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Die ehemalige Trainerin der Frauen-Fußballnationalmannschaft Martina Voss-Tecklenburg fiel nach dem frühen Aus bei der Weltmeisterschaft 2023 in ein tiefes Loch. Doch die 56-Jährige fand Kraft für einen Neuanfang. Im Interview spricht sie über ihre Vorbilder und Prägungen, den Druck durch soziale Medien und warum sich Trainerinnen und Trainer öfter eine Auszeit gönnen sollten.

Frau Voss-Tecklenburg, wann haben Sie zuletzt von Fußball geträumt?

Martina Voss-Tecklenburg: Ach, gar nicht lang her: vor ein paar Tagen. Ich war Trainerin und die Frauennationalmannschaft war dabei. Aber ich bekomme es nicht mehr zusammen. Es war jedenfalls kein Albtraum.

Das ist gut. Wie sehen Ihre Tage denn zurzeit so aus?

Voss-Tecklenburg: Ich bin als Speakerin, Beraterin und Fernseh-Expertin unterwegs und ich bin Botschafterin für die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland im Juni. Ich habe keine Langeweile, aber ausreichend Freiräume.

Schauen Sie jetzt besser auf sich?

Voss-Tecklenburg: Das war absolut notwendig: behutsamer mit mir und meinen Ressourcen umzugehen. Ich habe die letzten Jahre viel kompensiert. Ich war immer wieder krank, schlief schlecht, hatte Migräneattacken. Aber ich habe das nicht zugelassen, immer weiter gepowert. Es war ja auch schön: Ich habe so viele Dinge erleben dürfen, nur leider nicht auf die Warnsignale gehört …

… bis daraus ein Großalarm wurde, direkt nach dem Ausscheiden bei der WM der Frauen.

Voss-Tecklenburg: Dann hat mein Körper den Stecker gezogen. Ich bin bald schon in die Reflexion gegangen, mit einem Psychologen und mit engsten Vertrauten. Meine ehemaligen Trainerkolleginnen Britta Carlson und Birgit Prinz haben mir einiges gespiegelt, sodass ich heute sage: Ich möchte und werde bestimmte Dinge nicht mehr zulassen.

Was zum Beispiel?

Voss-Tecklenburg: Mir sind Vertrauen ganz wichtig, Zuspruch, Aufrichtigkeit, konstruktive Kritik. Noch mal Trainerin werden? Da müssen die genannten Faktoren echt gut passen.

Also kein großer Bogen um den Fußball seit dem Zusammenbruch?

Voss-Tecklenburg: Dafür liebe ich den Sport viel zu sehr. Aber ich bin mittlerweile bereit, meiner Gesundheit zuliebe auf manches zu verzichten.

Muss man ein bisschen bekloppt sein, um Fußballtrainerin auf internationalem Niveau zu werden?

Voss-Tecklenburg: (lacht) Na ja, man muss es lieben. Ich weiß um die belastenden Dinge, den Druck von außen. Mit zunehmender Sichtbarkeit gibt es immer mehr Menschen, die sich anmaßen, über dich zu urteilen.

Kann man den Sport-Nachwuchs auf so etwas vorbereiten?

Voss-Tecklenburg: Ich versuche in einem neuen Projekt, junge Menschen und ihr Umfeld dafür zu sensibilisieren, mit diesem Digitalisierungs- und Medienstress umzugehen. Es ist Arbeit, sich als Profisportler oder -sportlerin in den sozialen Medien zu bewegen. Und man wird schnell vom Konsumenten zum Produzenten.

Haben Sportlerinnen und Sportler nicht Leute, die Social Media für sie erledigen?

Voss-Tecklenburg: Teils, teils. Gerade am Anfang müssen sie begleitet werden: Wann poste ich was? Welche Aussagen mache ich? Wie gehe ich mit Kritik um, mit Alltagsrassismus? Zur Frauenfußball-WM 2023 hatten wir auf einmal fünf Leute für Content dabei, plus zwei für Social Media. Diese Leute wollen ja auch ständig was. Da müssen wir die Sportler und Sportlerinnen begleiten und schützen.

Ich bin mittlerweile bereit, meiner Gesundheit zuliebe auf manches zu verzichten

Dann ist man plötzlich Mutti und streitet über Bildschirmzeiten?

