Anamnese: Das Gespräch mit dem Arzt

In der Anamnese stellt der Arzt dem Patienten Fragen, etwa zu Beschwerden, Lebensgewohnheiten und früheren Erkrankungen
von Dr. med. Johannes Rückher, aktualisiert am 25.09.2014

Eine gründliche Anamnese ist oft schon der halbe Weg zur Diagnose

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Der Begriff "Anamnese" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Erinnerung". Er beschreibt das Gespräch des Arztes mit dem Patienten. In der Regel leitet der Arzt das Gespräch durch vertiefende Fragen.

Wozu dient die Anamnese?

Eine Anamnese verfolgt mehrere Ziele: Der Arzt versucht, die Beschwerden des Patienten nachzuvollziehen und medizinisch relevante Informationen für sein weiteres Vorgehen zu gewinnen. Darüber hinaus will der Arzt auch den Grundstein für eine positive Arzt-Patient-Beziehung legen, die meist eine wichtige Voraussetzung ist, um den Patienten erfolgreich behandeln zu können. Beispielsweise muss der Arzt häufig auch psychische, soziale und berufliche Hintergründe erfragen. Patienten sind solche Themen manchmal unangenehm und es kostet sie mitunter Mut, darüber zu sprechen. Wenn Arzt und Patient aber vertrauensvoll miteinander umgehen, sind Gefühle und belastende Umstände leichter auszusprechen. Eine Atmosphäre von gegenseitigem Respekt hilft außerdem, das weitere Vorgehen gemeinsam abzuwägen.

Wie gehen Ärzte bei der Anamnese vor?

Die Anamnese ist so individuell wie jeder Patient. Wie sie abläuft, richtet sich nach der jeweiligen Situation. Dennoch orientieren sich Ärzte häufig an einem Schema. Die Reihenfolge der einzelnen Punkte kann variieren.

Am Anfang stehen in der Regel die aktuellen Symptome des Patienten. "Was führt Sie zu mir?" lautet eine häufig gewählte Einstiegsfrage des Arztes. Der Patient schildert seine Beschwerden. Der Arzt hört zu und fragt nach, wenn er weitere Details benötigt, um Verdachtsdiagnosen zu stellen und sein Vorgehen bei der weiteren Behandlung des Patienten zu planen.


Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Arzt hilft bei der Anamnese

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Eigenanamnese

In der Eigenanamnese geht es um die Vor- beziehungsweise Krankengeschichte des Patienten. Dazu gehören zum Beispiel Angaben zu früheren Erkrankungen, Operationen, chronischen Gesundheitsstörungen und Allergien. Solche Informationen liefern häufig Hinweise auf die Ursache der aktuellen Beschwerden. Auch vieles, was auf den ersten Blick nicht unter den Begriff "Krankengeschichte" fällt, ist oft von Interesse: So können beispielsweise Informationen über mögliche Schwangerschaften und Fernreisen in der jüngeren Vergangenheit, die sogenannte "Reiseanamnese", unter Umständen bei der Suche nach der Ursache von Beschwerden weiterhelfen.

Familienanamnese

Manche Krankheiten sind genetisch bedingt, oder es besteht zumindest aufgrund der Erbanlagen eine größere Anfälligkeit für diese Erkrankungen. Dazu gehören beispielsweise rheumatische Erkrankungen und bestimmte Krebsarten. Auch sogenannte Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes treten familiär gehäuft auf. Oft haben sie ebenfalls zumindest teilweise genetische Ursachen. Außerdem können sich Patienten im familiären Umfeld an Infektionskrankheiten anstecken. Bei der Familienanamnese fragt der Arzt deshalb nach häufigen Erkrankungen lebender, aber auch nach den Todesursachen bereits verstorbener Verwandter.

Vegetative Anamnese

Dagegen stellt die vegetative Anamnese die Körperfunktionen des Patienten in den Mittelpunkt. Der Arzt fragt, ob Nahrungsaufnahme, Ausscheidungsfunktionen und Atmung auffällig sind beziehungsweise sich in der letzten Zeit verändert haben. Konkret geht es also beispielsweise um Appetitlosigkeit, Übelkeit, Gewichtszu- oder abnahme, Probleme beim Stuhlgang und Wasserlassen und vieles mehr. Auch Fieber, Schlafstörungen und Schwindel sind mögliche Themen der vegetativen Anamnese.


