Multiple Sklerose (MS): Therapie

Bei der Behandlung der Multiplen Sklerose kommen vor allem Medikamente zum Einsatz, die das Immunsystem beeinflussen. Daneben können zum Beispiel Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie hilfreich sein
aktualisiert am 18.09.2017

Therapie bei MS: Im akuten Schub helfen meist Infusionen mit kortisonähnlichen Medikamenten

iStock/rafalulicki

Multiple Sklerose ist nicht heilbar, jedoch stehen mittlerweile mehrere Optionen zur Behandlung zur Verfügung. Ziel ist, die Krankheitsaktivität zu stoppen oder zumindest das Fortschreiten zu verlangsamen. Die Therapie sollte immer individuell auf den Patienten und den Krankheitsverlauf abgestimmt werden – in Zusammenarbeit mit einem spezialisierten erfahrenen Zentrum.

Die Therapie der Multiplen Sklerose steht auf drei Säulen:

  • Schubtherapie
  • Verlaufsmodifizierende Therapie
  • Symptomatische Behandlung und zusätzliche Maßnahmen

Behandlung des akuten Erkrankungsschubes (Schubtherapie)

Bei einem akuten Schub erhält der Patient drei bis fünf Tage lang hochdosiert Kortisonpräparate (Kortikosteroide) als Infusion über die Vene. Sie sollen die Entzündungsreaktion eindämmen und Symptome rasch zum Abklingen bringen. Über diesen kurzen Zeitraum sind die Medikamente üblicherweise gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen sind beispielsweise Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und eine Erhöhung des Blutzuckers und Blutdrucks. Auch kann es zu Magenproblemen kommen. Der Patient erhält deshalb meist vorbeugend Magenschutzpräparate.

Bilden sich die Symptome nicht zurück, wird die Infusionstherapie wiederholt, eventuell mit einer höheren Dosis. Eine Langzeitbehandlung mit Kortison ist nicht sinnvoll. Zum einen wäre sie nebenwirkungsreich, zum anderen beeinflusst sie den Krankheitsverlauf nicht.

Zeigt die Kortisontherapie keine Wirkung, kommt nach Rücksprache mit einem MS-Zentrum eine sogenannte Blutwäsche (Plasmapherese, alternativ Immunadsorption) als weitere Akuttherapie infrage. Dabei wird dem Patienten Blut entnommen, über spezielle Filter von verschiedenen Bestandteilen gereinigt und wieder zurückgeführt. Bei knapp 50 Prozent der Patienten bessern sich die Beschwerden durch diese Methode. Dieses Verfahren ist an spezialisierten Zentren möglich, aber ausschließlich für den schweren akuten Schub vorgesehen. In seltenen Fällen kommt es bei einer Blutwäsche zu schweren Herz-Kreislauf-Komplikationen.

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Verlaufsmodifizierende Therapie (Immunmodulation und Immunsuppression)

Behandlung des milden oder moderaten Krankheitsverlaufs (First Line-Therapie): Interferone / Glatirameracetat / Teriflunomid/ Dimethylfumarat

Interferon-beta-Präparate

Die Wirkprinzipien der immunmodulierenden Medikamente sind vielfältig. Ziel ist es, das fehlgeleitete Immunsystem wieder ins Lot zu bringen. Es ist mittlerweile bekannt, dass es bereits früh im Krankheitsverlauf zu Schäden am Nervensystem kommt. Deswegen ist eine konsequente Frühtherapie wichtig für einen langfristigen Therapieerfolg.

Sogenannte Interferon-beta-Präparate sind bereits seit über 20 Jahren für die Basis-Therapie der Multiplen Sklerose zugelassen. Interferon beta wird entweder mithilfe von Bakterien (IFN-b 1b) oder Säugetierzellen (IFN-b 1a) gentechnisch hergestellt. Seit Herbst 2014 gibt es auch ein pegyliertes Interferon. Dabei hängen kettenförmige Strukturen am Interferon, die es ermöglichen, das Interferon bei gleicher Wirksamkeit seltener anzuwenden.

