Haartransplantation (Haarverpflanzung)

Trost nach Haarausfall: Um verlorenes Haar zu ersetzen, verpflanzen Ärzte bei der Haartransplantation Haarwurzeln von dichteren Bereichen auf kahlere Stellen
von Dr. med. Johannes Rückher, aktualisiert am 04.04.2017

Eine Haartransplantation erfordert viel Feinarbeit

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Der Verlust von Haaren kann Menschen psychisch schwer belasten. Die Haartransplantation liefert bei einigen Formen von Haarausfall überzeugende Ergebnisse.

Einsatzgebiete der Haartransplantation

Als wichtigstes Einsatzgebiet der Haarverpflanzung gilt der hormonell bedingte Haarausfall, von Fachleuten androgenetische Alopezie genannt. Hier spielt das Hormon Dihydrotestosteron (DHT) die entscheidende Rolle: Die Haarwurzeln reagieren überempfindlich auf DHT und fallen vorzeitig aus. Diese Überempfindlichkeit wird in den Genen angelegt. Deshalb ist der Haarausfall sozusagen nur eine Frage der Zeit. Bei Männern bleibt im Extremfall nur ein Haarkranz am Hinterkopf erhalten. Die dort wachsenden Haare fallen auch unter DHT-Einfluss nicht aus ("DHT-resistente Haarwurzeln"). Bei Frauen entsteht keine Glatze. Hier dünnen die Haare eher insgesamt aus, bevorzugt im Bereich des Mittelscheitels.

Seltener verlieren Patienten Haare durch Verletzungen, Verbrennungen oder Operationen. Auch bestimmte Hauterkrankungen können hin und wieder für einen dauerhaften Haarverlust verantwortlich sein. Dazu zählen unter anderem die Alopecia areata, der sogenannte "kreisrunde Haarausfall", und die  Folliculitis decalvans, eine Entzündung der Haarbälge. Nach deren Abheilung bleiben eventuell kahle Stellen zurück.

Optisch erscheint das Kopfhaar erst dann lichter, wenn mehr als die Hälfte der Haare fehlen. Insofern reicht es auch bei der Haartransplantation aus, eine Dichte von 50 Prozent der ursprünglichen Haardichte zu erreichen. Eine Haartransplantation ist auch bei Patienten möglich, die Bart- oder Augenbrauenhaare verloren haben.

Wann kommt der Eingriff in Betracht?

Die Haartransplantation eignet sich für Patienten mit unumkehrbarem (irreversiblem) Haarausfall. Beim hormonell bedingten Haarausfall unternehmen die Ärzte meist zunächst einen medikamentösen Therapieversuch. Bei Frauen stehen hier hormonhaltige Präparate und der Wirkstoff Minoxidil im Vordergrund. Bei Männern können Medikamente in der Regel nur verhindern, dass der Haarverlust weiter fortschreitet. Bewährt haben sich Finasterid und Minoxidil. Allerdings möchten viele Patienten nicht dauerhaft Medikamente einnehmen.

Eine Haartransplantation kommt also dann in Frage, wenn andere Therapien versagen. Beim hormonell bedingten Haarausfall des Mannes raten viele Ärzte aber von zu frühen Eingriffen ab. Sie empfehlen ein Mindestalter von 30 bis 35 Jahren. Der Haarausfall sollte bereits weitgehend zum Stillstand gekommen sein.

Bei der FUT-Technik wird ein Hautstreifen mit Haarwurzeln entnommen

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Wer nimmt den Eingriff vor?

Expertenvereinigungen in Deutschland haben folgende Voraussetzungen für Ärzte formuliert, die selbstständig Haare verpflanzen wollen: Erstens sollten sie die Facharztanerkennung eines operativen Faches besitzen. Dazu zählen Chirurgen, Gynäkologen, HNO-Ärzte und Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen. Außerdem müssen sich die Ärzte mit der Behandlung von chirurgischen, kardiovaskulären und medikamentösen Komplikationen auskennen. Des Weiteren sollen sie die entsprechenden Kurse zur Haarverpflanzung absolviert haben, und einige Tage bei einem Spezialisten für Haartransplantation als Gastarzt gearbeitet haben. Zusätzlich sollte mindestens ein OP-Assistent über Erfahrung bei der Präparation von Haarwurzeln verfügen.

Vorbereitung für die Haartransplantation

Die Aufklärung und die Erklärung des Patienten, mit der Operation einverstanden zu sein, sollen mindestens 24 Stunden vor dem Eingriff erfolgen. Zunächst besprechen Ärzte und Patienten Chancen und Einschränkungen der Haartransplantation. Der Arzt befragt den Patienten auch zu wichtigen Voraussetzungen für die Operationstauglichkeit, zum Beispiel, ob der Patient eine Neigung zu überschießender Narbenbildung hat. Außerdem untersucht der Arzt den Patienten, vor allem das spätere Operationsgebiet, und dokumentiert den Zustand vor dem Eingriff.

