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Rücken: Das Kreuz mit dem Kreuz

Die Wirbelsäule gilt mit ihren vielen Gelenken als Bewegungskünstler. Dennoch macht der Rücken vielen Menschen zu schaffen: Mehr als ein Drittel leidet häufig an Rückenschmerzen


Problemzone: Ab und zu tut der Rücken wohl jedem mal weh

Sie hält uns aufrecht, trägt einen Großteil unseres Gewichts und ist gleichermaßen stabil und beweglich: Unsere Wirbelsäule ist ein anatomischer Geniestreich. Trotzdem klagen immer mehr Menschen über Rückenschmerzen, jeder dritte Deutsche hatte es schon einmal „im Kreuz“. Das kommt nicht von ungefähr, im Alltag muten wir unserem Rücken viel zu – Übergewicht, langes Sitzen, Bewegungsmangel oder exzessiven Sport.

Professor Jürgen Kiwit, Chefarzt der Neurochirurgie und Fachgruppenleiter Wirbelsäule am HELIOS-Klinikum in Berlin-Buch, warnt allerdings davor, diese Faktoren überzubewerten. „Die Genetik spielt eine größere Rolle, außerdem haben nur wenige Patienten wirklich massive Beschwerden“, sagt der Schmerzexperte. Dass der Rücken mal zwicke, sei hingegen so normal und harmlos wie gelegentliche Kopfschmerzen oder eine kleine Erkältung. Meist verflüchtigen sich die Beschwerden schnell und seien nicht behandlungsbedürftig.

Wer seinem Rücken trotzdem etwas Gutes tun und Schmerzen vorbeugen will, sollte im Alltag einige Tipps beherzigen, auf ein normales Gewicht achten, regelmäßig Rückengymnastik machen und auf schonende Sportarten wie Schwimmen setzen.



Äußerst schmerzhaft: Der Bandscheiben-Gallertkern (blau) drückt auf die Nervenwurzeln (gelb)

Wie funktioniert der Rücken?

Weil sie gleichzeitig Lasten tragen und beweglich sein muss, ist die Anatomie der Wirbelsäule eine besondere. Sie besteht aus stabilen Bausteinen wie den Wirbelkörpern, sowie aus flexiblen Bausteinen wie Bandscheiben und Wirbelgelenken. Erst die Kombination von beidem sorgt für Stabilität, Beweglichkeit und eine gute Lastenverteilung. Hinzu kommen Kapseln, Bänder, Sehnen, Muskeln und Nerven, welche die einzelnen Wirbel und größere Partien der Wirbelsäule miteinander verbinden. Apropos Wirbel: Wir haben sieben Hals-, zwölf Brust- und fünf Lendenwirbel, aus denen die Wirbelsäule wie eine Kette aus ihren Gliedern zusammengesetzt ist. „Dazwischen sitzen die Bandscheiben, die wie Puffer funktionieren“, erklärt Professor Kiwit. Zusätzliche Stabilität erhält die Wirbelsäule durch ihre Doppel-S-Form, außerdem bilden Wirbelkörper und Wirbelbögen einen Kanal, in dem so geschützt die zentrale Nervenbahn zwischen Hirn und Körper verläuft – das Rückenmark.

Schmerz lass nach: Was das Kreuz belastet

So komplex wie unsere Wirbelsäule selbst sind auch die Ursachen von Schmerzen in dieser Region. Grundsätzlich unterscheidet man unspezifische und spezifische Rückenschmerzen, wobei erstere häufiger vorkommen und auch als „funktionelle“ Schmerzen bezeichnet werden. Sie rühren meist von den Muskeln, Sehnen oder Bändern her und entstehen, wenn diese zum Beispiel durch Verspannungen, Verhärtungen oder Reizungen in ihrer Funktion beeinträchtigt sind. „Die Ursachen für unspezifische Schmerzen sind meist multifaktoriell, schwer einzugrenzen und reichen von schwachen Arthrosen über Verspannungen bis hin zu Traumata“, erklärt Neurochirurg Kiwit. Dem gegenüber stehen spezifische Schmerzen, deren organische Ursache sich klar benennen lässt – zum Beispiel Bandscheibenvorfälle, Wirbelgleiten oder Osteoporose.