Interferon kommt auch natürlicherweise im Körper vor. Es handelt sich um einen Botenstoff, der zwischen Zellen vermittelt. Seine Wirkungen macht man sich bei der Therapie mit Interferon-beta-Präparaten zunutze: Das zugeführte Interferon soll beispielsweise die Zahl der aktiven Entzündungszellen senken. Außerdem sollen diese Zellen davon abgehalten werden, in das zentrale Nervensystem einzudringen.

Die Interferone werden unter die Haut oder in die Muskulatur gespritzt. Mögliche Nebenwirkungen – die vor allem zu Therapiebeginn auftreten – sind grippeähnliche Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen. Sie lassen sich mit entzündungshemmenden Arzneimitteln abmildern. Das sollte aber in Rücksprache mit dem Arzt geschehen. Die Nebenwirkungen klingen meist innerhalb der ersten Monate ab.

Zu Beginn der Behandlung kann es zu Hautirritationen an der Einstichstelle kommen. Sie nehmen meist ab, wenn Patienten die richtige Spritztechnik erlernt haben und sogenannte Injektionshilfen verwenden.

Bei manchen Patienten bildet der Körper im Laufe der Therapie Abwehrstoffe (Antikörper) gegen das Medikament Interferon. Sie können den Therapieerfolg schmälern. Der Nachweis dieser Antikörper erfolgt über einen Bluttest.

Glatirameracetat

Glatirameracetat ist eine Alternative zum Wirkstoff Interferon-beta. Es handelt sich um ein künstlich hergestelltes Präparat aus vier Aminosäuren (L-Glutaminsäure, L-Lysin, L-Alanin, L-Tyrosin), das ebenfalls unter die Haut gespritzt wird. Setzt man diese Aminosäuren zusammen, entsteht eine Struktur, die einem Eiweiß ähnelt, welches in Gehirn und Rückenmark vorkommt.

Glatirameracetat reduziert die Anzahl der Krankheitsschübe um jährlich etwa 30 Prozent – also im gleichen Rahmen wie die Interferone. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Hautreaktionen an der Injektionsstelle.

Teriflunomid

Teriflunomid ist eine Weiterentwicklung des Wirkstoffs Leflunomid, der bei Rheuma zum Einsatz kommt. Mit Teriflunomid ist seit August 2013 eine Behandlungsoption in Tablettenform zur Basistherapie erhältlich. Teriflunomid gilt als ein die körpereigene Abwehrreaktion unterdrückendes Medikament mit entzündungshemmenden Eigenschaften. Obwohl der genaue Wirkmechanismus bislang nicht geklärt ist, vermuten Forscher, dass Teriflunomid durch die Hemmung mitochondrialer Enzyme insbesondere das Wachstum von bestimmten weißen Blutkörperchen, den Lymphozyten, reduziert. Teriflunomid kann die Krankheitsaktivität verringern.

Nebenwirkungen umfassen unter anderem Schäden an Leber und Nieren,  Beeinträchtigung der Knochenmarksfunktion und möglicherweise ein erhöhtes Infektionsrisiko. Um dieses zu minimieren, sollte Teriflunomid bei einer anhaltenden Erniedrigung der weißen Blutkörperchen abgesetzt werden. Es besteht zudem die Möglichkeit, die Wirksubstanz in Absprache mit dem Arzt entweder mit Cholestyramin oder Aktivkohle beschleunigt auszuscheiden. Dadurch lässt sich das Immunsystem schneller wieder aufbauen.

Dimetyhlfumarat

Dimethylfumarat wurde im Januar 2014 als orale Basistherapie/First-line Therapeutikum zugelassen. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der in der Behandlung der Schuppenflechte etablierten Fumarsäure. Dimethylfumarat zeigt einen zweigleisigen Wirkmechanismus: Vermutlich wirkt es entzündungshemmend und schützt die Nerven. Häufige Nebenwirkungen sind insbesondere anfangs Magen-Darm-Beschwerden (Magenbeschwerden, Durchfall und Übelkeit), die meist nach vier bis sechs Wochen Eingewöhnungszeit abklingen.

