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Welche sexuell übertrag­baren Krankheiten (STI) gibt es?

Sie sind die Spielverderber im Schlafzimmer: Syphilis, Chlamydien, Gonorrhö (Tripper), Filzläuse, Skabies (Krätze), Herpes und Hepatitis – insgesamt sind es mehr als 30. Die meisten STI („sexually transmitted infec­tions“) lassen sich inzwischen gut mit Medikamenten behandeln und oft sogar heilen. So gut, dass sie fast aus dem Bewusstsein verschwunden sind. Besiegt sind STI aber nicht.

Tag für Tag stecken sich weltweit mehr als eine Million Menschen mit einer sexuell übertragbaren Infektion an. Auch in Deutschland stieg die Zahl der Syphilis-Neuinfektionen laut Robert Koch Institut seit dem Jahr 2000 von 1124 auf über 8300 Fälle pro Jahr. Auch Chlamydieninfektionen und Gonorrhö verbreiten sich. „Jede und jeder kann sich mit einer sexuell übertragbaren Infektion anstecken“, betont Dr. Susanne Buder, Vizepräsidentin der Deutschen STI-Gesellschaft und Leiterin der Klinik für Dermatologie und Venerologie am Vivantes Klinikum Neukölln: beim Sex ohne Kondom, durch Kontakt zu erkrankten Hautstellen oder verunreinigten Sextoys. Auch die Übertragung einer STI von der Mutter auf das Kind ist möglich.

Wie kann ich sexuell übertragbare Krankheiten (STI) vermeiden?

  • Richtig benutzt, verringern Kondome oder Femidome (Frauenkondome, siehe unten) das Ansteckungsrisiko für HIV, Hepatitis B, C und D deutlich. Bei anderen STI sind weitere Maßnahmen nötig. „Sie können durch andere intime Kontakte wie Oralsex übertragen werden“, so Dermatologin Susanne Buder. Femidom und Kondom nie gleichzeitig nutzen – Rissgefahr!
  • Bei Oralsex bieten Dental Dams oder Lecktücher Schutz: dünne Tücher aus Latex oder latexfreiem Gummi. Oder die Spitze eines Kondoms ab- und den Rest der Länge nach aufschneiden.
  • Beim Petting oder gegenseitiger Masturbation ist das Risiko gering, sofern man keine Körperflüssigkeiten austauscht und auf Hygiene achtet, zum Beispiel die Hände vor- und nachher wäscht und keine offenen Wunden hat. Veränderungen der Haut wie Herpes-Bläschen, Feigwarzen und Syphilis-Geschwüre nicht berühren. Wer Sexspielzeug teilt: neues Kondom benutzen.
Die Fälle der sexuell übertragbaren Krankheiten in Deutschland steigen.

Die Fälle der sexuell übertragbaren Krankheiten in Deutschland steigen.

Gegen welche STI kann ich mich impfen lassen?

  • Gegen HPV, Hepatitis A und B gibt es Impfungen. Die HPV-Impfung schützt vor einer Infektion mit den häufigsten Typen der humanen Papillomviren (HPV). Eine HPV-Infektion kann bestimmte Krebsarten – vor allem Gebärmutterhalskrebs – und Feigwarzen verursachen. Mädchen und Jungen sollten noch vor dem ersten Sex im Alter zwischen 9 und 14 Jahren geimpft werden.
  • Bis zum 18. Geburtstag ist die Impfung kostenlos nachholbar, einige Krankenkassen übernehmen auch die Kosten für Erwachsene. Säuglinge erhalten den Piks gegen Hepatitis B üblicherweise im Alter von zwei, vier und elf Monaten. Bis zur Volljährigkeit lässt er sich nachholen. Für Erwachsene ist eine Impfung gegen Hepatitis A und B etwa bei hohem Ansteckungsrisiko sinnvoll: bei häufig wechselnden Sexpartnerinnen und -partnern; bei Männern, die (auch) mit Männern Sex haben; bei Menschen, die Drogen spritzen, sowie Personen mit Immunschwäche. Auch berufliche Gründe können dafür sprechen, zum Beispiel bei medizinischen Fachkräften.
  • Eine Hepatitis-A-Impfung empfiehlt sich auch bei einer chronischen Lebererkrankung sowie Reisen in Länder, in denen Hepatitis A vorkommt. Gegen HIV, Chlamydien und Gonokokken werden Impfstoffe derzeit getestet.

Gegen welche STI gibt es Medikamente?

  • HIV-wirksame Medikamente schützen bei richtiger Anwendung in hohem Maß vor einer Infektion (Prä-Expositions-Prophylaxe, PrEP). Viele sehen die PrEP als Möglichkeit, auf Kondome zu verzichten. Allerdings können die Medikamente Nebenwirkungen haben. Oft wird zudem übersehen, dass sie keinen Schutz vor anderen STI bieten. „Kondome und Tests bleiben also unerlässlich“, sagt Susanne Buder.
  • Ist es doch zu einer Infektion gekommen, unterdrücken moderne HIV-Arzneien bei einer erfolgreichen und stabilen Therapie die Vermehrung des HI-Virus im Körper. So schützen sie die Gesundheit HIV-positiver Menschen und verringern zudem das Risiko, dass HIV auf andere Personen übertragen wird. Ähnlich wirksam sind antivirale Therapien bei Hepatitis B und C.

Sexuell übertragbare Krankheiten: Was zahlen die Krankenkassen?

Die Krankenkassen bezahlen ihren Versicherten verschiedene Früherkennungsuntersuchungen:

  • Frauen bis 25: Chlamydien, Urinprobe, 1x/Jahr, „Auch für Männer sinnvoll“, sagt Expertin Susanne Buder. Männer müssen die Vorsorge allerdings selbst zahlen
  • Frauen ab 20: Gebärmutterhalskrebs, Pap-Abstrich, 1x/Jahr
  • Schwangerschaft: Tests auf mehrere sexuell übertragbare Infektionen, auch um Mutter-Kind-Übertragung zu verhindern
  • Frauen ab 35: alle drei Jahre Pap-Abstrich inklusive Test auf HP-Viren
  • Check-up 35: Test auf Hepatitis-Viren Typ B und C, Blutprobe, einmalig
  • Bei Prä-Expositions-Prophylaxe gegen HIV: Vorsorgeuntersuchung alle drei Monate

Kondom gerissen: Wie reagieren nach einer Sexpanne?

  • Reißt beim Sex das Kondom oder geschieht ein anderes Missgeschick, kann die Post-Expositions-Prophylaxe (PEP) die Wahrscheinlichkeit, sich mit HIV anzustecken, deutlich verringern: Betroffene nehmen innerhalb von 24 Stunden nach einem Risikokontakt über vier Wochen hinweg spezielle Medikamente ein, um eine Ansteckung mit HIV zu verhindern. In den meisten Fällen gelingt das. Hundertprozentige Sicherheit gibt es aber nicht.
  • Furore macht derzeit eine „Pille danach“ gegen weitere STI: das Antibiotikum Doxycyclin. Es kann Syphilis, Tripper und Chlamydien teilweise verhindern. Diskutiert wird auch, ob man das Medikament vorbeugend verabreichen sollte. Die meisten Expertinnen und Experten raten von beiden Vorgehensweisen ab. Sie fürchten neue Resistenzen, gesundheitliche Schäden und die Vernachlässigung anderer Schutzmaßnahmen.

Wann sollte ich mich auf eine STI testen lassen?

  • Oft bleibt eine Infektion unbemerkt, weil kaum Beschwerden auftreten. „Bei Verdacht sollte man sich testen lassen“, rät Buder. STI heilen selten von selbst, auch Betroffene ohne Krankheitszeichen sind ansteckend. Unbehandelt können STI zu Unfruchtbarkeit führen, Krebserkrankungen auslösen und schwere Schäden an Organen verursachen.
  • „Jeder sexuell aktive Mensch sollte seinen Infektionsstatus kennen“, sagt Buder. Das gilt besonders bei Risikokontakten, etwa One-Night-Stands oder häufig wechselnden Partnerinnen und Partnern. Gonokokken, Auslöser der Gonorrhö, sowie Chlamydien sind einige Tage nach dem Sex nachweisbar, Syphilis nach zwei bis drei Wochen, HIV mit bestimmten Tests nach elf Tagen. Sonst dauert es mehrere Wochen. Die Art des Tests – Schleimhautabstrich, Analyse von Blut und Körperflüssigkeiten – hängt vom vermuteten Erreger ab.
  • Mittlerweile gibt es auch STI-Tests für zu Hause. „Das Ergebnis muss immer von einem Labor bestätigt werden“, rät Infektiologin Dr. Hanna Matthews, die am Checkpoint für sexuelle Gesundheit des UKE Hamburg Menschen auf STI testet, berät und therapiert. Sie sagt: „Eine Therapieentscheidung sollte niemals nur aufgrund eines Heimtests gefällt werden.“ Wer etwa einen negativen HIV-Test hat, aber vermutet, sich infiziert zu haben, sollte sich ärztlich beraten lassen.

Safer-Sex-Check: Wie hoch ist mein Risiko für eine STI?

Der anonyme Online-Risikotest von „WIR – Walk In Ruhr“ hilft, das eigene Risiko für sexuell übertragbare Infektionen abzuschätzen und den passenden Schutz zu finden: risikotest.wir-ruhr.de

Interview: Warum breiten sich STI in Deutschland derzeit so schnell aus?

Dr. Hanna Matthews, Fachärztin ist für Innere Medizin mit Zusatzbezeichnung Infektiologie. Sie behandelt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Menschen aller Geschlechter und sexuellen Orientierungen gegen sexuell übertragbare Krankheiten.

Frau Matthews, welche übertragbaren Infektionen sind in Deutschland auf dem Vormarsch?

Bei den bakteriellen STI sind in Deutschland Chlamydien, die Gonorrhö und die Syphilis am häufigsten. So sind im Jahr 2022 mehr als 8300 Menschen neu an Syphilis erkrankt. Weit verbreitet sind auch Herpes- und humane Papillomviren. 70-Jährige hatten mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu neunzig Prozent schon einmal Kontakt damit. Neuinfektionen mit HIV, ­Hepatitis B und C sind dagegen seit einigen Jahren rückläufig.

Warum verbreiten sich Geschlechtskrankheiten derzeit so rasant?

Nach der Corona-Pandemie tauschen sich die Menschen wieder mehr aus, auch sexuell. Die Angst vor HIV hat nachgelassen. Viele verzichten auf Kondome. Dass sie damit anderen STI Vorschub leisten, wissen viele gar nicht. Gerade heterosexuelle Menschen sind nur unzureichend über Übertragungswege und Schutzmöglichkeiten informiert. Niemand redet gerne darüber, und in der Schule sind STI meist kein Thema. Auch deshalb werden Impfungen und Screenings viel zu wenig genutzt. Wir müssten viel mehr über sexuelle Infektionen sprechen!

Wo finde ich Hilfe, wenn ich vermute, mich mit einer STI angesteckt zu haben? Oder mich informieren möchte?

Klassische Ansprechpartner sind Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin, Infektiologie, Gynäkologie, Urologie oder Dermatologie. In vielen Großstädten bieten „Checkpoints für sexuelle Gesundheit“ Beratung, Tests und oft auch Behandlung an, in Hamburg etwa online unter: uke.de/checkpoint Gesundheitsämter und lokale Aidshilfen beraten und testen anonym. Heimtests mit Beratung bekommt man bei Initiativen wie s.a.m health (sam-health.de). Weiterführende Informationen und Kontaktadressen findet man auf der STI-­Informationsseite der BZgA unter ­liebesleben.de oder bei der Deutschen STI-Gesellschaft unter dstig.de.


Quellen:

  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Sexuell übertragbare Infektionen (STI) – Was ist das?. https://www.liebesleben.de/... (Abgerufen am 22.12.2023)
  • Deutsche STI Gesellschaft: Antibiotische STI-Prophylaxe mit Doxycyclin. https://www.dstig.de/... (Abgerufen am 22.12.2023)
  • Luetkemeyer AF, Donnell D, Dombrowski JC et al.: Postexposure Doxycycline to Prevent Bacterial Sexually Transmitted Infections. In: The New England Journal of Medicine: 06.04.2023, https://doi.org/...
  • World Health Organisation: Sexually transmitted infections (STIs). https://www.who.int/... (Abgerufen am 22.12.2023)