Während des Eingriffs können die Ärzte lediglich Haarwurzeln geschickt umverteilen. Die Ausgangssituation setzt daher häufig Grenzen: Es ist zum Beispiel nicht möglich, eine große Glatze mit kleinem Haarkranz am Hinterkopf wieder mit jugendlicher Haardichte zu bedecken. Als Faustregel gilt: Misst die Fläche der Spenderhaare weniger als 20 Prozent der Empfängerregion, ist eine flächendeckende Haartransplantation nicht möglich.

Die Ärzte nutzen Messgrößen für Haardichte und Haarmasse, um den Zustand vor der Haartransplantation zu beschreiben. Auch Struktur und Farbe der Haare sind von Bedeutung. Helle Haare erscheinen beispielsweise weniger dicht als dunkle. Fotos vor und nach der Haartransplantation helfen, den Erfolg des Eingriffs zu belegen.

Bei der FUE-Technik entnimmt der Arzt einzelne Haarwurzelgrüppchen

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Wie gewinnen Ärzte die Haarwurzeln für die Transplantation?

Meist reicht für die Haartransplantation eine örtliche Betäubung der Kopfhaut. Der Zusatz von Adrenalin hilft, mögliche Blutungen zu vermindern. Je nach der Art der Entnahme von Haarwurzeln unterscheidet man zwei Techniken: Bei der Follicular Unit Transplantation (FUT-Technik) entnehmen die Ärzte die Haarwurzeln mit einem Hautstreifen, bei der Follicular Unit Extraction (FUE-Technik) als einzelne Haarwurzelgrüppchen, sogenannte follikuläre Einheiten. Aus einem solchen Haarwurzelgrüppchen wachsen ein bis fünf Haare. Bei Männern eignet sich der DHT-unempfindliche Haarkranz am Hinterkopf für die Haarentnahme, man spricht dort von einer "sicheren Spenderfläche". Auch nachdem die Haare verpflanzt wurden, bleiben sie unempfindlich gegenüber dem Hormon DHT. Bei Frauen gibt es diese umschriebenen Spendergebiete auf dem Kopf nicht. Die Ärzte können die Haare im Prinzip aus dem gesamten Hinterkopfgebiet entnehmen.

Der zu entnehmende Hautstreifen ist bei der FUT-Technik etwa 1 bis 2 cm breit. Seine Länge hängt davon ab, wie viele Haare verpflanzt werden sollen. Die Ärzte schneiden die Haare in dem entsprechenden Bereich kurz. Nachdem sie den Hautstreifen mit den darin enthaltenen Haarwurzeln entnommen haben, nähen sie die Wunde zu. Die angrenzenden Haare bleiben länger und überdecken nun die Narbe. OP-Assistenten gewinnen aus dem Hautstreifen oft große Mengen Haarwurzelgrüppchen, die verpflanzt werden können. Sie arbeiten dabei mit Lupen und Mikroskopen.

Bei der FUE-Technik rasiert das OP-Personal – je nach Anzahl der zu verpflanzenden Haare – den Hinterkopf großflächig. Dann lockert zunächst ein winziger Hohlbohrer die Haarwurzelgrüppchen. Anschließend kann sie der Arzt mit Spezialinstrumenten heraus zupfen. Die Prozedur kann mehrere Stunden dauern, kommt aber ohne Schnitte aus. Die winzigen Narbenpunkte sind im Nachhinein kaum sichtbar. Dies ist insbesondere für Patienten von Bedeutung, die ihr Haar später sehr kurz tragen möchten. Oft ist die FUE-Technik ausreichend, wenn die Ärzte nur eine geringe Anzahl Spenderhaare mit weniger als 500 bis 1000 Haarwurzelgrüppchen benötigen. Bei stark lockigem und krausem Haar ist sie technisch oft zu kompliziert.

Wie setzen Ärzte die Haarwurzeln ein?

Die gewonnenen Haarwurzelgrüppchen lagern bis zum nächsten Schritt in gekühlter Nährlösung. Sie sollen nun in winzigen Öffnungen in der Haut ihren neuen Platz finden. Diese Öffnungen fertigen die Ärzte entweder mit einem Mikrobohrer (Holes-Technik) oder mit einem winzigen Messer (Slit-Technik) an. Sie legen damit die Dichte und die spätere Haarwuchsrichtung fest. Hierbei achten sie auf eine so genannte "randomisierte Verteilung" der Öffnungen. Das bedeutet, dass die Ärzte die verpflanzten Haare nicht einfach nebeneinander setzen, weil das einen Perlenketteneffekt erzeugen könnte. Vielmehr pflanzen sie die Haare unregelmäßig nach vorne und hinten versetzt ein und erzeugen so eine "irreguläre Regularität". Nur so können sie die natürliche Haarverteilung imitieren. Ein geübtes Operationsteam kann in einer Sitzung 1000 bis 1500 Haarwurzelgrüppchen transplantieren. Eine Sitzung dauert meist zwischen drei und sechs Stunden.