Bei einer Langzeitgabe empfehlen sich regelmäßige Kontrollen des Blutbildes, um eine Schwächung des Immunsystems und Infektionen frühzeitig zu erkennen. Sehr selten (bislang vier Fälle bekannt, Stand: September 2017) kann es zu einer sogenannten progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) kommen. Dabei handelt es sich um eine Erkrankung des Zentralnervensystems, die durch ein bestimmtes Virus hervorgerufen wird. Experten empfehlen, bei einer anhaltenden Erniedrigung der weißen Blutkörperchen die Therapie engmaschig zu kontrollieren, auszusetzen oder zu beenden – je nach Schweregrad.

Reservemittel: Azathioprin/Immunglobuline

Azathioprin

Vor der Einführung der Interferone war Azathioprin in einigen Ländern das Mittel der Wahl. Der Arzneistoff kommt ursprünglich aus der Tumortherapie beziehungsweise der Transplantationsmedizin. Vereinfacht gesagt dämpft der Wirkstoff das Immunsystem und gehört damit zu den sogenannten Immunsuppressiva.

Azathioprin gibt es in Tablettenform. Eine Verminderung der Schubfrequenz wurde in Studien belegt. Da die älteren Studien mit Azathioprin aber nicht dem heutigen Standard entsprechen, und weil bei der Einnahme des Medikamentes starke Nebenwirkungen auftreten können, sind "Immunsuppressiva" nicht mehr Mittel der ersten Wahl zur Dauertherapie. Insbesondere zeigte sich im Vergleich zu den modernen Therapieformen mit Interferonen und Glatirameracetat ein leicht erhöhtes Krebs- und Infektionsrisiko.

Immunglobuline

Immunglobuline sind Eiweiße, die natürlicher Bestandteil des Immunsystems sind. Der Körper bildet sie als Reaktion auf gefährliche Krankheitserreger. Die Immunglobuline dienen in diesem Fall als Abwehrstoffe (Antikörper). Immunglobuline kommen aber auch bei der Therapie unterschiedlicher Krankheiten zum Einsatz und sollen dann regulierend in die Funktionen des Immunsystems eingreifen.

Für keines der am Markt erhältlichen Immunglobulin-Präparate besteht eine Zulassung zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose. Die Arzneien gelten als absolute Reserve in Sondersituationen, wie während oder nach einer Schwangerschaft. Denn ihre Wirksamkeit ließ sich in neueren Studien nicht mehr eindeutig belegen. Die Medikamente werden als Infusion verabreicht.

Verlaufsmodifizierende Therapie des (hoch)aktiven Krankheitsverlaufs (Second Line-Therapie): Natalizumab/Fingolimod/Alemtuzumab/ Daclizumab, Cladribin/Mitoxantron/Cyclophosphamid

Wenn MS-Betroffene nicht (mehr) auf die Basistherapie ansprechen, kann die Behandlung auf eine nächste Stufe verstärkt werden. Mediziner nennen das "Second line-Therapie" oder "Optimierungstherapie".

Natalizumab

Seit Mitte 2006 steht Natalizumab zur Behandlung der hochaktiven schubförmigen MS zur Verfügung. Es blockiert bestimmte Moleküle auf der Oberfläche weißer Blutkörperchen und verhindert auf diese Weise, dass aktivierte Entzündungszellen in Gehirn und Rückenmark eintreten.

Hauptrisiko der Natalizumab-Therapie ist die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML), eine Erkrankung des Zentralnervensystems, die durch ein Virus ausgelöst wird und potenziell lebensgefährlich ist. Nach aktuellem Kenntnisstand erhöhen drei Faktoren das Risiko, an einer PML unter Natalizumab-Therapie zu erkranken: eine Behandlungsdauer von mehr als 24 Monaten, eine vorherige immunsuppressive Therapie (unabhängig von Dauer, Abstand und Art) sowie der Nachweis von Antikörpern gegen das Virus, das für die Erkrankung ursächlich ist. In besonders ungünstigen Risikokonstellationen kann das individuelle Risiko für eine PML bei  ≥ 1/100 liegen.

