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Wetterfühligkeit: Immer dieses Wetter

Die Hälfte der Deutschen hält sich für wetterfühlig. Doch nicht für alle Symptome bei und vor einem Wetterwechsel hat die Wissenschaft eine Erklärung

von Konstanze Faßbinder, 29.03.2019
Wetterfühligkeit

Wetterumschwung: Manche Menschen leiden dann unter Schwindel, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und mehr


Klar, jeder Mensch reagiert auf das Wetter: Wir frieren, wenn es kalt ist. Wir bekommen Sonnenbrand, wenn wir zu lange in der Sonne liegen. Wir sind müde, wenn es dauerhaft bewölkt und dunkel ist. Oder die Augen tränen, weil uns der Sturm ins ­Gesicht weht. Das sind normale Reaktionen unseres Körpers auf äußere Einflüsse wie Temperatur, UV-­Strahlung und Wind. "Jeder gesunde Mensch ist ­wetterreagierend", sagt Meteorologe Professor Andreas Matzarakis, Leiter des Zentrums für Medizin-meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdiensts in Freiburg. "Und das rund um die Uhr." ­

Wer hingegen wetterfühlig ist, leidet 
vor allem bei Wetterwechsel unter 
Symptomen. Das kann etwa bei Föhn sein, wenn die Temperatur rasch 
steigt, oder wenn ein Tief heranrückt, das sich in der Regel durch eine Warmluftfront ankündigt. Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Schwindel, Schlafstörungen und ­Nervosität zählen laut Umfragen zu den häufigsten Beschwerden. Experten wie Matzarakis sind überzeugt: Das vegetative Nervensystem, das man nicht willentlich steuern kann, steckt bei manchen Menschen dahinter. Es reagiert empfindlich auf sich schnell ändernde ­Gegebenheiten.

Witterung ist nur ein Faktor

Doch Matzarakis grenzt ein: ­Die ­Witterung ist stets nur einer von vielen Faktoren, die das persönliche Befinden beeinflussten. Schließlich sei der menschliche ­Organismus in Wechselwirkung mit seiner Umgebung, und die bestehe nicht nur aus der Witterung, sondern aus verschiedenen ­Einflüssen wie Luftverschmutzung oder Lärm.

Und es kommen persön­liche Umstände wie Stress, der 
momentane Gesundheitszustand, der Hormonhaushalt oder Biorhythmus hinzu. "Wie habe ich geschlafen, wie bin ich in den Tag gestartet – all das spielt eine Rolle, ob ich Kopfweh ­bekomme oder nicht."

Nicht im Labor nachweisbar

Während zwischen Sonnenbrand und UV-Strahlung ein ursächlicher Zusammenhang mit klaren Wirkmechanismen besteht, ist es nahezu unmöglich, Wetterfühligkeit im Labor nachzuweisen. Der Schweizer Atmosphärenphysiker Hans Richner ist nicht der Einzige, der den Zusammenhang zwischen Witterung und Beschwerden deshalb für subjektiv empfunden hält. "Nur weil der Verbrauch von Himbeereis und die Häufigkeit von Sonnenbrand an einem heißen Sonnentag beide steigen, würde niemand behaupten, dass Himbeer­eis zu essen Sonnenbrand verursacht", kritisiert der emeritierte 
Professor vom Institut für Atmosphäre und Klima an der ETH Zürich.

Jahrzehntelang hat er zu dem Thema geforscht und meint damit: Wissenschaftliche Studien zur Wetterfühligkeit würden immer nur Korrelationen zeigen, keine kausalen Zusammenhänge. Prognosen zum Biowetter, die bei bestimmten Wetterlagen vor ­Symptomen warnen, steht er deshalb sehr skeptisch gegenüber.

Abhärten mit Outdoor-Aktivitäten, Sport und Sauna

Auch Meteorologe Matzarakis kann nur auf Korrelationen verweisen. ­Diese seien aber gut belegt, sagt er. Und: "Die Leute bilden sich ihre ­Symptome ja nicht ein." Jedoch könne jeder Betroffene aktiv etwas gegen die Beschwerden tun: Häufig hat der Körper dadurch, dass wir ständig drinnen sind und uns in klimatisierten Räumen aufhalten, verlernt, mit der Witterung draußen umzugehen. Er kann sich nicht mehr schnell und problemlos anpassen.

Matzarakis empfiehlt deshalb, regelmäßig – und vor allem bei jedem Wetter – rauszugehen. Auch regelmäßige Saunagänge, Wechsel­duschen und Ausdauersport trainieren die Blutgefäße und fordern das vegetative Nervensystem, das deren Regulation steuert. Der Effekt: Abhärtung.

Wetterempfindliche leiden auch

Neben den Wetterfühligen gibt es noch eine zweite Gruppe von Menschen, die unter der Witterung leiden: die Wetterempfindlichen. Bei ihnen verstärken bestimmte Wetterlagen bestehende Beschwerden, die durch chronische Krankheiten oder Verletzungen verursacht wurden, sagt Andreas Matzarakis.

Das Ergebnis: rheumatische oder arthritische Gelenke schmerzen bei niedrigen Temperaturen mehr, da Sehnen, Knorpel und Gelenkflüssigkeit weniger geschmeidig sind. Und das Risiko für einen Herzinfarkt ist bei vorbelasteten Patienten höher, weil Kälte zu einer Gefäßverengung führen kann.

Keine Erklärung für Vorfühligkeit

Wetterempfindlichkeit gilt inzwischen als wissenschaftlich gut belegt. Auch Richner sieht hier in der Studienlage Anzeichen für Zusammenhänge.

Dass manche Wetterempfindlichen jedoch "vorfühlig" sind, also schon vor Umschwüngen Veränderungen spüren, sei physikalisch nicht erklärbar: Die häufig verdächtigten Sferics – elektro­magnetische Wellen, die bei Wetterwechsel entstehen – hätten eine zu geringe Feldstärke am Körper, als dass sie sich mit elektrischen ­Nervenreizen überlagern und Beschwerden im ­Körper auslösen könnten. Und würden atmosphärische Druckschwankungen sich negativ auswirken, müsste ­gleiches auch bei einer Aufzugfahrt passieren. "Ob es eine Vorfühligkeit gibt, weiß auch ich nicht", sagt er. Trotzdem: Falls es sie gebe, sei man sicher noch weit davon entfernt, sie zu verstehen.

Der Mensch und das Wetter, jeder für sich ein kompliziertes Phänomen – zumindest darauf könnten ­Richner und Matzarakis sich einigen.