Netzhauterkrankung bei Bluthochdruck (Hypertensive Retinopathie): Überblick

Die hypertensive Retinopathie ist eine Erkrankung der Netzhaut (Retina) bei chronischem Bluthochdruck oder akut zu hohem Blutdruck. Mehr zu Ursachen, Diagnose, Therapie
von Dr. med. Claudia Osthoff, aktualisiert am 01.02.2016

Anatomie des Auges (schematisch). Im "beleuchteten" Bereich sind Netzhautgefäße erkennbar (heller: Arterien, dunkler: Venen). Sie verzweigen sich auf der Innenseite der Netzhaut

W&B/ Szczesny

Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) ist eine Kreislaufkrankheit. Fast die Hälfte aller über Fünfzigjährigen ist betroffen. Aber nicht nur: Mehr und mehr haben auch Kinder und Jugendliche mit Bluthochdruck zu tun. Übergewicht spielt dabei eine wichtige Rolle.

Was ist Bluthochdruck?

Wenn wiederholt Werte ab 140/90 mmHg und darüber gemessen werden, liegt ein Bluthochdruck vor. Der Grenzwert gilt für Erwachsene. Bei Kindern ist er etwas niedriger.

Bluthochdruck und Bluthochdruck ist nicht dasselbe. Es gibt verschiedene Formen, wie auch die Netzhautveränderungen unterschiedlich ausgeprägt sein können. Ärzte unterscheiden den chronischen, primären Bluthochdruck "an sich" (primäre, essenzielle Hypertonie) von sekundären Formen, die auf einer anderen Erkrankung beruhen oder in der Schwangerschaft auftreten (siehe unten, Abschnitt "Komplikationen in der Schwangerschaft").

Die primäre Hypertonie kommt mit Abstand am häufigsten vor. Sekundäre Formen sind seltener, fallen aber eher durch einen schlecht beherrschbaren Bluthochdruck oder akute Blutdrucksteigerungen auf. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte renovaskuläre Hypertonie aufgrund einer verengten Nierenschlagader (Nierenarterienstenose) – eine Erkrankung, die auch zu einer hypertensiven Retinopathie führen kann.

Was passiert bei Bluthochdruck?

Auch wenn er lange Zeit keine Beschwerden macht, schädigt Bluthochdruck auf Dauer die Blutgefäße. Es entwickelt sich eine Arteriosklerose. Die Schlagadern versteifen und verengen sich. Dadurch verschlechtert sich die Durchblutung der Organe. Dies ist vor allem problematisch, wenn das Herz, das Gehirn, die Nieren oder Augen betroffen sind. Mehr noch: Die Arteriosklerose hat ungünstige Rückwirkungen auf den Blutdruck, er kann weiter ansteigen und lässt sich womöglich schwerer behandeln. Es entsteht also ein Teufelskreis.

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Meistens kommen Patienten mit zu hohen Blutdruckwerten zum Augenarzt, ohne zu wissen, dass bereits Veränderungen an der Netzhaut vorhanden sind. Die Betroffenen haben zwar Kenntnis von ihrem Bluthochdruck, aber sie sehen nicht den Zusammenhang mit den Auswirkungen an den Blutgefäßen und den möglichen Folgen. Auch leuchtet es ihnen oft nicht ein, warum der Blutdruck weiterhin behandelt werden muss, wenn er sich doch erfolgreich senken ließ.

Dazu muss man wissen: Im Kreislaufsystem haben sich bei Bluthochdruck wichtige Weichen verstellt. Auch die Arteriosklerose bleibt bestehen oder nimmt eher noch zu. Der Blutdruck muss daher auf jeden Fall dauerhaft kontrolliert und reguliert werden, um den Istzustand zu verbessern und weitere Schäden zu vermeiden.

Das gilt natürlich gerade auch dann, wenn Veränderungen an der Netzhaut (Retina) durch den Bluthochdruck zu einer "hypertensiven Retinopathie" geführt haben. Spätestens jetzt sollte also alles unternommen werden, um den erhöhten Blutdruck in den Griff zu bekommen. Dadurch bestehen gute Chancen, fortschreitende Netzhautschäden und Beschwerden wie eine Sehverschlechterung zu vermeiden; bestenfalls können sich die Verhältnisse an der Netzhaut wieder normalisieren. Nachhaltige Blutdrucksenkung kann auch Folgeerkrankungen des Bluthochdrucks durch Schädigung anderer Organe vorbeugen, etwa einer Herzkranzgefäßerkrankung.

 

Was geschieht am Augenhintergrund?