Fingolimod

Für Fingolimod besteht seit März 2011 eine Zulassung in der EU zur Behandlung der hochaktiven, schubförmigen Multiplen Sklerose. Das Präparat wird in Tablettenform eingenommen. Fingolimod verhindert, dass Entzündungszellen aus den Lymphknoten auswandern können. Auch dieser Arzneistoff birgt potenziell gefährliche Risiken, die während einer Therapie mit diesem Medikament überwacht werden müssen. Es sind  bislang neun PML-Fälle (siehe auch Abschnitte Natalizumab und Dimethylfumarat, Stand: September 2017) bei MS-Patienten unter Fingolimod und zusätzlich mindestens neun sogenannte "carry over"-PML-Fälle bekannt (Stand September 2017). Dabei haben Ärzte die Krankheit festgestellt, kurz nachdem der Patient von Natalizumab auf Fingolimod umgestellt wurde. Diese PML-Fälle werden demnach der Vortherapie mit Natalizumab zugerechnet.

Tritt unter Fingolimod eine anhaltende Absenkung bestimmter weißer Blutkörperchen (Lymphozyten) auf, empfehlen Experten, die Therapie zwischenzeitlich zu unterbrechen oder zu beenden. Das Nebenwirkungsprofil umfasst zusätzlich erhöhte Risiken für Infektionen, Herzrhythmusstörungen, ein Makulaödem (Flüssigkeitsansammlung im Auge im Bereich des gelben Flecks) sowie möglicherweise Basaliome (weißer Hautkrebs). Zusätzlich ist eine spezielle Überwachung der Kreislauffunktion bei der Ersteinnahme des Mittels erforderlich.

Alemtuzumab

Seit Oktober 2013 steht mit Alemtuzumab eine neue Therapieform für die aktive schubförmige Multiple Sklerose zur Verfügung. Alemtuzumab reguliert das Immunsystem indem es sich gegen bestimmte weiße Blutkörperchen, die B- und T-Lymphozyten, richtet. Alemtuzumab wird als Infusion über die Vene verabreicht und die Therapie erfolgt in zwei Behandlungsphasen: In der ersten Phase bekommt der Patient an fünf aufeinanderfolgenden Tagen täglich das Mittel als Infusion verabreicht, in der zweiten Phase erhält er nach einem Jahr an drei aufeinanderfolgenden Tagen je eine Infusion. Die Wirksamkeit kann über mehrere Jahre anhalten.

Wichtigste Nebenwirkungen sind Reaktionen auf die Infusion, ein erhöhtes Infektionsrisiko und bestimmte Autoimmunkrankheiten, die in Zusammenhang mit der  Behandlung auftreten. Dazu zählen unter anderem Schilddrüsenerkrankungen sowie Morbus Werlhof. Deswegen ist es nötig, sich monatlich vier Jahre lang nach der letzten Alemtuzumab-Infusion auf Nebenwirkungen hin kontrollieren zu lassen. In dieser Zeit ist ein Wechsel auf andere MS-Medikamente erschwert. Deswegen muss vor der Entscheidung, mit Alemtuzumab eine MS-Therapie zu beginnen, vorab eine gründliche, individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung stattfinden.

Daclizumab

Daclizumab hat komplexe immunmodulierende Eigenschaften. Unter anderem hemmt es bestimmte weiße Blutzellen, sogenannte aktivierte T-Lymphozyten. Das Nebenwirkungsprofil umfasst ein erhöhtes Infektionsrisiko, Hautreaktionen (Exantheme, Ekzeme), Leberschäden und möglicherweise entzündliche Darmerkrankungen. Im Juli 2017 wurde als Vorsichtsmaßnahme nach einem Todesfall in Zusammenhang mit Daclizumab aufgrund akuten Leberversagens sowie vier weiterer Fälle von schweren Leberschädigungen die Indikation des MS-Medikaments durch die Zulassungsbehörde vorerst eingeschränkt.

Die Anwendung von Daclizumab beschränkt sich derzeit auf Patienten mit hochaktivem schubförmigen Verlauf, bei denen andere Behandlungsformen versagt haben. Sowie auf Patienten mit hoher Krankheitsaktivität, die nicht mit anderen Medikamenten behandelt werden können. Menschen, die in der Vergangenheit eine Lebererkrankung hatten oder bei denen eine solche akut besteht, dürfen Daclizumab nicht anwenden. Ebenso raten Ärzte von der Behandlung ab, wenn zusätzlich andere Autoimmunerkrankungen bestehen.

