Hyposensibilisierung

Die Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie) ist eine Therapie, mit der sich Allergien langfristig behandeln lassen. Ziel ist es, das Immunsystem an die allergieauslösenden Stoffe zu gewöhnen und den Verlauf der allergischen Erkrankung günstig zu beeinflussen

aktualisiert am 14.04.2016

Desensibilisierung: Der Arzt spritzt die Allergen-Lösung in den Oberarm

J. Kleine-Tebbe

Mit der Hyposensibilisierung, auch Desensibilisierung, Allergieimpfung oder spezifische Immuntherapie (SIT) genannt, lassen sich Allergien behandeln, die durch Antikörper der Klasse E (Immunglobulin E = IgE) verursacht werden (Allergien vom Soforttyp). Bei der klassischen Methode spritzt der Arzt drei Jahre lang monatlich einen Allergenextrakt in das Fettgewebe am Oberarm. Anfangs wird die Allergendosis wöchentlich erhöht. So gewöhnt sich das Immunsystem an das Allergen und die übertriebenen Reaktionen nach Allergenkontakt lassen nach. Das Fortschreiten der Erkrankung, zum Beispiel die Entstehung eines Asthma oder neuer Allergien kann aufgehalten werden.

Wann kommt eine Hyposensibilisierung infrage?

Die Hyposensibilisierung wird vor allem bei durch Pollen, Schimmelpilze oder Hausstaubmilben verursachtem Heuschnupfen und Insektengiftallergien eingesetzt (weitere Informationen dazu auch in der Leitlinie zur Hyposensibilisierung, siehe Link am rechten Rand) Generell ist eine spezifische Immuntherapie sinnvoll, wenn


•    es sich nachgewiesenermaßen um eine allergische Reaktion vom Soforttyp handelt und nach dem Kontakt mit dem Allergen wirklich allergische Beschwerden auftreten
•    der Allergieauslöser sich nicht meiden lässt und die Allergie sich durch Medikamente nur schwer kontrollieren lässt
•    der Betroffene stark unter den Folgen der allergischen Reaktionen leidet
•    die betroffene Person älter als fünf Jahre ist
•    der Nutzen der Therapie höher ist als die Risiken


Frau liegt in Wiese

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Bei den folgenden Gegenanzeigen sollte eine Hyposensibilisierung eher nicht angewendet werden (im Einzelfall muss jedoch der Arzt entscheiden!):
•    Asthma, das durch eine Behandlung nicht ausreichend kontrolliert ist
•    schwere Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems
•    Therapie mit Betablockern
•    Schwere Autoimmunerkrankungen und Immundefekte
•    Aktuelle Krebserkrankungen
•    Schwangerschaft

So funktioniert die Hyposensibilisierung

Das Immunsystem von Allergikern reagiert überempfindlich auf harmlose Stoffe aus der Umwelt – die sogenannten Allergene. Das sind meistens Eiweißstoffe (Proteine) aus weit fliegenden Pollen, Schimmelpilzsporen, Tierbestandteilen oder Nahrungsmitteln. Bei der Soforttyp-Allergie (Typ-I-Allergie) bildet der Körper gegen diese Allergene Abwehrstoffe – Antikörper oder Immunglobuline der Klasse E, kurz IgE. Sie befinden sich auf der Oberfläche bestimmter Immunzellen (Mastzellen). Bei erneutem Kontakt erkennt und verklumpt das IgE die Allergene: Die Mastzellen werden aktiv und schütten Botenstoffe aus, zum Beispiel Histamin. Die Botenstoffen binden an Gefäß-, Nerven- und Muskelzellen und lösen die typischen Allergie-Symptome aus, zum Beispiel Fließschnupfen, Juckreiz oder Atemnot. Zusätzlich angelockte Immunzellen steigern die allergische Entzündung und können die Entstehung chronischer Erkrankungen, zum Beispiel Asthma, begünstigen.

Die Hyposensibilisierung bewirkt diverse Veränderungen im Immunsystem, die zunehmend besser verstanden werden. Eine wichtige Rolle spielen die T-Zellen, die Polizeitruppe des Immunsystems. Leider reagieren bei der Allergie einige T-Zellen viel zu heftig! Sie müssen wieder zur Toleranz erzogen werden - das machen die regulatorischen T-Zellen, quasi die Polizei-Aufsichtsbehörde. Schließlich werden große Mengen zusätzlicher Antikörper gebildet; sie gehören zur IgG4-Klasse und neutralisieren die Allergene. Die Entzündungszellen beruhigen sich und setzen weniger Botenstoffe frei. So nehmen schließlich die allergischen Symptome und der Bedarf an Medikamenten ab und der Allergiker wird langfristig beschwerdefrei.

