Maja Dvorak hat zum Beruf gemacht, wovor viele sich drücken. Die Münchnerin ist professioneller Aufräumcoach. Gemeinsam mit ihren Kunden entrümpelt sie zugestellte Keller, sortiert Papierstapel, fischt Lieblingsteile aus dem übervollen Kleiderschrank. "Bei meinen Klienten kommen viele Erinnerungen hoch. Der Prozess ist oft emotional, manchmal fließen Tränen."

Platz für das eigene Leben schaffen

Besonders schwer fällt es vielen zum Beispiel, sich von alter Sportausrüstung zu trennen. Die Skier, die im Keller verstauben, sind mit der Hoffnung verknüpft, sich eines Tages wieder auf die Piste zu schwingen. Am Schachspiel wiederum hängt man wegen des verstorbenen Vaters. Ihm war man, ins Spiel versunken, doch einst so nah. Die Gegenstände erinnern an eine Vergangenheit, die man nicht loslassen möchte.

Dvorak fragt dann: "Was gehört jetzt zu Ihrem Leben? Diesen Dingen  sollten Sie Platz einräumen." Schließlich wohnen Erinnerungen im Kopf  und im Herzen. Und bleiben dort – selbst wenn man sich von Gegenständen  trennt.

Sich vom Stress befreien

Dvoraks Kunden möchten etwas ändern. "Oft haben sie einen  hohen Leidensdruck. Die Hemmschwelle ist groß, sich mit Angesammeltem,  also mit uns selbst auseinanderzusetzen."

Der Prozess des Aussortierens  ist anstrengend: behalten oder wegwerfen? Doch die Mühe lohnt sich.  Danach fühlt man sich erschöpft, aber unendlich erleichtert. Als wäre  nicht nur die Wohnung, sondern auch der Kopf entrümpelt.

"Die Menschen haben sich durch das Ausmisten von einem Stressfaktor  befreit", erklärt Corinna Peifer. Die Junior-Professorin für Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum weiß, warum unser Gehirn sich von  uner­ledigten Aufgaben ablenken lässt: Wir streben danach, Dinge zu  beenden.

Unerledigtes bleibt länger im Kopf

Das hat schon 1927 die russische Psychologin Bljuma  Zeigarnik beschrieben. Sie ließ Studienteilnehmer 18 einfache  Tätigkeiten verrichten, etwa Pappschachteln falten oder Ton­figuren  formen. Alle Probanden wurden bei ihren Aufgaben unterbrochen. An die  unvollendeten erinnerten sie sich danach fast doppelt so gut wie an die  erledigten.

Während wir Abgeschlossenes gut vergessen können, entwickeln unerledigte  Aufgaben, Sorgen und unterdrückte Gefühle ein Eigenleben. Immer wieder  wandern die Gedanken dorthin. Wir lesen ein Buch – und plötzlich ist da  der Gedanke an die Kisten im Keller, die man schon längst aussortieren  wollte. Wir gehen zum Essen mit Freunden – und müssen den ganzen Abend  nur an den Konflikt mit der Kollegin denken, der seit Tagen ungelöst  ist.

Sich den Aufgaben stellen

"Mit Unerledigtem schaffen wir es weniger gut, uns komplett in etwas anderes zu vertiefen", so Peifer. Auch Entspannen falle schwerer. Mit Forschern der Uni Trier zeigte sie: Wer seine Ziele in der Arbeitswoche nicht erreicht, schläft am Wochenende schlechter.

Deshalb ist es besser, sich unangenehmen Themen aus der Vergangenheit zu stellen. Zum Beispiel nach ­einem Streit ein klärendes Gespräch zu suchen. Genau wie das Ausmisten der Wohnung kostet auch seelisches Ausmisten Energie. Zur Belohnung können wir uns aber endlich wieder ganz auf Neues einlassen – und darin aufgehen.

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