Cladribin

Cladribin ist seit 2017 für die Behandlung von erwachsenen Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose und hoher Krankheitsaktivität gemäß definierter klinischer oder bildgebender Kriterien zugelassen. Cladribin ist eine Substanz in Tablettenform, die selektiv auf bestimmte weiße Blutkörperchen, die Lymphozyten, wirkt. Die relevantesten Nebenwirkungen sind eine Absenkung der Lymphozyten und eine Gürtelrose. Deswegen muss die Lymphozytenzahl regelmäßig kontrolliert werden. Bei einer Lymphozytenzahl unter 500/µl sollten aktive Kontrollen erfolgen, bis die Werte wieder steigen. Möglicherweise kann auch bei diesem Wirkstoff eine progressive multifokale Leukoenzephalopathie (mehr siehe Natalizumab, Fingolimod und Dimethylfumarat) auftreten.

Mitoxantron

Mitoxantron wird alle drei Monate per Infusion verabreicht. Es wurde ursprünglich zur Therapie von Tumoren entwickelt. Durch Studien ist jedoch auch ein positiver Effekt in der Therapie der sekundär progredienten Multiplen Sklerose belegt. In Deutschland ist Mitoxantron zugelassen zur sogenannten Therapieeskalation, also als Erweiterung der Immuntherapie. Weil das Medikament jedoch insbesondere nach einer gewissen Lebenszeitdosis schwerwiegende Nebenwirkungen am Herz hervorrufen kann, wird es nur in seltenen Fällen eingesetzt: beispielsweise, wenn es trotz anderer Alternativtherapien zu einem raschen Fortschreiten und einem sekundär progredienten Verlauf der MS kommt.

Akute Nebenwirkungen nach einer Infusion sind Übelkeit und Erbrechen sowie Durchfall. Außerdem unterdrückt das Medikament die Blutbildung im Knochenmark über längere Zeit. Bei Frauen bleibt eventuell die monatliche Regelblutung dauerhaft aus. Darüber hinaus kann Mitoxantron beispielsweise das Herz und die Leber schädigen, zu Unfruchtbarkeit führen und in Einzelfällen Blutkrebs verursachen. Eine genaue Überwachung der Therapie und der Blutwerte durch den Arzt ist daher wichtig.

Cyclophosphamid

Cyclophosphamid gehört zur Gruppe der Zytostatika, die auch in der Krebstherapie Verwendung finden. Das Medikament kommt bei der Behandlung der Multiplen Sklerose nur in seltenen Ausnahmefällen in Betracht – beispielsweise als Reservemittel, wenn alle Alternativen ausgeschöpft sind.

Symptomatische Therapie und zusätzliche Maßnahmen

MS-Patienten können viele verschiedene Symptome und Folgen der Erkrankung beeinträchtigen. Häufig und sehr belastend sind Schmerzen, verkrampfte Muskulatur (Spastik), Blasenfunktionsstörungen, Sprech- und Schluckstörungen, schnelle physische und psychische Ermüdbarkeit (Fatigue-Syndrom) und Depressionen.

Für die Therapie eignen sich neben einer gesunden Lebensweise, physiotherapeutische, logopädische, ergotherapeutische und psychotherapeutische Maßnahmen sowie eine medikamentöse Behandlung. Wichtig ist auch, Komplikationen wie Osteoporose, Lungenentzündungen, Thrombosen, Gelenkversteifungen und Harnwegsinfektionen vorzubeugen.

Behandlung der Spastik

Um die verkrampfte und versteifte Muskulatur zu lockern, eignen sich eine konsequente und frühzeitige Physiotherapie sowie die Einnahme von Medikamenten, den sogenannten Muskelrelaxanzien (zum Beispiel Baclofen, Tizanidin, Gabapentin). Umschriebene Erhöhungen der Muskelspannung können auch durch gezielte Spritzen mit Botulinumtoxin therapiert werden. Bei der muskelentspannenden Arznei Tetrahydrocannabinol/Cannabidiol handelt es sich um eine standardisierte Mischung von 2,7 Milligramm Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und 2,5 Milligramm Cannabidiol (CBD). Es dient als zusätzliche Möglichkeit, um die Beschwerden von Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastik zu lindern, die nicht ausreichend auf andere Arzneimittel reagiert haben und bei denen die Muskelsteifigkeit durch einen Therapieversuch mit THC/CBD nachgelassen hat.

