsteht eine natürliche Schwachstelle. Dies kann einen angeborenen Leistenbruch zur Folge haben.

Bei älteren Männern begünstigt vor allem eine Bauchwandschwäche Leistenbrüche. Gibt die Bauchwand zu wenig Halt, genügen manchmal schon viel Husten oder gewohnheitsmäßiges Pressen bei Verstopfung, und schon ist es passiert.

In beiden Fällen besteht die Gefahr, dass sich durch die „Bruchpforte“ Gewebe aus dem Bauchraum nach außen unter der Haut vorstülpt: Bauchfell und Darm oder – in den selteneren Fällen, bei denen Mädchen oder Frauen betroffen sind – auch ein Teil des Eierstocks. Wird das eingeklemmte Gewebe abgeschnürt und nicht mehr durchblutet, entwickelt sich der zunächst harmlose Bruchsack schnell zur gefährlichen „Falle“. Um dies möglichst zu vermeiden, sollte ein einmal festgestellter Leistenbruch zeitnah operiert werden. Kinder machen da übrigens keine Ausnahme.

Wenn Athleten, etwa Fußballspieler, miteinander reden, geht es bisweilen auch um Probleme wie „Sportlerleiste“ oder „weiche Leiste“ – allerdings ein umstrittenes Beschwerdebild (mehr dazu im Kapitel „Leistenbruch, Schenkelbruch“ in diesem Beitrag). Möglicherweise liegen Männer auch hier vorne, denn bei leistenkritischen Sportarten wie Fußball oder Eishockey dominieren sie weiterhin.


Mit Harnsteinleiden sie schicken gelegentlich heftige Schmerzsignale in Richtung Leiste – plagen sich Männer immerhin doppelt so oft herum wie Frauen.

Auch eine Hüftkopfnekrose, eine Art Infarkt des Hüftgelenkes, betrifft häufiger Männer als Frauen. Ähnlich das sogenannte Impingement der Hüfte, bei dem Bewegungen im Hüftgelenk nicht rund laufen, sodass das Gelenk vorzeitig verschleißen kann. Sport wie Fußball oder Hockey, besonders als Leistungssport, begünstigt das Hüftproblem. In beiden Fällen gehören Schmerzen in der Leiste zu den führenden Symtomen.

Bei Hodenschmerzen stellt sich die Frage, um welches Geschlecht es geht, erst gar nicht. Zudem lassen sich Schmerzen in so sensiblen Bereichen wie Leiste und Hoden nicht immer scharf voneinander trennen. Sind Leistenbeschwerden also ausgemachte Männersache?


Die Antwort lautet Jein: Denn Schmerzen in der Leiste betreffen auch Frauen, meist aber anders und weniger häufig.

Auch Frauen haben mit Leistenschmerzen zu tun, aber seltener

Ältere Frauen erleiden mitunter einen Schenkelbruch in der Leistengegend im weitesten Sinne (Schenkelhernie, ebenfalls ein Eingeweidebruch, nicht zu verwechseln mit einem Bruch des Oberschenkelknochens).

Einigermaßen ausgeglichen dagegen sieht die Geschlechterverteilung bei der Hüftarthrose aus, einer weiteren zentralen Ursache von Leistenschmerzen. Ab etwa 50 Jahren tritt sie zunehmend häufig auf. Die schmerzvolle Beckenringlockerung im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft betrifft natürlich nur Frauen. Demgegenüber kommen die seltenen Stress- oder Überlastungsbrüche des vorderen Beckenringes, etwa infolge einer Knochenerkrankung namens Osteomalazie, wiederum bei beiden Geschlechtern vor.

Damit stehen bereits wichtige Auslöser von Schmerzen in der Leiste fest – und die Mehrheitsverhältnisse auch: Die Leiste lahmt lieber beim Mann.


Leistenschmerzen – Was kann es sonst noch sein?

Geschwollene Lymphknoten

Normalerweise fühlt man Lymphknoten nicht oder höchstens mal vereinzelt als erbsgroße Knötchen in der Leiste. Lymphknoten sind zentrale Abwehrstationen des Immunsystems. Werden sie vermehrt beansprucht, nehmen sie an Größe zu (Lymphadenitis oder Lymphadenopathie). Bei Infektionen oder bei Entzündungen am Bein zum Beispiel können Leistenlymphknoten anschwellen und mitunter auch schmerzhaft sein.

Ursachen in der Umgebung der Leiste

Nicht selten sind Probleme mit den Gelenken der Grund für Schmerzen in der Leiste und / oder Hüfte. Infrage kommen neben der schon genannten Hüftarthrose, die außer normalem Verschleiß noch andere Ursachen haben kann, Abnutzungen an der Lendenwirbelsäule oder Fehlstellungen der Füße und Knie.

Auch Verletzungen oder Überbelastungen von Muskeln und Sehnen im Bereich des  Beckens, der Hüften und Oberschenkel bei sportlich Aktiven ziehen häufig Schmerzen nach sich, die in die Leistengegend ausstrahlen können.

Gelegentlich stößt der Arzt bei einem Patienten, der Beschwerden in der Leiste hat, auf Gefäßveränderungen, etwa eine knotig erweiterte Krampfader (Varixknoten) oder die Aussackung einer Schlagader (Aneurysma).