Zu hoher Blutdruck greift unter anderem die Gefäße am Augenhintergrund an. In der Netzhaut sind zum einen die kleinen Versorgungsadern namens Arteriolen betroffen, zum anderen die Netzhautvenen, die sauerstoffarmes Blut transportieren. Außerdem können die Gefäße der darunterliegenden Aderhaut in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Aderhaut ernährt zentrale Strukturen wie die Sinneszellen der Netzhaut. Diese auch Fotorezeptoren genannten Zellen nehmen die Lichtimpulse auf, wandeln den Reiz in einen Nervenimpuls um und geben die Information an das Gehirn weiter.

Die Netzhautgefäße verändern unter der Einwirkung des hohen Blutdrucks ihre Form. Häufig verengen sie sich – vorübergehend oder dauerhaft. Gefäße können sich auch vermehrt "schlängeln", kleine Aussackungen bilden oder sich verschließen. Die Gefäßschäden führen alles in allem zu Störungen der Versorgung mit Nährstoffen, zu Ablagerungen und Blutungen an der Netzhaut. Schließlich können Nervenfasern in der Netzhaut zugrunde gehen. Bei schwerer Hypertonie und ausgeprägter Netzhautschädigung kann zudem der Sehnerv, in dem sich die Nervenfasern bündeln, anschwellen (Papillenödem).

Die Untersuchung der Netzhaut ist deswegen grundsätzlich bedeutungsvoll, weil die Gefäße hier direkt, sozusagen "live", beobachtet und untersucht werden können.

Symptome der Netzhauterkrankung bei Bluthochdruck

Die Symptome hängen von der Dauer und vom Schweregrad des Hochdrucks ab. Dies beeinflusst wiederum die Veränderungen an der Netzhaut. Auch spielt eine Rolle, ob der Bluthochdruck auf einer anderen Krankheit beruht und in welchem Lebensalter er auftritt.

Akute Netzhautschädigung ... und mehr

Ganz akut kann sich eine Retinopathie bei einer krisenhaften Blutdrucksteigerung (hypertensiver Notfall, siehe auch unten, Abschnitt "Therapie") entwickeln. Darauf weisen plötzliche Sehstörungen hin.

Auch sind Schädigungen lebenswichtiger Organe möglich. Ist das Gehirn betroffen, können Beschwerden wie starke Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Benommenheit, Gefühlsstörungen und Lähmungen auftreten. Akute Brustschmerzen, die gegebenenfalls in den Rücken ausstrahlen, und Atemnot sind ebenfalls alarmierende Symptome. Sie können zum Beispiel einen Herzinfarkt anzeigen.

Zu einer Hochdruckkrise kommt es mitunter, wenn ein primärer Bluthochdruck entgleist.
Vielleicht liegt aber eher eine sekundäre Hypertonie vor. Sie kann zum Beispiel auf einer Nierengefäßverengung (siehe oben) oder einer Nieren- beziehungsweise Nebennierenerkrankung beruhen. Betroffene mit sekundären Bluthochdruckformen sind überwiegend jung.

Komplikationen in der Schwangerschaft

Mit Bluthochdruck in der Schwangerschaft verbundene Krankheitsbilder heißen Spätgestosen – sie treten ganz überwiegend in der Spätschwangerschaft auf. Zum Beispiel kann eine sogenannte Präeklampsie akute Blutdrucksteigerungen auslösen. Kennzeichnend sind zudem Eiweißverluste über die Nieren. Parallel lagert sich Flüssigkeit ein mit eher untypischen Schwellungen im Gesicht und an den Armen, und die Harnmenge nimmt ab. Um möglichen Risiken bei Mutter und Kind rechtzeitig zu begegnen, müssen beide sorgfältig – eventuell in der Klinik – überwacht werden, bis die Schwangerschaft mit der Geburt des Kindes zu einem guten Ende gebracht wurde.

Schwerere Ausprägungen der Präeklampsie führen zu plötzlicher Gewichtszunahme durch stark vermehrte Wassereinlagerung – mehr als ein Kilogramm pro Woche. Dazu kommen auch hier Symptome wie Unruhe, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen. Den Übergang in die lebensbedrohliche Verlaufsform der Eklampsie signalisieren Krampfanfälle, und es drohen ausgeprägte Netzhautschäden mit Sehverlust. Außerdem sind Nierenversagen, Gefäßverschlüsse (Thrombosen) und Funktionsstörungen der Plazenta möglich. Diese schwerwiegende Entwicklung betrifft zum Glück nur wenige Schwangerschaften.