Physiotherapie

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Chronische Schmerzen lindern

Schmerzen können bei MS-Kranken eine Vielzahl von Ursachen haben und kommen bei über 50 Prozent der Patienten vor. Die Schmerztherapie muss deshalb immer individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden. Chronische Schmerzen bei Multipler Sklerose werden meist nicht mit den gängigen, freiverkäuflichen Schmerzmedikamenten behandelt, sondern mit Wirkstoffen wie beispielsweise Amitriptylin, Carbamazepin oder Gabapentin.

Strategien gegen das Zittern

Gegen das Zittern helfen Physio- und Ergotherapie. Zudem kann der Arzt  bestimmte Medikamente wie beispielsweise Antiepileptika, Beta-Rezeptoren-Blocker, Dopaminagonisten oder Anticholinergika verordnen. Bei besonders ausgeprägten schweren Verläufen, die sich nicht durch Medikamente beeinflussen lassen, kann in spezialisierten medizinischen Zentren eine "tiefe Hirnstimulation" erfolgen: Vereinfacht gesagt wird dabei ein elektrischer "Schrittmacher" in ein bestimmtes Zentrum des Gehirns eingebaut. Im Einzelfall kann das die Beschwerden lindern.

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Behandlung von Blasenfunktionsstörungen

Symptome von Blasenfunktionsstörungen sind Harndrang und Inkontinenz. Helfen können je nach Ursache eine gezielte Beckenbodengymnastik, regelmäßige Ableitungen des Harns über einen Katheter sowie bestimmte Medikamente.

Ein häufiges Problem ist, dass Patienten das Problem verheimlichen. Das Thema ist sehr privat und noch immer tabubehaftet. Patienten sollten aber trotzdem offen mit ihrem Arzt über die Beschwerden sprechen. Nur so ist gezielte Hilfe möglich.

Bei ausgeprägten Funktionsstörungen können vermehrt Harnwegsinfekte auftreten. Sie müssen vor allem dann konsequent behandelt werden, wenn der Patient gleichzeitig Medikamente erhält, die das Immunsystem dämpfen.

Was tun bei Fatigue-Syndrom und Depressionen?

Depressive Symptome können sowohl zu Beginn der Erkrankung als auch im Verlauf auftreten. Eine depressive Störung lässt sich medikamentös mit Antidepressiva behandeln. Auch eine psychologische Betreuung hilft oft. Zur Behandlung des Fatigue-Syndroms können verschiedene Medikamente eingesetzt werden. Auch ein moderates Ausdauertraining im Freien (sofern möglich) zeigt positive Effekte.

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Behandlung von Gangstörungen

Es ist bekannt, dass der Kaliumkanalblocker 4-Aminopyridin die muskuläre Kraft bei Erkrankungen wie einer MS verbessern kann. Um die Gehfähigkeit von erwachsenen Patienten mit Gehbehinderung (EDSS 4-7) zu verbessern, kann Fampridin eingesetzt werden. Falls die Gehprobleme nicht innerhalb der ersten zwei Wochen nachlassen, sollte die Therapie wieder beendet werden.

Behandlung von Störungen der Sexualität

MS-Patienten erleben im Verlauf ihrer Erkrankung häufig Störungen der Sexualität. Dies kann organische, aber auch psychische Ursachen haben. Letztere lassen sich durch eine Gesprächstherapie behandeln, organische Ursachen durch eine entsprechende symptomatische Therapie. Immer gilt es dabei zunächst zu klären, ob es sich eventuell um eine Nebenwirkung der zur Behandlung der Multiplen Sklerose eingesetzten Arzneien handelt.

Ernährung bei Multipler Sklerose

Es ist schwer zu sagen, ob eine bestimmte Diät eine Wirkung auf die Multiple Sklerose hat, da diese Erkrankung auch von normalen tagesformabhängigen Besserungen und Verschlechterungen geprägt ist. Bis jetzt konnte keine Diät den Verlauf oder die Symptome der MS wirkungsvoll beeinflussen. Empfehlenswert ist eine ausgewogene, fettreduzierte Ernährung.