Wer den Namen der eingenommenen Arzneimittel weiß, erleichtert dem Arzt die Medikamentenanamnese enorm

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Medikamentenanamnese

Die Medikamente, die Patienten bereits einnehmen, verweisen auf die aktuelle Therapie bestehender Erkrankungen. Während der Medikamentenanamnese interessiert den Arzt, welche Medikamente der Patient einnimmt, aus welchen Gründen und in welcher Dosierung. Auch Medikamentenallergien kommen hier zur Sprache. Häufig vergessen Patienten, Präparate wie Verhütungsmittel (die "Pille"), Insulin oder freiverkäufliche Arzneimittel zu erwähnen. Für den Arzt ist es jedoch wichtig, auch von solchen Präparaten zu wissen. Sie können beispielsweise die Wirkung anderer Medikamente beeinflussen.

Genussmittelanamnese

Die Genussmittelanamnese hilft dem Arzt, mögliche Risikofaktoren des Patienten abzuschätzen. Alkohol, Zigaretten und Drogen können verschiedene Erkrankungen auslösen oder verschlimmern. Beispielsweise kann hoher Alkoholkonsum zu einer Leberverfettung führen. Viele Patienten empfinden solche Fragen als unangenehm. Gerade hier ist ein vertrauensvoller Gesprächsrahmen von großer Bedeutung.

Sozialanamnese

Die Sozialanamnese beleuchtet die soziale Situation und Rolle des Patienten. Berufliche Risikofaktoren nehmen hier einen wichtigen Platz ein: Sogenannte Berufskrankheiten können durch arbeitsplatztypische Belastungen entstehen. Beispielsweise leiden viele Bäcker unter allergischen Asthmaerkrankungen durch Mehlstaub, dem sogenannten "Bäckerasthma". Doch auch allgemein hohe körperliche und psychische Belastungen im Beruf können Gesundheitsstörungen auslösen. Außerdem fragt der Arzt in der Sozialanamnese, wie umfassend und stabil das soziale Umfeld des Patienten ist: Leidet der Patient unter familiären Konflikten? Erfährt er Unterstützung, wenn er krank ist? Lebt er möglicherweise allein und braucht Pflege?


Manchmal können Angehörige wertvolle Zusatzinformationen beisteuern

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Wie können sich Patienten vorbereiten?

Gerade bei einer längeren Krankengeschichte kann es sinnvoll sein, sich Notizen über bisherige Erkrankungen und Therapien zu machen. Patienten, die wissen, wann sie sich warum bei welchem Arzt oder Krankhaus vorgestellt haben, erleichtern oft die Diagnosefindung. Auch unnötige Doppeluntersuchungen lassen sich mitunter durch genaue Angaben vermeiden.

Oft bringen Patienten bereits eine Liste mit den Medikamenten mit, die sie einnehmen. Dadurch sinkt die Gefahr, versehentlich ein Präparat zu vergessen. Häufig händigen Hausärzte ihren Patienten auf Anfrage eine solche Liste aus, wenn sie sich bei einem anderen Arzt vorstellen müssen. In bestimmten Fällen hilft auch der mitgebrachte Impfpass weiter.

Wann können weitere Personen helfen?

Manchmal kann es sinnvoll sein, dass weitere Personen dem Arzt Auskunft geben. Zum Beispiel, wenn ein Patient in Ohnmacht gefallen ist. Oder wenn es beispielsweise um nächtliche Atemaussetzer geht, weiß der Ehepartner meist genaueres zu berichten. Solche Angaben heißen Fremdanamnese.

Grundsätzlich unterliegt der Arzt der Schweigepflicht. Die Inhalte der Anamnese bleiben also vertraulich.


Quellen:
1. Neurath M, Lohse A: Checkliste Anamnese und klinische Untersuchung, 3. Auflage, Stuttgart Thieme Verlag 2011
2. Seiderer-Nack J, Sternfeld A: Anamnese und körperliche Untersuchung, 3. Auflage, Berlin lehmanns media 2012
3. Füeßl H, Middeke M: Duale Reihe Anamnese und Klinische Untersuchung, 3. Auflage, Stuttgart Thieme Verlag 2005
4. Willms L, Hayer L, Kattner A et al.: Praxisanleitung: Patientengespräch – Kleiner Anamnese-Knigge. In: Via medici 2010, 15: 52-54


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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