Richtig reagieren bei Wespenstichallergie

Manche Menschen haben eine Insektengiftallergie, nach einem Stich geraten sie schnell in Lebensgefahr. Welche Symptome darauf hindeuten und was im Ernstfall zu tun ist

von Christian Krumm, aktualisiert am 19.08.2015

Offene Getränke ziehen Wespen an, deshalb Lebensmittel im Freien abdecken

Corbis GmbH/LuisBonito/RooM The Agency

Sieben Hornissenstiche töten ein Pferd, drei einen Menschen. So lautet eine alte Volksweisheit. "Völliger Unsinn", sagt Dr. Melanie von Orlow, Insektenexpertin beim Bund Naturschutz (NABU) in Berlin. Stiche von Hornissen seien nicht gefährlicher als die von Bienen oder Wespen. Im Gegenteil: "Das Gift einer Biene ist bis zu zehnmal stärker als das einer Hornisse", so die Biologin. Zudem gelten Hornissen als äußerst friedliebend. Um einen Stich zu provozieren, müsse man schon einiges anstellen. Dasselbe gilt für Bienen und Hummeln, die sich kaum für den Lebensraum des Menschen interessieren.

Lediglich bei einem Spaziergang mit bloßen Füßen über eine blühende Wiese steigt das Risiko eines Stiches, wenn man versehentlich auf ein Insekt tritt. Wespen setzen ihren Stachel ein, wenn sie angegriffen werden. Sie sind die einzigen stechenden Insekten, die auch die Nahrungsmittel am Kaffeetisch nicht verschmähen. Wer dann nicht die Nerven bewahrt und die Tiere wild fuchtelnd zu vertreiben versucht, riskiert einen Angriff.


In einem solchen Fall sind die Stiche für die meisten Menschen harmlos, wenn auch schmerzhaft. Gegen die Quaddeln und Papeln hilft eine Kühlpackung oder ein Gel aus der Apotheke.

Allergische Reaktion? Sofort handeln

Allerdings reagiert etwa jeder Vierte mit einer gesteigerten allergi­schen Reaktion, was sich nicht selten in großflächigen Hautausschlägen, stark laufender Nase, Schwindel oder auch Magen-Darm-Beschwerden äußert.

Die Hintergründe solcher allergischer Reaktionen sind weitgehend unbekannt. "Manchmal steckt eine  Mastzellerkrankung dahinter, die Mas­­tozytose", erklärt Professor Thomas Fuchs, Leiter der Allergologie am Universitätsklinikum Göttingen. Solche Patienten verfügen über eine zu hohe Anzahl an Mastzellen, die bei allergischen Reaktionen eine große Rolle spielen. In jedem Fall muss bei einer stärkeren Reaktion auf den Stich unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Er kann hochwirksame antiallergische Medikamente und Glukokortikoide verschreiben.

Ein allergischer Schock ist lebensgefährlich

Schlimmstenfalls reagiert ein Gestochener aber so stark auf das Insektengift, dass innerhalb weniger Minuten Kreislauf- und Atembeschwerden auftreten. Durchschnittlich sterben jedes Jahr 20 Menschen in Deutschland an einem allergischen Schock aufgrund eines Insektenstichs. "Prinzipiell kann das jeden treffen, auch wenn frühere Stiche nur normale Reaktionen hervorgerufen haben", warnt Experte Fuchs. Selbst bei Imkern sei eine solche Entwicklung grundsätzlich möglich. In diesen Fällen gilt: Sofort den Notarzt rufen (Tel. 112)!

Menschen, die wissen, dass sie eine Allergie auf Insektengifte haben, sollten stets ein Notfallset griffbereit haben. Es besteht aus mehreren Medikamenten, die der Arzt verschreiben muss. Neben Kortison und einem Antihistaminikum in flüssiger Form enthält es ein Präparat mit Adrenalin, das sich der Patient selbst in den Oberschenkel spritzen kann – oder jemand anders übernimmt das. Weil die Wirkung sofort einsetzt, ist das Medikament für Betroffene lebensrettend.


Vorbeugen ist besser

Allergologe Fuchs rät jedoch jedem Insektengiftallergiker zu einer spezifi­­schen Immuntherapie. Was früher unter dem Begriff Hyposensibilisierung bekannt war, gilt heute als wichtigste vorbeugende Behandlung für Allergiker. Dabei wird dem Patienten das Gift zunächst in sehr niedriger und dann in ständig steigender Dosierung unter die Haut des Oberarms gespritzt. Dadurch kann der Körper eine Toleranz entwickeln. "Die Erfolgsrate ist mit 95 bis 98 Prozent sehr hoch, es gibt nur wenige Therapieversager", schwärmt der Göttinger Allergologe. Der Nachteil: Die Therapie dauert meist etwa drei bis fünf Jahre, mitunter sogar lebenslang.


Wespen fernhalten

  • Nahrungsmittel abdecken: Hat die erste Wespe Erfolg bei der Futterbeschaffung, "ruft" sie bald ihre Artgenossen zu Tisch.

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  • Nur aus Gläsern trinken: Gerne krabbeln die Insekten unbemerkt in Flaschen oder Dosen süßer Getränke und können verschluckt werden. Dann besteht Lebensgefahr!

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  • Schlagen verboten: Ruhe bewahren, wenn einen Wespen umschwirren. Denn wer nach ihnen schlägt, muss mit Angriffen rechnen.

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  • Nicht wegpusten: Das Kohlendioxid in der Atemluft löst bei Wespen mitunter einen Alarmreflex aus.

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Kassen bezahlen Immuntherapie

Obwohl die Krankenkassen die Immuntherapie bezahlen, werde sie in Deutsch­land viel zu selten durchgeführt, bemängelt Fuchs. Wer aber eine Wespe aus reiner Unachtsamkeit verschluckt, weil ein Tier unbemerkt in die Limonaden­flasche gekrabbelt ist, wird von einer Immuntherapie nicht profitieren. Ein Stich in Mund oder Rachen ist für jeden Menschen lebensbedrohlich, da die Atemwege sofort zuschwellen können. Dann hilft nur noch der Notarzt.


Ablauf der Immuntherapie

 

Diagnostik: Zunächst muss der Arzt mit Haut- und Bluttests genau die Allergene ermitteln, auf die der Patient reagiert.

 

Start: Die Immuntherapie beginnt zur Sicherheit stationär im Krankenhaus, idealerweise in einem spezialisierten Allergiezentrum.

 

Erhaltungstherapie: Begann die Behandlung erfolgreich, wird dem Patienten alle vier bis sechs Wochen eine Injektion – in ­steigender Dosierung – unter die Haut verabreicht.



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