Unspezifische (funktionelle) Schmerzen

Hexenschuss

Der Begriff Hexenschuss (Lumbago) bezeichnet keine Diagnose, „sondern ist ein Überbegriff für akute Nervenschmerzen, der erstmal nichts über die Ursache aussagt“, erklärt Kiwit. Als Auslöser für die plötzlich auftretenden Schmerzen kommt vieles in Betracht: Quetschungen oder Einengungen der Nerven zum Beispiel, aber auch verspannte Muskeln, verhärtete Sehnen oder blockierte Gelenke. Ungeschickte Bewegungen, Unfälle oder starke Belastung können Nervenirritationen begünstigen. Die gute Nachricht: Der Schmerz klingt in der Regel nach kurzer Zeit wieder ab, jeder zweite Betroffene erholt sich innerhalb einer Woche.

Ischias

Ischias“ ist eine präzisere Eingrenzung des Schmerzes als beim Hexenschuss. „Der Schmerz lässt sich dem Ischiasnerv zuordnen, der aus dem Kreuzbein in das Gesäß übergeht und von dort über die Oberschenkelhinterseite bis in den Fuß reicht“, sagt Kiwit. Typisch für das Ischiassyndrom ist daher die Schmerzausdehnung in Gesäß und Beine, in schweren Fällen kann es auch zu Gefühlsstörungen oder Lähmungen kommen. Wie beim Hexenschuss gibt es eine Reihe von Ursachen, die für die Schmerzen verantwortlich sein können. Häufig rühren die Beschwerden aber von den Bandscheiben her.

Verspannungen

Funktionelle Beschwerden treten oft als Folge muskulärer Probleme auf. Die Haltemuskeln in der Tiefe des Rückens etwa können sich verkürzen, wenn sie zu wenig beansprucht werden. Schlimmstenfalls verändert das die Mechanik der Gelenke. Auch die oberflächlichen Bewegungsmuskeln können sich bei Vernachlässigung zurückbilden, werden schlechter durchblutet und verspannen sich. Ist das Zusammenspiel von Muskeln, Sehnen und Bändern erst einmal gestört, werden die Gelenke mitunter nicht mehr wie vorgesehen fixiert – sie können blockieren und Schmerzen verursachen. Anfällig für Schmerzen infolge muskulärer Funktionsstörungen ist auch der Nacken. Wer häufiger unter einem steifen Hals leidet, sollte seine Haltung, Stressfaktoren und den Zustand der Muskeln unter die Lupe nehmen.

Auch die Psyche ist im Kontext von Rückenbeschwerden relevant. Sprichwörter wie „alle Last auf den Schultern tragen“ kommen nicht von ungefähr. Stress, Unzufriedenheit, psychischer Druck oder Depressionen können Rückenschmerzen begünstigen. „Die Wirbelsäule ist ein Stress-Indikator“, bestätigt Professor Kiwit und erklärt, dass es eine Wechselwirkung zwischen seelischer Belastung und einem schmerzenden Rücken gibt. Einerseits, weil gerade chronische Schmerzen sich negativ auf das seelische Wohlbefinden auswirken. Andererseits, weil primär psychische Belastungen wie Stress, Anspannung oder Traurigkeit physische Verspannungen verursachen können. Der komplexe Aufbau der Rückenmuskulatur begünstigt Verspannungen infolge psychischen Drucks geradezu.

Spezifische (organische) Schmerzen

Unsere Wirbelsäule verschleißt, wenn wir älter werden: Bandscheiben büßen Elastizität ein, Bänder leiern aus, Gelenke werden brüchig. Aufhalten lässt sich dieser Prozess nicht, viele spezifische Schmerzen stehen in direktem Zusammenhang mit dem Verschleiß.

Arthrose

Wirbelgelenkarthrose, auch Facettensyndrom genannt, gehört zu den degenerativen Erkrankungen der Wirbelsäule und ist durch Abnutzung bedingt. Das Krankheitsbild ist wenig eindeutig – Wirbelgelenkarthrose führt bei manchen Pateinten zu starken Schmerzen und bleibt bei anderen völlig unbemerkt. Jeder Wirbel hat an der Ober- und Unterseite Gelenkfortsätze, die ihn mit den anderen Wirbeln verbinden. Diese Wirbelgelenke heißen Facetten. Nutzen sie sich ab, spricht man vom Facettensyndrom. Meist ist davon der stark belastete untere Bereich der Lendenwirbelsäule betroffen.

