Elefantenohr, Pfeilblatt, Glücksfeder und Efeutute bringen Leben in die Bude. Das Grünzeug thront auf Beistelltischchen, hängt von Regalen herab oder wuchert dekorativ an der Wand. In sozialen Medien schwärmen Menschen vom "Urban Jungle", vom Dschungel in der Stadt. Sie arrangieren Kakteen und Blattpflanzen zu einem wild wuchernden Miniwald und stellen massenweise Bilder davon ins Internet. Von der "Babyplant" im Kleinformat bis zur zwei Meter hohen Palme – alles ist dabei.

Verbindung zwischen Mensch und Natur

In diesem Trend, der vor allem die jüngere Generation gerade gepackt hat, sieht Dr. Andreas Gröger die Entfremdung des modernen Menschen von der Natur gespiegelt. "Hier offenbart sich die Sehnsucht nach Grün, die ganz tief in uns verwurzelt ist", so der Tropenbiologe. Er ist wissenschaftlicher Kurator des Botanischen Gartens München-Nymphenburg und hat dort eine Ausstellung über Zimmerpflanzen konzipiert.

Eine Pflanze im Kübel und echte Erde an den Händen, das kann uns wieder ein wenig mit der Natur verbinden, die in der Stadt oft weit weg ist. Das stärkt auch das seelische Wohlbefinden. Forschungsarbeiten zeigen, wie wichtig der Blick ins Grüne für die Gesundheit des Menschen ist.

Bereits 1984 wies der Architektur-Professor Roger S. Ulrich nach, dass sich Patienten nach einer Operation im Krankenhaus schneller erholen, wenn sie beim Blick aus dem Fenster eine natürliche Umgebung sehen. Die Aussicht auf ­eine Ziegelwand ließ die Genesung langsamer ablaufen.

Grünzeug für bessere Luft?

Dass Zimmerpflanzen dazu beitragen, das Raumklima zu verbessern, indem sie sogenannte flüchtige organische Verbindungen wie etwa Form­aldehyd aus der Luft filtern, scheint jedoch ein Mythos zu sein. Das geht aus einer Studienanalyse hervor, die kürzlich im Fachmagazin Journal of Exposure Science & Environmental Epidemiology veröffentlicht wurde.

Das Ergebnis: Um dieselbe Luftqualität zu erreichen wie nach einer  Stunde Lüften, wären zehn bis tausend Pflanzen pro Quadratmeter  Bodenfläche nötig. Eine ernst zu nehmende Konkurrenz zum Fensteröffnen  ist das Grünzeug im Topf also nicht.

Werden Zimmerpflanzen nicht optimal gepflegt, können sie der Gesundheit empfindlicher Menschen sogar eher schaden. Zeigt sich zum Beispiel weißlicher Schimmelbelag auf zu feuchter Blumenerde, sollten Pflanzen vorsichtshalber umgetopft werden.  Die Schimmelsporen können ansonsten in die Raumluft geraten und vor allem bei Allergikern Atembeschwerden verursachen.

Die Welt im Pflanzen-Fieber

Nichtsdestotrotz ist das grüne Glück im Topf gerade in – mal wieder. Im 19. Jahrhundert gelangten tropische Pflanzen erstmals in größerem Umfang auf dem Seeweg nach Europa. Sammelwütige Botaniker wie Alexander von Humboldt befeuerten mit Büchern, Handschriften und Zeichnungen das Interesse der Normalbürger an den farbenprächtigen Exoten. Der Brite Nathaniel Ward importierte als einer der ersten die  natürlichen Schätze vom anderen Ende der Welt.

Besonders begehrt waren  Farne und Orchideen für Privatsammlungen, die Ward in  Miniatur-Gewächshäusern verschiffte. Sie waren die Prestige­objekte  eines betuchten Bürgertums, das mit der Industrialisierung erstarkte und  es sich leisten konnte, in Verhältnissen zu wohnen, die auch Pflanzen  schätzen: "Die meisten brauchen viel Licht und konstante Wärme", sagt  Experte Gröger.

Trendgewächse

In Mode kam vor 150 Jahren zum Beispiel das Fensterblatt (Monstera), das auch heute wieder viele Hobbygärtner entzückt. "Für eine Arbeiterfamilie dagegen war der Wiesenblumenstrauß auf dem Tisch das Höchste der Gefühle", berichtet Gröger. Diese Familien lebten in dunklen und schlecht geheizten Häusern. "Das übersteht keine noch so robuste Pflanze."

Im Jahr 2018 gaben die Bundesbürger pro Kopf 105 Euro für Blumen und  Pflanzen aus, etwa ein Fünftel davon für Zimmerpflanzen. Der Lebensstil  des modernen Menschen, der oft unterwegs ist und wenig Zeit hat, prägt  die Ansprüche an das Grün, das im heimischen Dschungel sprießen darf.  "Die Pflanzen sollen lange halten, bei ganz geringem Pflegeaufwand",  analysiert Martin Weimar, Zierpflanzengärtner aus Oberschleißheim, die  Wünsche seiner Kunden.

Deshalb seien wasserspeichernde Pflanzen  und Dickblattgewächse gerade sehr angesagt. "Die machen außerdem optisch  sehr viel her." Auch andere Trendgewächse wie die Glücksfeder  (Zamioculcas) verzeihen einen nicht ganz so grünen Daumen. Sowieso ist  weniger Pflege manchmal mehr, sagt Martin Weimar. Sein oberstes Gebot  der Zimmerpflanzenpflege: "Lieber weniger gießen als zu viel." Dann hat  auch der Schimmel keine Chance.

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