Beträgt die kahle Stelle zum Beispiel 50 Quadratzentimeter, sind je nach Farbe und Struktur der Haare 500 bis 1250 transplantierte Haarwurzelgrüppchen nötig – ab zehn Haarwurzelgruppen pro Quadratzentimeter wirkt das Ergebnis in der Regel optisch zufriedenstellend, ab 25 Haarwurzelgruppen pro Quadratzentimeter sehr gut. Bei größeren kahlen Stellen können zwei bis drei Sitzungen anfallen.

Auf gesunder Kopfhaut wachsen 98 Prozent der Haarfollikel an. Auf Narben sowie bei Rauchern und Diabetikern über 45 Jahren gelingt es immer noch bei etwa 80 Prozent. Männer mit erblich bedingtem Haarausfall erhalten nach der Transplantation häufig den Wirkstoff Finasterid. Dieses Medikament soll verhindern, dass die Reste der ursprünglichen Behaarung des Oberkopfes ausfallen. Diese sind im Gegensatz zu den verpflanzten Haaren nach wie vor empfindlich gegenüber dem Hormon DHT.

Wie häufig sind Komplikationen?

Die Haartransplantation gilt als komplikationsarmes Verfahren. Nach dem Eingriff beobachten die Patienten im Bereich der verpflanzten Haare vorübergehend Rötungen, Schwellungen und Gefühlsstörungen. Kleine Verkrustungen verschwinden nach 10 bis 14 Tagen durch regelmäßiges Haare waschen mit einem milden pH-neutralen Shampoo, wobei das Haare waschen ab 48 Stunden nach dem Eingriff wieder erlaubt ist. Ärzte empfehlen, in den ersten beiden Wochen nach der Haartransplantation große Anstrengungen und starke Sonneneinstrahlung zu meiden.

Wie sind die Erfolgsaussichten?

Ist die Fläche mit Spenderhaaren ausreichend groß, gelingen den Ärzten in der Regel überzeugende Ergebnisse. Die verpflanzten Haare bleiben üblicherweise bis zum Lebensende erhalten. Der Patient kann sie ganz normal waschen, schneiden oder färben.

Allerdings sind diese Erfolge nicht sofort sichtbar. Die verpflanzten Haare fallen nach drei bis vier Wochen zunächst aus. Das liegt an dem kurzzeitigen Nährstoffmangel, dem die Haarwurzeln während der Entnahme ausgesetzt sind. Erst nach drei bis vier Monaten wachsen die neuen Haare, die dann auch nicht mehr ausfallen.

Was kostet der Eingriff?

Allgemein zahlen die Krankenkassen die Kosten für eine Haartransplantation eher nicht, weil der Haarverlust die Patienten gesundheitlich nicht beeinträchtigt. Bei Verletzungen, Hauterkrankungen und schweren psychischen Folgen machen die Krankenkassen gelegentlich eine Ausnahme. Je nach Anzahl der transplantierten Haare kostet der Eingriff zwischen 2000 und 8000 Euro.

Dr. Paul J. Edelmann

W&B/Privat

Beratender Experte: Dr. Paul J. Edelmann, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie in Frankfurt am Main und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC)

Quellen:
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3. Neidel F, Leonhardt K: Haartransplantation bei Frauen – eine normale Prozedur? In: Praktische Dermatologie 2005, 11: 461-470
4. Neidel F: Entnahmetechniken bei der Haartransplantation. In: Praktische Dermatologie 2013, 19: 316-321
5. Neidel F: Fehler und Gefahren bei der Haartransplantation. In: HAUT – Dermatologie, Allergologie, Kosmetologie 2014, 25: 46-48
6. Halsner U: Das schöne Haar – Möglichkeiten der Haartransplantation. In: Praktische Dermatologie 2011, 17: 112-120
7. Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland e.V.: Leitlinien zur Haartransplantation. Online: http://www.gacd.de/fileadmin/user_upload/pdf/leitlinien_haartransplantation.pdf (Abgerufen am 20.03.2014)
8. Brenneke A: Eigenhaarverpflanzung nach der "Moser-Methode". In: Ästhetische Dermatologie 03/2012: 14-16
9. Halsner U: Haartransplantation – operativer Haarersatz zur Behandlung irreversibler Alopezien. In: Ästhetische Dermatologie 03/2011: 6-12
10. Sobczak D: Haartransplantation. In: Ästhetische Dermatologie 1/2007: 18-21
11. Haartransplantation auch bei medizinischer Indikation. In: Kosmetische Medizin 2001, 22: 253
12. Was darf man von einer Haartransplantation erwarten? In: Fortschritte der Medizin 2007, 149: 19


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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