Voss-Tecklenburg: Ich wollte immer, dass die Spielerinnen nach ihrer Überzeugung handeln und nicht weil irgendwas vorgegeben wird. Eine frühere Spielerin schrieb mir kürzlich, dass ich die Erste gewesen sei, die ihr was zugetraut hat. Sie wäre ohne mich nicht die Person, die sie heute ist. Das ist doch das beste Kompliment, das du bekommen kannst.

Wer hat Sie geprägt?

Voss-Tecklenburg: Mein früherer Trainer im Fußballverband Westfalen, Helmut Horsch. Der hat mir bei allen Lebenskrisen zugehört. Und ohne meine Familie hätte ich viele Wege gar nicht gehen können: Ich war 15 Jahre lang alleinerziehende Mutter für meine Tochter, habe 100 Prozent gearbeitet und war 100 Prozent Profifußballerin.

Und von über 200 Prozent zurück auf null – sitzt der Schmerz noch irgendwo?

Voss-Tecklenburg: Der saß sehr tief. Aber da ich gut betreut war, ist es mir recht schnell gelungen, wieder zu mir zu kommen und auf das Positive zu blicken. Das schaffe ich glücklicherweise ganz gut, beruflich wie privat: Ich habe zum Beispiel zu all meinen langjährigen Partnern und Partnerinnen einen tollen Kontakt. Und ich bin stolz auf das, was ich mit der Frauen-Mannschaft geschafft habe.

War das eine Blutgrätsche des Lebens, die Sie da umgehauen hat?

Voss-Tecklenburg: Blutgrätsche wäre mir zu hart. Und doch hat es mir große Angst gemacht, plötzlich nicht mehr zu funktionieren. Meinen Zustand zu akzeptieren und ihn auszuhalten, war wohl das größte learning.

In einem Satz – was vermissen Sie?

Voss-Tecklenburg: Aktuell gar nicht so viel. Klar stehe ich gern auf dem Platz. Andererseits: Ich hatte das die letzten 30 Jahre. Also alles gut.

Was vermissen Sie so gar nicht?

Voss-Tecklenburg: Fremde Hotelbetten. Ich schlafe woanders extrem schlecht.

Haben Sie ein Trainervorbild?

Voss-Tecklenburg: Jürgen Klopp, ganz klar. Er schafft es, Leidenschaft und hohe soziale Kompetenz bei seiner Arbeit in Einklang zu bringen. Wir beide haben seit Jahren einen guten Kontakt zueinander.

Diese Arbeit geht nur temporär. Aber viele haben Angst, weg vom Fenster zu sein.

Spannend, dass Sie ihn erwähnen. Er hat seinen Rücktritt beim FC Liverpool damit begründet, dass ihm die Energie ausgeht und er eine Auszeit nehmen wird.

Voss-Tecklenburg: Tolles Statement, oder? Solche Vorbilder brauchen wir. Es wäre wichtig, dass sich Trainerinnen und Trainer öfter Auszeiten gönnen. Diese Arbeit geht nur temporär. Aber viele haben Angst, weg vom Fenster zu sein. Und doch beziehen mehr und mehr Stellung zu psychischer Gesundheit. Wir müssen auch über unsere Ausbildung nachdenken. Es fängt ja in den Nachwuchsleistungszentren an: Spieler wissen kurz vor Saisonende nicht, was aus ihnen wird. Dabei ist da immer ein Mensch dahinter.

Neben psychischer Gesundheit noch ein Tabu-Thema im Fußball: Homosexualität. Viele Fußballerinnen gehen offen mit ihren Beziehungen zu Frauen um. Warum ist das bei Männern nahezu undenkbar?

Voss-Tecklenburg: Nicht leicht, diese Frage zu beantworten. Als Frau. Als ich mit Inka Grings zusammen war (ehem. deutsche Nationalspielerin, Anm. d. Red), wollte ich keine Beziehung im Geheimen leben. Für mich steht immer der Mensch, den ich liebe, im Vordergrund. Ich beobachte aber, dass Tabus aufbrechen. Diese Riesenangst vor Diskriminierung muss nicht mehr sein. Wenn Spieler unzählige Vorkehrungen treffen müssen, damit ihr Privatleben nicht an die Öffentlichkeit kommt, sie sogar Scheinbeziehungen eingehen – ist das leistungsfördernd? Das bezweifle ich.