Homöopathie: Was steckt dahinter?

Weil sich immer mehr Patienten sanfte Therapien wünschen, befinden sich homöopathische Mittel seit Jahren im Aufschwung – allen Widerständen und wissenschaftlichen Zweifeln zum Trotz

von Dr. Ralph Müller-Gesser, aktualisiert am 04.07.2016

Globuli: Kügelchen als Heilmittel

Panthermedia/Pic Leidenschaft

In der Küche drückt Allium cepa kräftig auf die Tränendrüsen und lässt die Nase laufen, bevor es fein gehackt im Salat landet. Verdünnt dagegen eignet sich die Küchenzwiebel als homöopathisches Medikament. "Allium cepa hilft Menschen, die an einem Heuschnupfen mit scharfem Nasensekret und milden Tränen leiden", erklärt Dr. Marieluise Schmittdiel. Die Münchner Allgemeinärztin ist Vorsitzende des Landesverbands Bayern des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte. Seit rund 20 Jahren behandelt sie Patienten mit homöopathischen Mitteln.

"Zudem sollten sich die Symptome im Freien und in der Kälte bessern und bei Wärme verschlimmern", sagt Schmittdiel. Das ist wichtig, denn sollte Wärme die Beschwerden bessern und Kälte sie verschlechtern, oder sollten gar die Tränen scharf, das Nasensekret dagegen mild sein, dann braucht der Patient – nach homöopathischen Kriterien – nicht Allium cepa sondern zum Beispiel Augentrost, Euphrasia.


Gleiches mit Gleichem behandeln

Das Beispiel illustriert das Grundprinzip der Homöopathie, dem sie übrigens auch ihren Namen verdankt: Als der deutsche Apotheker und Arzt Samuel Hahnemann Ende des 18. Jahrhunderts den medizinischen Grundsatz aufstellte, demzufolge Ähnliches Ähnliches heilt, schuf er aus den griechischen Wörtern Homoion (für "ähnlich") und Pathos (für "Leiden") das Wort Homöopathie. "Sie ist eine völlig eigenständige Therapieform und arbeitet mit Einzelarzneien, die am gesunden Menschen geprüft sind und nach der Ähnlichkeitsregel in potenzierter Form verordnet werden", erklärt Allgemeinärztin Schmittdiel das Wesen der Heilkunst.


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Rund 2500 verschiedene homöopathische Arzneien gibt es heute – hergestellt aus Mineralien, Pflanzen, Tieren und Tierprodukten. Jeder dieser Stoffe ruft bei einem gesunden Menschen eine ganz bestimmte Kombination von Symptomen hervor. Und für genau dieses Beschwerdebild eignet sich die Substanz – laut Hahnemanns Lehre – als Heilmittel.

Streitpunkt: Wissenschaftliche Beweise

In wissenschaftlichen Kreisen kämpft dieses Therapie-Konzept allerdings bis heute um seine Anerkennung. Viele Untersuchungen widmen sich der Homöopathie, wobei die meisten Studien eine Wirkung bestreiten, die über einen Placebo-Effekt hinausgeht. Dem widersprechen andere Veröffentlichungen, die ihre Wirksamkeit zu belegen scheinen. Nur: Deren wissenschaftlicher Wert wird meist harsch kritisiert. Der Hauptvorwurf lautet: Die üblichen Maßstäbe und Richtlinien klinischer Studien seien nicht eingehalten worden.

Die kontroverse und oft sehr emotional geführte Diskussion beschäftigt vor allem Wissenschaftler. Was die Patienten davon halten, zeigen sie auf ihre Weise: Immer mehr von ihnen greifen auf homöopathische Mittel zurück. Viele sagen sich vermutlich: Vielleicht hilft es, und schaden tut es auch nicht. Dem zunehmenden Wunsch nach homöopathischer Behandlung tragen viele Krankenkassen Rechnung und übernehmen die Kosten. Fragen Sie bei Ihrem Versicherer nach.

Hauptsymptome erfassen

Bei einem akuten Problem, beispielsweise Heuschnupfen, reicht dem Therapeuten eine kurze Befragung des Patienten für eine erfolgversprechende homöopathische Behandlung. Doch die Homöopathie wird nicht nur bei akuten Beschwerden eingesetzt, sondern auch bei chronischen.

