Stress, körperlicher oder seelischer, löst zwar unmittelbar keinen Tinnitus im Gehirn aus. 26 Prozent der Menschen mit chronischem Tinnitus berichten jedoch, dass sie viel Stress hatten oder haben. Die Ohrgeräusche sind demnach ein „innerer Seismograph“ der aktuellen Befindlichkeit.
Sehr oft sind es psychische Faktoren, die die Entwicklung eines Tinnitus begünstigen. Schon im Akutstadium spielt die seelische Verfassung eine Rolle, etwa bei einem Hörsturz. Hier können Dauerstress und einschneidende Lebensereignisse auch das Hörsystem „unter Druck setzen“.
Ein besonderes Gewicht erhält die Verflechtung zwischen Psyche und Hören beim chronischen Tinnitus. Wer darunter leidet, kann Gefühle gleichsam hören: Chronisch Betroffene nehmen emotionale Eindrücke auch mit Gehirnarealen wahr, die mit der Hörbahn vernetzt sind. Das ergaben Studien des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim.
Das Gehirn ist bei bleibenden Ohrgeräuschen dauerhaft sensibilisiert. Auf den amerikanischen Forscher Pawel Jastreboff geht ein neurophysiologisches Modell zurück, das zeigt, welche Rolle Wahrnehmung und Bewertung bei der Entstehung eines chronischen Tinnitus spielen: Zuerst sind die Geräusche mit gewissen Assoziationen wie Angst, Kontrollverlust und Hilflosigkeit zeitlich eng verknüpft. Später verstärken die Assoziationen selbst den Tinnitus, ähnlich wie bei einem konditionierten Reflex. Aus seinem Erkenntnissen entwickelte Jastreboff mit dem Briten Jonathan Hazell die Tinnitus-Retraining-Therapie, bei der es darum geht, die Filterfunktion des Gehirns gezielt zu beeinflussen und die Aufmerksamkeit von den Ohrgeräuschen abzulenken (siehe Kapitel „Langzeittherapie“). Mit Hilfe von funktionellen bildgebenden Verfahren konnten Wissenschaftler der Universität Konstanz bei Menschen mit chronischem Tinnitus zeigen, dass das Gehirn tatsächlich überaktiv in den Bereichen ist, die für das Hören verantwortlich sind.
Dauerhafte Ohrgeräusche betreffen den gesamten Menschen. Manche Betroffene können die störenden Töne dennoch gut in ihr Leben integrieren und nehmen sie häufig kaum mehr wahr (kompensierter Tinnitus).
Andere erkranken umfassend daran (dekompensierter Tinnitus, siehe Kapitel „Übersicht“). Die Geräusche werden für sie unerträglich und beeinträchtigen den Alltag. Die Patienten leiden zusätzlich unter Verspannungen, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen oder entwickeln ernste seelische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen.
Es kommt ebenso vor, dass Menschen, die mit starken Ohrgeräuschen zu tun haben, schon vorher ein Depression oder Angsterkrankung hatten. Das seelische und das körperliche Leiden verstärken sich dann oft gegenseitig.
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25.02.2009, aktualisiert am 26.03.2012
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