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Gesünder Wohnen: Trügerische Gemütlichkeit

„Hyggelig“ soll es zu Hause sein. Aber wer denkt beim Einrichten seiner Wohnung schon an die Schadstoffe im Innenraum?

von Nicole Lauscher, 28.12.2018
Wohnzimmer

Vorsicht: Manchmal dünsten neue Möbel und Teppiche Schadstoffe aus


Es scheint, als wären die Menschen nirgends so glücklich wie in Dänemark. Im World Happiness Report der UN belegen die ­Dänen regelmäßig einen der ersten drei Plätze – Deutschland schafft es nie auch nur unter die Top 10 der glücklichsten Länder.

Der Hygge-Hype

Dabei glauben wir, das Geheimrezept der Dänen längst erkannt zu haben: Sie verstehen sich aufs hyggelig sein. Und Hygge ist "ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht". So schreibt es ­wenigstens Meik Wiking, der das ­Kopen­hagener Institut für Glücksforschung leitet, in seinem Buch, das längst ein Bestseller ist – wahrscheinlich auch, weil es sich so gut auf dem Sofatisch macht.

Hygge bedeutet nichts anderes als Gemütlichkeit. Und die kann doch ­eigentlich nicht so schwierig sein: ein bisschen schöner Wohnen und Kerzenschein?

Rückzug ins Heimelige

Hygge wollen wir Deutschen auch. Seit letztem Sommer haben wir sogar eine Zeitschrift, die so heißt und sich zwischen Architectural Digest und Schöner Wohnen einreiht in die scheinbar unendliche Liste von Wohn- und Deko-Zeitschriften, die es am Kiosk zu kaufen gibt. Inspirationen für mehr Gemütlichkeit sind uns wichtig. Ebenso Kerzen: Zwar ­erreichen wir lange nicht den Pro-Kopf-Verbrauch der Dänen von 4,3 Kilogramm im Jahr 2016. Laut europä­ischem Kerzenverband kam man hierzulande immerhin auf 2,4 Kilo pro Person – Tendenz steigend.

Denn der Trend, es sich zu Hause schön zu machen, ist nicht neu. Vor Hygge hieß er Cocooning. So ­beschrieb die US-amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn in den 1980er-Jahren das Phänomen, dass man sich verstärkt vor der Außenwelt in die eigenen vier Wände verkriecht – wie in einen Kokon. Viele empfinden das Klima in der Welt seither als noch kälter und bedrohlicher. Der Wunsch, es sich zu Hause gemütlich zu machen, ist noch größer geworden.

Vorsicht vor Schadstoffen!

Natürlich glaubt kein vernünftiger Mensch, dass er mit einem behaglichen Zuhause die Welt da draußen nur ein Stückchen besser machen könnte. Was die meisten aber nicht beachten: Die Welt da drinnen macht man mit neuen Kuschelecken, Kerzen und Krimskrams auch nicht besser, sondern vielleicht sogar schlechter. Denn je nachdem, was man sich ins Haus holt, bekommt man einen Haufen Schadstoffe gleich mit.

Schadstoffmonster in der Wohnung

"Bei Luftverschmutzung denken wir zuerst an Autoabgase oder den Rauch von Fabriken. Aber es gibt auch eine Reihe anderer Schadstoffquellen, die die Luftqualität beeinträchtigen. Viele davon finden sich in Wohnungen und Büros" so Professor Prashant Kumar von der University of Surrey (England). "Von Kochrückständen über Farben, Lacke und Pilzsporen – die Luft, die wir drinnen atmen, ist oft sogar stärker verschmutzt als die Luft draußen."

Müdigkeit, Kopfweh, schlechtere Konzentration

Kann Hygge demnach sogar krank machen? "Wirklich krank, zum ­Beispiel im Sinne eines ernst zu nehmenden Lungenleidens oder Krebses – was viele befürchten –, kann die Einrichtung allein nicht machen. Da spielt viel mehr rein, als dass man einen genauen Ursache-Wirkungs-­Mechanismus finden könnte", erklärt Professor Gerhard Wiesmüller, Leiter der Abteilung Infektions- und Umwelthygiene des Gesundheitsamtes der Stadt Köln. "Aber Befindlichkeitsstörungen wie gereizte Schleimhäute, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten oder erhöhte Müdigkeit können in einigen Fällen schon damit zu tun haben, wie man sich einrichtet."

Wichtig ist bei allem Cocooning, das man seinen Kokon regelmäßig öffnet und viel frische Luft rein und die Schadstoffe raus lässt. Und ­natürlich kann man sich vor neuen Schadstoffen schützen, indem man nicht ständig was Neues anschafft. Dann macht Hygge aber nur halb so viel Spaß. Ein Flohmarkt bietet eine tolle Möglichkeit, Möbel zu kaufen, die schon ­einen Großteil der Schadstoffe ausgedünstet haben. Wenn es doch etwas Neues sein soll: Auf ­Gütesiegel achten.

Empfehlenswerte Gütesiegel

"Der blaue Engel ist besonders gründlich, aber auch das LGA-­tested Prüfzeichen vom TÜV hat Grenzwerte für die bekanntesten Schadstoffe, die deutlich unter dem gesetzlichen Grenzwert liegen", sagt Manuel Fernández, der beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) für die Chemikalienpolitik zuständig ist. Die gesetzlichen Vor­gaben reichen seiner Meinung nach nämlich nicht aus, um emissionsarme und gesundheitsverträgliche ­Möbel zu garantieren. "­Völlige Schadstoff-Freiheit wird man aber auch mit den Gütesiegeln nicht erreichen."