Chronische Netzhautschädigung

Häufig ist noch längere Zeit ein gutes Sehvermögen vorhanden. Dauerhaft unbehandelte, ausgeprägte oder fortschreitende Formen der hypertensiven Retinopathie führen jedoch zu Sehstörungen oder zunehmender Sehschwäche. Dank der heutigen Diagnose- und Therapiestandards sind schwerwiegende Entwicklungen, insbesondere Erblindung, selten geworden.

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Thinkstock/Hemera

Diagnose und Therapie der hypertensiven Retinopathie

Diagnose

Der Augenarzt erkennt die Netzhauterkrankung bei der Untersuchung des Augenhintergrundes (Funduskopie, Ophthalmoskopie). Dabei schaut er mit einer Lichtquelle und Lupe durch die medikamentös erweiterte Pupille des Patienten.

Erste Veränderungen sind Verengungen der Blutgefäße – der Arterien beziehungsweise Arteriolen. Dies kann bedeuten, dass sich ein Bluthochdruck entwickelt oder schon länger besteht. Eine Blutdruckmessung gibt sofort Auskunft über den momentanen Stand. Erhöhte Werte kontrolliert der betreuende Hausarzt oder Internist genauer (siehe Kapitel "Diagnose").

Therapie

Die Behandlung richtet sich nach der Diagnose. Zuständig ist hier der Hausarzt, Internist oder Kardiologe. Maßnahmen, die den Blutdruck senken, bessern auch die Verhältnisse an der Netzhaut. Eine chronische Hypertonie ohne spezielle Grunderkrankung – und das trifft auf die meisten Fälle zu – ist oft durch einen veränderten Lebensstil beeinflussbar. Bei leichtem Bluthochdruck und / oder nur geringfügig ausgeprägter Retinopathie ist dieser Weg eine gute Option. Dabei geht es darum, Übergewicht zu reduzieren, eine gesunde, salz- und fettarme Ernährung einzuhalten und sich regelmäßig zu bewegen. Auch gilt es, übermäßigen Stress abzubauen und nicht zu rauchen. Letzteres ist neben der Blutdrucksenkung einer der wichtigsten Schritte, um einer Arteriosklerose vorzubeugen oder sie aufzuhalten.

Allerdings sind häufig auch blutdrucksenkende Medikamente nötig, um eine Hypertonie ausreichend zu behandeln. Ein gesunder Lebensstil unterstützt die Arzneimitteltherapie und sollte immer angestrebt werden. Unter eng begrenzten Voraussetzungen kommt ein kathetergestütztes Verfahren namens renale Denervation infrage (siehe Kapitel "Therapie"). Der Einfluss auf eine hypertensive Retinopathie ist hier allerdings noch nicht untersucht.

Es ist unerlässlich, dass der Arzt eine mögliche Grunderkrankung ausschließt, denn diese lässt sich oft gezielt behandeln. Damit sollte sich auch der erhöhte Blutdruck regulieren. Ein verengtes Nierengefäß kann zum Beispiel durch einen Kathetereingriff aufgedehnt werden. Dabei wird das Gefäß wird mit einem Ballonkatheter erweitert; gegebenenfalls wird zusätzlich eine Gefäßstütze (Stent) eingelegt.

Medikamente oder operative Eingriffe sind bei sekundären Hochdruckerkrankungen ebenfalls Bestandteil der Therapie, zum Beispiel bei einem Phäochromozytom. Das ist ein Tumor, der in der Mehrzahl der Fälle im Nebennierenmark liegt und kreislaufwirksame Hormone wie Adrenalin oder Noradrenalin bildet. Sie erhöhen den Blutdruck. In unterschiedlichem Maße beschleunigen sie auch den Herzschlag (die Pulsfrequenz). Das Krankheitsbild führt nicht selten zu Blutdruckkrisen oder anhaltend erhöhten Blutdruckwerten, Letzteres besonders bei Kindern.

Krisenhafter Blutdruckanstieg

Entgleist der Blutdruck, so führt das oft zu Beschwerden wie Unruhe, Schwindel oder Kopfdruck. Nehmen Sie Kontakt mit Ihrem Arzt auf. Zum Notfall wird ein krisenhafter Druckanstieg, wenn er erheblich ist und Symptome dazukommen, die auf  Organschädigungen hinweisen, also etwa Sehstörungen, Benommenheit, Brustschmerzen oder Atemnot (siehe oben). Es gilt, umgehend den Notarzt zu rufen; eine Notfalltherapie und Weiterbehandlung, eventuell auch intensivmedizinische Versorgung, in der Klinik ist zwingend notwendig.

