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Die Cannabislegalisierung soll kommen. Das hat Gesundheitsminister Professor Karl Lauterbach (SPD) Mitte August verkündet. Geplant ist ein Zwei-Säulen-Modell: Im ersten Schritt geht es darum, Cannabis im Privatgebrauch zu entkriminalisieren. So sollen Interessenten drei Pflanzen für den Eigengebrauch zu Hause legal züchten dürfen. Der Besitz von 25 Gramm Cannabis soll künftig straffrei sein, der Konsum nur Erwachsenen erlaubt.

Zudem sollen Konsumentinnen und Konsumenten sogenannte Anbauvereinigungen gründen dürfen, die für Mitglieder Cannabis züchten. Mehr zu den Plänen lesen Sie hier. Später soll auch der Verkauf in Fachgeschäften erlaubt werden. Dazu wurde aber noch kein Gesetzentwurf vorgestellt. Ziel der Legalisierung soll vor allem sein, den Schwarzmarkt auszutrocknen und Jugendschutz zu verbessern. Diese zwei Punkte führt Lauterbach bei dem Thema immer wieder an.

Viel Kritik an Legalisierungsplänen

Die Meinungen zur Cannabislegalisierung sind unterschiedlich: Kritik gibt es vor allem von den Unionsparteien. So nannte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt den Plan „absolut verantwortungslos“, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet. Er sprach von einem „Anschlag auf den Jugend- und Gesundheitsschutz in Deutschland“. Der Deutsche Richterbund befürchtet vor allem mehr Arbeit für die Justiz. Grund dafür seien die vielen speziellen Regeln zu den Cannabis-Clubs, zum Anbau und zur Abgabe der Droge.

Daneben kritisieren auch Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitsbereich die Pläne. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. verweist darauf, dass die Hirnreifung erst mit etwa Mitte 20 abgeschlossen sei und ein früherer Cannabiskonsum etwa das Risiko für Psychosen erhöhen kann. Verbände der Kinder- und Jugendmedizin lehnen den Gesetzentwurf in einer Stellungnahme „entschieden“ ab. Aus ihrer Sicht führen die Legalisierungspläne „zu einer Gefährdung der psychischen Gesundheit und der Entwicklungschancen junger Menschen in Deutschland“. Ähnlich argumentiert die Bundesärztekammer.

„Gesetzesentwurf geht in die richtige Richtung“

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen als deutschlandweiter Zusammenschluss der Vereine und Verbände der Suchthilfe und Sucht-Selbsthilfe begrüßt dagegen die Entkriminalisierung von Konsumenten. „Bislang konnte nicht festgestellt werden, dass ein strafrechtliches Verbot wirksam den Konsum und einhergehende gesundheitliche und soziale Folgen reduziert“, heißt es in ihrer Stellungnahme zum Gesetz.

Auch akzept, der Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik, befürwortet eine Legalisierung[1]. So sagt Suchtforscher Prof. Dr. Heino Stöver der Apotheken Umschau: „Der Gesetzentwurf geht grundsätzlich in die richtige Richtung. Die Alternative wäre, jährlich weiterhin gegen etwa 200 000 Menschen wegen Cannabisbesitz Strafverfahren einzuleiten und sie zu stigmatisieren. Und das kann ja nicht sein.“

Stöver ist Vorsitzender bei akzept sowie Sozialwissenschaftler und geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences. Er verweist darauf, dass trotz eines Verbots die Zahl der Cannabiskonsumenten in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Das belegen auch Untersuchungen der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle[2]. Laut Gesundheitsministerium haben rund 4,5 Millionen der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal die Droge konsumiert.[3]

Tote durch verunreinigtes Cannabis

Auch Dr. Eva Hoch verweist auf den steigenden Konsum. So liegt in Europa das Durchschnittsalter von Personen, die Cannabis das erste Mal konsumieren, etwa bei 15 Jahren. „Das heißt: Auch mancher 13-Jährige ist neugierig und probiert Cannabis“, sagt Hoch der Apotheken Umschau.

Hoch ist Psychologin und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie. Sie sieht gesundheitliche Gefahren für Minderjährige. „Die Risiken für die psychische Gesundheit sind bei Jugendlichen ganz klar am größten“.