Wie läuft die Behandlung ab?

Zunächst fragt der Arzt gründlich nach und versucht mit Hilfe eines Allergietest an der Haut zu ermitteln, auf welche Stoffe der Betroffene sensibilisiert ist, das heißt worauf er überempfindlich reagiert.  Vor allem, wenn man den entsprechenden Allergenen im Alltag kaum ausweichen kann, kommt eine spezifische Immuntherapie in Frage. Bei Überempfindlichkeiten gegen Stoffe, die sich vermeiden lassen, etwa Tierhaare oder bestimmte Nahrungsmittel, sollte der Betroffene besser auf das jeweilige Allergen verzichten beziehungsweise ihm aus dem Weg gehen, um allergischen Reaktionen vorzubeugen.

Die Hyposensibilisierung ist in zwei Abschnitte unterteilt: Anfangsbehandlung (Steigerungsphase) und Erhaltungstherapie. Während der Anfangsbehandlung spritzt der Arzt wöchentlich den Allergenextrakt unter die Haut (subkutan) oberhalb des Ellenbogens. Dabei steigert er von Woche zu Woche die Allergendosis bis zu einer Maximalmenge. Verträgt der Betroffene die Therapie ohne Nebenwirkungen, beginnt die zweite Phase der Hyposensibilisierung – die Erhaltungstherapie. Ab jetzt spritzt der Arzt die Maximaldosis der Lösung einmal pro Monat, um die Gewöhnung des Immunsystems an das Allergen zu stabilisieren.

Während die "klassische" Immuntherapie fortlaufend über drei Jahre läuft, besteht die "präsaisonale" Immuntherapie, auch als Kurzzeittherapie bezeichnet, nur in einigen Spritzen vor der Pollenflugsaison. Dieses Verfahren wird mindestens dreimal, somit auch über einen Zeitraum von drei Jahren, wiederholt.

Eine besondere, relativ neue Form der Hyposensibilisierung ist die sublinguale Immuntherapie (SLIT). Bei der SLIT wird der Allergen-Extrakt täglich als Tropfen oder Tablette vom Patienten selbst unter die Zunge (sublingual) platziert, dort eine Weile gehalten und dann geschluckt. Die sublinguale Immuntherapie ist allerdings nicht bei allen Allergien möglich, für die es eine subkutane Immuntherapie gibt.

In der Regel dauert eine komplette Hyposensibilisierung drei Jahre, bei Insektengiftallergie bis zu fünf Jahren. Die Besserung unter der Therapie kann man an ausbleibenden Beschwerden und geringerem Medikamentenbedarf ablesen. Nur so lässt sich der tatsächliche Therapieerfolg feststellen. Bleibt eine allergische Reaktion zum Beispiel nach einem Insektenstich aus, war die Hyposensibilisierung erfolgreich.

Risiken und Nebenwirkungen der Hyposensibilisierung

Nach der Injektion können an der Einstichstelle lokale allergische Reaktionen auftreten, etwa Juckreiz, Rötungen oder Schwellungen nach einigen Stunden. Meist klingen die Beschwerden nach einiger Zeit wieder von alleine ab oder lassen sich durch Kühlung, wiederholte Injektion oder Verteilung der Dosis auf beide Arme mildern. In seltenen Fällen kann die allergenhaltige Lösung auch plötzlich auftretende allergische Allgemeinreaktionen verursachen, zum Beispiel Nesselsucht oder Asthma bronchiale. In sehr seltenen Fällen kann es zu einem allergischen (anaphylaktischen) Schock kommen, der unter Umständen lebensbedrohlich ist. Daher muss der Betroffene nach der Injektion die erste halbe Stunde unter ärztlicher Beobachtung bleiben und der Arzt und seine Mitarbeiter müssen zur Notfallbehandlung in der Lage sein (siehe auch die weiteren Informationen in der Leitlinie zur Hyposensibilisierung). Bei der SLIT wird bei bestimmten Präparaten die erste Dosis im Beisein des Arztes angewandt.


W&B/Dietmar Gust

Unser Experte: Privatdozent Dr. Jörg Kleine-Tebbe, Arzt für Dermatologie und Venerologie, Allergologie und Umweltmedizin


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.


Bildnachweis: W&B/Dietmar Gust, J. Kleine-Tebbe
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