Der Homöopath erfasst dabei alle Beschwerden, Symptome und Besonderheiten eines Menschen. Dann gilt es, sich ein Gesamtbild der Person zu machen. "Eine homöopathische Anamnese und anschließende Untersuchung nimmt bis zu zwei Stunden in Anspruch", bestätigt Schmittdiel. Am Ende stehen fünf bis zehn Hauptkriterien auf der Liste des Therapeuten – gesundheitliche Beschwerden, aber auch die Reaktion des Körpers auf Kälte oder Hitze, Gemütszustände wie Angst sowie typische Verhaltensmuster.

Anhand dieser Hauptkriterien sucht der Behandler nach der oder den passenden homöopathischen Substanzen. "Meist kommen zunächst drei bis vier Mittel in die engere Auswahl", berichtet Schmittdiel, "man muss sich jedoch für das am besten passende Arzneimittel entscheiden, denn es wird immer nur eine Arznei verabreicht, um die Reaktion des kranken Körpers exakt zu beurteilen."  Welches Mittel das ist, stellt der Therapeut fest, indem er nochmals die Symptome abfragt und mit dem homöopathischen Arzneimittelbild vergleicht. "Bestätigungsfragen schaffen Klarheit", sagt die Münchner Ärztin.


D- und C-Potenzen homöopathischer Mittel

Doch Mittel ist nicht gleich Mittel, denn jede homöopathische Arznei gibt es in unterschiedlichen Potenzen. Hintergrund: Da die Stoffe in Reinform zu starke Reaktionen auslösten, begann schon Hahnemann sie zu verdünnen. Er entwickelte eine spezielle Verdünnungsmethode, das sogenannte Potenzieren, wobei die jeweilige Potenz den Grad der Verdünnung beschreibt. Und so gibt es homöopathische Arzneien zum Beispiel in Zehnerpotenzen (D) und Hunderterpotenzen (C). D30 bedeutet: Der Wirkstoff wurde dreißig Mal um das Zehnfache verdünnt. C200 dagegen: Der Stoff wurde 200 Mal um den Faktor 100 verdünnt.

Dabei geht die homöopathische Lehre von folgender Annahme aus: Je höher die Potenz und damit die Verdünnung, desto tiefer und lang anhaltender fällt die Heilungsreaktion des Kranken aus. Höhere Potenzen gelten daher als die stärkeren Arzneien – und das, obwohl sie kaum bis gar nichts vom ursprünglichen Wirkstoff enthalten.

Doch der Gehalt an sich spiele keine Rolle, sind Homöopathen seit Hahnemann überzeugt. Denn nicht die Menge an Substanz machen sie für die Wirkung der Arznei verantwortlich. Vielmehr sollen homöopathische Mittel wirken, indem sie die Selbstheilungskräfte eines Patienten stimulieren. Soweit die rund 200 Jahre alte Theorie. Die Grenzen des Heilverfahrens liegen dort, wo ein Mensch diese Reaktionsfähigkeit eingebüßt hat – wenn beispielsweise eine Erkrankung ein Organ oder Gewebe zerstört oder dessen Funktion erheblich eingeschränkt hat.

Globuli, Tabletten und Tropfen

Allgemeinärztin Schmittdiel versorgt ihre Patienten am Ende einer homöopathischen Untersuchung meist mit drei Kügelchen. Diese Globuli sollen sie auf der Zunge zergehen lassen. "Homöopathische Arzneien entfalten über die Mundschleimhaut ihre Wirkung", erklärt die Homöopathin. Verschluckt wirken die Globuli dagegen nicht, da die Magensäure sie ihrer Kraft beraubt.

Das Gleiche gilt für homöopathische Tropfen. Die richtige homöopathische Substanz in der passenden Dosierung zeige rasch eine Wirkung, sagt Schmittdiel: "Teilweise innerhalb von Stunden." Allerdings können die Symptome bei akuten Erkrankungen, beispielsweise einer Erkältung, nach einigen Stunden wiederkommen. Dann sei mitunter eine weitere Einnahme der Mittel – ob als Globuli, Tabletten oder Tropfen – hilfreich, so der Rat der Ärztin.



Bildnachweis: Panthermedia/Pic Leidenschaft

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