Wirbelgleiten (Spondylolisthesis)

„Wirbelgleiten bedeutet, dass die Wirbel nicht mehr in ihrer normalen Position aufeinander liegen“, erklärt Professor Kiwit. Das Problem kann altersbedingt oder angeboren sein, seltener ist starke Belastung der Auslöser. Wie auch bei Arthrose kann Wirbelgleiten zu starken Schmerzen führen oder aber beschwerdefrei verlaufen. „Zu Schmerzen kommt es vor allem, wenn verschobene Wirbel auf Nerven oder Bandscheiben drücken“, erklärt Kiwit. Gerade wenn das hintere Längsband die Wirbel nicht mehr in Position hält, passiert das schnell.

Bandscheibenvorfall

Bandscheibenvorfälle sind gefürchtet. Was passiert dabei? Jede unserer 23 Bandscheiben besteht im Innern aus einem flexiblen Gallertkern, der von einem harten Faserring umgeben ist. Die Bandscheiben liegen wie Gelkissen zwischen den Wirbeln und wirken als Stoßdämpfer. Mit zunehmendem Alter, durch Belastung und genetische Vorbelastung steigt das Risiko, dass einzelne Bandscheiben stark verschleißen und spröde, dünn und rissig werden. Wenn sie dann gegen den Faserring drücken, kann das Innere der Bandscheibe nach außen rutschen. Bleibt der umgebende Faserring dabei intakt, spricht man von einer Bandscheibenvorwölbung (Protrusion). Durchbricht die Gallertmasse den Ring allerdings, kommt es zu einem Bandscheibenvorfall (Prolaps). „Das beschädigte Gewebe drückt sich dann in den Wirbelkanal und reizt die Nerven, was starke Schmerzen und mitunter Lähmungserscheinungen verursacht“, sagt Kiwit.

Osteoporose

Vereinfacht gesagt macht Osteoporose die Knochen morsch. Durch die Krankheit, für die gerade Frauen in den Wechseljahren anfällig sind, entsteht ein Mangel an Grundsubstanz und härtendem Mineralsalzeintrag. In der Folge verlieren die Knochen an Festigkeit und Elastizität und brechen schneller. Die Wirbelkörper sind von der Krankheit oft als erstes betroffen: Sie sinken in sich zusammen, was Rückenstreckmuskeln und Bänder erschlaffen lässt. Ein osteoporotischer Rundrücken, heftige Schmerzen und Bewegungseinschränkungen können die Folge sein, mitunter brechen die Wirbel sogar.

Schleudertrauma

Der Begriff Schleudertrauma bezeichnet keine Diagnose, sondern einen Unfallhergang. Ärzte sprechen von einer Distorsion, also einer Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule, etwa einer Stauchung oder Zerrung.

Gemeint ist, dass die Halswirbelsäule durch eine schnelle Bewegung nach hinten oder vorne in Mitleidenschaft gezogen wurde – bei Verkehrsunfällen kommt das häufig vor. Unfälle können sowohl Muskeln, Bänder und Bandscheiben als auch Gelenkkapseln, Nerven, Blutgefäße oder Wirbel und Wirbelgelenke schädigen. Typische Symptome für ein Schleudertrauma sind Muskelverspannungen, eingeschränkte Beweglichkeit oder Schmerzen, die in Kopf, Schultern und Arme ausstrahlen. Auch Übelkeit, Schwindel, Seh-, Sprach- und Konzentrationsstörungen können ein Hinweis auf ein Schleudertrauma sein. Oft treten die Beschwerden erst Stunden oder Tage nach dem Unfall auf.




Bildnachweis: W&B/Szczesny, Thinkstock/iStockphoto

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Nina Himmer / www.apotheken-umschau.de; aktualisiert am 30.01.2014, erstellt am 19.01.2010
Bildnachweis: W&B/Szczesny, Thinkstock/iStockphoto

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