Leistenschmerzen: Wann zum Arzt?

Schmerzen in der Leiste, auch wenn sie zunächst nur zeitweise da sind, sollte ein Arzt rechtzeitig abklären. Je stärker und akuter die Beschwerden sind, desto dringlicher ist es. Bei Verdacht auf einen eingeklemmten Leisten- oder Schenkelbruch den Notarzt rufen (Tel. Rettungsdienst: 112) oder sich umgehend in eine chirurgische Notaufnahme bringen lassen.

Auch bei einem akut schmerzhaften Hoden ist der Arzt gefragt. Die Schmerzen strahlen häufig in die Leiste oder den Unterbauch aus. Wichtigste Ursache: eine Hodenstieldrehung, Fachbegriff: Hodentorsion. Sie betrifft einerseits häufig jugendliche und junge Männer im Alter von 13 bis 20 Jahren, andererseits Säuglinge im ersten Lebensjahr. Der geschwollene und gerötete, eventuell auch dunkel verfärbte Hoden lässt ahnen, wo die Schmerzursache liegt. Auch die Hodentorsion ist ein Notfall und muss sofort in einer (kinder-)chirurgischen Klinik behandelt werden. Geschieht das rechtzeitig, bleibt der Hoden in der Regel erhalten.

Kolikschmerzen bei einem Harnleiter- oder Blasenstein können geradezu als „vernichtend“ erlebt werden. Anlaufstelle hier: eine urologische Klinik.

Notfallcharakter haben zudem akute Schmerzen im Unterbauch oder Bauch mit Ausstrahlung in die Leiste. Infrage kommen hier zahlreiche Ursachen – von der Eileiterschwangerschaft mit Platzen des Eilters oder einer Stiehldrehung des Eileiters (Notaufnahme in der Frauenklinik) über eine akute Darminfektion bis zur akuten Blinddarmentzündung (Chirurgie, Kinderchirurgie).

Auch bei einem Kreislaufkollaps ist sofort der Rettungsdienst zu alarmieren (siehe oben) und bis zu dessen Eintreffen erste Hilfe zu leisten.

Verletzungen der Leistengegend stellen je nach Art und Ausmaß ebenfalls medizinische Akut- oder Notfälle dar, die umgehend in die Hand des Arztes gehören.

! Achtung: Eine Schwellung in der Leiste, auch wenn sie keine Schmerzen bereitet, sollte man immer baldmöglich abklären lassen.


Checkliste Leistenschmerzen

Die nachfolgende Liste gibt Ihnen eine Übersicht über mögliche Ursachen von Leistenschmerzen. Weitere Informationen zu den genannten Krankheiten, Diagnose und Therapie finden Sie in den entsprechenden Kapiteln.

Leistenbruch, Schenkelbruch (siehe Kapitel „Leistenbruch, Schenkelbruch“)

  • Leistenbruch (vor allem bei Männern; einschließlich „weicher Leiste“, „Sportlerleiste“; siehe auch unten: „Muskeln, Sehnen...“)
  • Schenkelbruch (vor allem bei Frauen)

Geschwollene Lymphknoten (Lympadenitis, Lymphadenopathie) (mehr dazu im Kapitel „Lymphknoten“)

  • Andere Erkrankungen, zum Beispiel des Lymphsystems

Muskeln, Sehnen, Gelenke (weitere Informationen im Kapitel „Muskeln, Sehnen, Gelenke“)

  • Probleme mit der Körperstatik: Muskelungleichgewichte, Fuß- und Beinachsenfehlstellungen, Beinlängenunterschiede, „X-Hüfte“, Hüftdysplasie, Impingement der Hüfte
  • Hüftkopfnekrose bei Erwachsenen
  • Beckenringlockerung (vor und nach vaginaler Entbindung)
  • Bruch des Sitz- und Schambeins bei Osteomalazie
  • Sportlerleiste (Pubalgia) und Leistenzerrung (Sehnenansatzreizungen im Bereich der Oberschenkelmuskeln (Heranzieher, auch Adduktoren), Osteitis pubis (Symphysitis, Entzündung im Schambeinbereich), Kapselreizung des Hüftgelenkes
  • Geschwulsterkrankungen des Knochen- oder Weichteilgewebes

Harnsteine, Hoden & Co. (nachzulesen im Kapitel „Harnsteine, Hoden & Co.“)

  • Akute Hodentorsion (Hoden, Samenstrang) und Hydatidentorsion
  • Entzündung des Nebenhodens

Abszess, Gefäße (darüber informiert Sie das Kapitel „Abszess, Gefäße“)

  • Psoasabszess
  • Krampfaderknoten
  • Aussackung (Aneurysma) der Oberschenkelarterie

Diagnose und Therapie bei Leistenschmerzen

Die genauen Schritte zur Diagnose richten sich nach dem Beschwerdebild und den mutmaßlichen Ursachen im Einzelfall. Mehr dazu im Diagnose-Kapitel und bei den jeweiligen Krankheitsbildern in den einzelnen Kapiteln dieses Beitrags. Sie enthalten auch Informationen über mögliche Behandlungswege und weiterführende Links.


Wichtig:
Dieser Artikel informiert nur allgemein und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.




Bildnachweis: Thinkstock/Digital Vision, W&B/Felix Schneider
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