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Rehabilitation mit Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie

Die Multiple Sklerose kann zu den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen führen. Zerstörte Nervenzellen lassen sich nicht wiederherstellen. Doch mit entsprechendem Training sind verlorengegangene Fähigkeiten teilweise neu erlernbar – weil sich das Gehirn "umorganisiert". Andere Hirnareale übernehmen dann quasi Aufgaben, die erkrankte Hirnbereiche nicht mehr erfüllen können. Genau dies ist die Aufgabe der Rehabilitation.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Physiotherapie, die bei Bewegungsstörungen deutlichen Erfolg verspricht und daher frühzeitig eingesetzt werden sollte. Ziel ist es, jeweils das Beste aus den körperlichen Möglichkeiten herauszuholen. Bewegungsübungen können die verspannten Muskeln lockern, die Koordination und den Gleichgewichtssinn trainieren und bei Blasenstörungen die Beckenbodenmuskulatur stärken. Die Ergotherapie hilft, die Feinmotorik zu verbessern und die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten.

Eine Rehabilitation kann in leichten Fällen ambulant, in schweren Fällen mit großen Beeinträchtigungen stationär in einer Rehabilitationsklinik stattfinden.

Alternative Therapieformen

Alternative Therapiemethoden, die nicht wissenschaftlich anerkannt sind, werden von einigen Patienten als hilfreich empfunden, können eine schulmedizinische Therapie aber auf keinen Fall ersetzen. Grundsätzlich ist immer ein abgestimmtes Handeln zwischen Schulmedizin und Alternativmedizin zu bevorzugen. Einige Beispiele für solche alternativen Heilmethoden sind Aroma- und Bachblütentherapie, Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin (Akupunktur, Akupressur) oder Autogenes Training.

Doch Vorsicht: Auf dem Markt ist neben einigen hilfreichen Behandlungsoptionen auch vieles, was nichts nützt, überteuert ist oder den Patienten sogar schaden kann. Daher ist es empfehlenswert, auch über alternative und nicht-schulmedizinische Methoden mit dem behandelnden Arzt zu sprechen.

Leben mit der Krankheit

Zur Bewältigung von Krankheit, Behinderung und psychosozialen Problemen gehört neben der ärztlichen Betreuung, den Unterstützungsformen der öffentlichen Hand und der Familie auch die Selbsthilfe.

Sie ist klassischerweise in Selbsthilfegruppen organisiert. Selbsthilfe- und Patientenvertreter sitzen im Rahmen der gesetzlich geregelten Patientenmitbestimmung zum Beispiel auch im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der über Therapien berät und entscheidet.

In Selbsthilfegruppen trifft man auf andere Menschen mit ähnlichen Problemen. Dies ermöglicht gegenseitigen Informationsaustausch, das Beenden der sozialen Isolation beziehungsweise emotionale Unterstützung bei Krisen. Einen Überblick über Selbsthilfegruppen in der Nähe kann man zum Beispiel bei der DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft) bekommen.

Grundsätzlich können die folgenden Punkte häufig das Leben mit der Erkrankung ein wenig erleichtern, auch wenn das sicher nicht immer einfach ist:

  • Freuen Sie sich über das, was Sie können und konzentrieren Sie sich nicht auf das, was Sie nicht mehr können. Versuchen Sie, Ihre Behinderungen zu akzeptieren – setzt man sich realistische persönliche Ziele, kann man sich auch auf niedrigerem Level über Fortschritte freuen.
  • Versuchen Sie, in der Gegenwart zu leben und diese – trotz allem – so oft wie möglich zu genießen anstatt die Zukunft zu fürchten.
  • Sprechen Sie mit anderen Menschen ruhig offen über Ihre Probleme – mit der Familie, mit Freunden und auch mit Ihrem Arzt. Dies hilft oft, die Krankheit besser zu bewältigen.
  • Machen Sie nicht weniger als Sie können – wer rastet, rostet. Aber nehmen Sie andererseits angebotene Hilfe auch an, wenn sie Sinn macht.
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