Die Höhe des Blutdrucks allein ist hier jedoch nicht ausschlaggebend. So lassen sich Blutdruckanstiege, die nicht mit schwerwiegenden Symptomen verbunden ist, bis zu einer bestimmten Grenze oft ambulant beherrschen. Auch wenn sehr hohe Blutdruckwerte prinzipiell kritisch sind, wird der Arzt stets individuell anhand des Gesundheitszustandes des Patienten über die weitere Behandlung entscheiden. Verständigen Sie den Arzt auf jeden Fall, wenn Sie bei den Selbstmessungen feststellen, dass der Blutdruck häufiger stark schwankt.

Schwangerschaft

Ein deutlich überhöhter Blutdruck wird behutsam gesenkt. Dies erfolgt am besten in der Klinik, wo die notwendigen technischen und personellen Überwachungsmöglichkeiten verfügbar sind. Wichtig ist zudem, dass die betroffene Schwangere körperlich und seelisch zur Ruhe kommt. Fühlt sich die Frau wohl oder sind nur leichte Anzeichen einer Präeklampsie vorhanden, kann sie, regelmäßige ärztliche Kontrollen vorausgesetzt, auch ambulant betreut werden. Bei ausgeprägter Präeklampsie beziehungsweise Eklampsie ist die vorzeitige Entbindung manchmal die einzige Möglichkeit, Schaden von Mutter und Kind abzuwenden.

Prognose

Wird die Hypertonie als Ursache der Netzhauterkrankung frühzeitig erkannt und erfolgreich behandelt, können sich Veränderungen wie Blutungen und Ablagerungen an der Netzhaut wieder zurückbilden. Ohne Behandlung oder bei Entwicklung chronischer Gefäßschäden sind fortschreitende Netzhautveränderungen und Sehstörungen zu erwarten.

Außerdem weist eine hypertensive Retinopathie darauf hin, dass der zugrunde liegende Bluthochdruck auch die anderen, empfindlich reagierenden Organe besonders gefährden kann. Umso wichtiger ist es, ihn fortan konsequent zu senken und gesünder zu leben.

Früherkennung hochdruckbedingter Netzhautveränderungen

Menschen mit Bluthochdruck, Nierenerkrankungen oder Diabetes mellitus (Typ-1-Diabetes, Typ-2-Diabetes) sollten gewissenhaft den Blutdruck sowie Herz und Nieren kontrollieren lassen. Zusätzlich empfehlenswert: die Selbstmessung des Blutdrucks. Außerdem werden in bestimmten zeitlichen Abständen augenärztliche Untersuchungen angeraten. Das gilt ganz besonders für Menschen mit Bluthochdruck, die auch einen Diabetes mellitus haben. Bei der Zuckerkrankheit ist das Sehvermögen durch die hier möglichen Netzhautschäden (diabetische Retinopathie) gefährdet. Die schädlichen Einflüsse des Bluthochdruckes und des Diabetes mellitus können sich summieren. Werden entsprechende Veränderungen rechtzeitig erkannt und behandelt, kann das Augenlicht länger erhalten bleiben.

Für alle ab 40

Jede/r, auch wer sich gesund und wohl fühlt, sollte regelmäßig eine Untersuchung beim Augenarzt einplanen. So kann zum Beispiel auch die Entwicklung eines grünen Stares rechtzeitig erkannt und mit einer geeigneten Therapie aufgehalten werden. Solange keine (Augen-) Erkrankung vorliegt, ist die Kontrolle derzeit jedoch leider nur auf eigene Kosten möglich (sogenannte IgeL- oder individuelle Gesundheitsleistung).

Schon für 35-Jährige und darüber bezahlen Krankenkassen alle zwei Jahre zumindest aber einen kleinen Herz-Kreislauf-Check. Den Blutdruck kann man zudem in der Apotheke überprüfen lassen oder selbst messen. Frauen, die in der Schwangerschaft (nach der 20. Woche) einen Bluthochdruck beziehungsweise eine Präeklampsie hatten, sollten künftig ab dem vierzigsten Lebensjahr regelmäßige Herz-Kreislauf-Kontrollen durchführen lassen. Insbesondere gilt das bei Vorerkrankungen wie zum Beispiel Diabetes mellitus oder Übergewicht (siehe oben; die Empfehlung auch für die Nachkommen ab 40). Es ist inzwischen erwiesen, dass die Betroffenen ein entsprechend erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und die Folgeerkrankungen haben.

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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