Jedoch kann sie auch die Argumente der Regierung verstehen: einerseits eine einheitliche Drogenpolitik für Alkohol, Tabak und Cannabis. Andererseits das Ziel, den Schwarzmarkt zurückzudrängen und somit auch dafür zu sorgen, dass weniger verunreinigtes Cannabis in den Umlauf kommt. „Das ist nicht unbedeutend“, sagt Hoch. Immer wieder sterben Menschen aufgrund von Cannabis, das mit künstlichen Wirkstoffen versetzt ist. 2020 kamen so neun Menschen um ihr Leben[4].

Schwarzmarkt wird nicht sofort verschwinden

Laut Suchtforscher Stöver könnten auch Jugendliche vom sauberen Cannabis profitieren. Zwar sei der Konsum für unter 18-Jährige laut Gesetzesentwurf verboten. Aber: „Wenn sie schon rauchen, werden Jugendliche idealerweise an qualitätssicheres Cannabis aus den legalen Ernten kommen“, so Stöver. „Jugendliche kommen ja auch an Zigaretten und hochprozentigen Alkohol bevor sie 18, oder Bier und Wein bevor sie 16 sind. So sind die kulturellen Bedingungen hier.“

Ob Cannabis oder Alkohol schädlicher ist, lesen Sie hier. Das Argument, dass eine Legalisierung den Schwarzmarkt sowieso nicht verschwinden lässt, kann Stöver nicht nachvollziehen. „Man muss sich klarmachen, dass das ein Prozess ist, der Jahre dauert“, so Stöver. „Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen und die Leute werden sofort ihre alten Gewohnheiten aufgeben und dem neuen System vertrauen.“ Er verweist auf Kanada. In dem Land wurde Cannabis 2018 für Erwachsene legalisiert. Dennoch gibt es immer noch einen Schwarzmarkt. Jedoch kaufen mehr Menschen mittlerweile Cannabis legal bei Händlern als illegal bei Dealern[5].

Mehr Geld für Aufklärung gefordert

Stöver erklärt aber auch, dass die Legalisierung beim Eigenanbau und den Anbauvereinigungen nicht enden darf: In Zukunft müsse es auch möglich sein, in Fachgeschäften Cannabis legal zu kaufen. Ansonsten werde es die Regierung nicht schaffen, den Schwarzmarkt zurückzudrängen: „Es wird Menschen geben, die sich vielleicht aus Angst vor Bürokratie oder Stigmatisierung den Anbaugesellschaften nicht anschließen wollen“, sagt Stöver. „Die werden vermutlich bei ihren gewohnten Bezugsquellen bleiben.“

Suchtpsychologin Hoch wünscht sich vor allem mehr Geld für Aufklärung, Prävention und Jugendschutz. Während es auf Alkohol und Tabak eigene Steuern gibt, sind zumindest im Rahmen des ersten Cannabis-Gesetzes keine weiteren Steuergelder zu erwarten. Gleichzeitig hat die Bundesregierung für 2024 die Gelder für die Suchtprävention auf 9,2 Millionen Euro gekürzt. Für das aktuelle Jahr beträgt der Etat noch 13,2 Millionen Euro. Dabei könnte mehr Geld dringend nötig sein: „Natürlich gibt es in Deutschland viele Initiativen zur Suchtprävention“, sagt Hoch. „Aber sie sind in ihrer Wirksamkeit oft noch nicht stark genug, um den Konsum legaler oder illegaler Drogen zu vermeiden oder Missbrauch und Abhängigkeit zu verringern.“

„Alkohol und Tabak sind die Einstiegsdrogen“

Suchtforscher Stöver stört sich dagegen vor allem daran, dass die Cannabislegalisierung überhaupt so groß diskutiert und von Parteien wie der CDU und CSU angeprangert wird. Er kann das nur durch alte Denkweisen erklären. So gelte für viele Menschen Cannabis als Einstiegsdroge und senke die Leistungsfähigkeit. „Ich sage in Diskussionen dann immer, dass Alkohol und Tabak Einstiegsdrogen sind. Aber dafür werde ich dann müde belächelt“, sagt Stöver. „Vor allem Tabak ist eines der größten vermeidbaren Gesundheitsprobleme der Deutschen. Aber das wird geflissentlich übersehen.“

Auch Suchtexpertin Hoch sieht Probleme mit legalen Drogen. Zwar sei der Jugendschutz in Deutschland gesetzlich verankert. Aber: „Für Minderjährige ist es beispielsweise im Einzelhandel problemlos möglich, hochprozentigen Alkohol, Zigaretten oder andere altersbeschränkte Produkte zu kaufen“, so Hoch. „Man sollte das Momentum jetzt nutzen und Jugendschutz neu denken: für Cannabis, Alkohol und andere Substanzen.“


Quellen: