Herr Gottschalk, Ihre Karriere begann beim Radio. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie Musik aus den 1960er- und 1970er- Jahren hören? Was fühlen Sie dann?

Es ist ein alter Hut, dass die musikalische Sozialisierung im Teenageralter stattfindet. Klar, dass mir die Musik der 60er und 70er näher ist als das, was heute in den Charts läuft. Das hört sich für mich alles sehr ähnlich an. Eric Clapton und Jimi Hendrix konnte man nicht verwechseln. Abba und Queen auch nicht.

Sind Sie dem 20-jährigen Musikfan aus Kulmbach, der Sie einmal waren, immer noch sehr nahe?

Ich war mir zu allen Zeiten und in jeder Beziehung immer sehr nahe, weil ich mich nur äußerlich verändert habe. Innerlich aber so ziemlich der gleiche Mensch geblieben bin, der ich mit zwanzig war.

Was vermissen Sie am Unterhaltungsfernsehen heute im Vergleich zu früher? Als jemand, der im Fernsehen arbeitet – und als jemand, der selbst fernsieht?

„Wetten, dass ..?“ macht keinen Zuschauer zu einem besseren Menschen, das weiß ich. Aber wir richten keinen Schaden damit an. Man kann mir nicht erzählen, dass ein Erfolgsformat wie „Squid Game“, wo dauernd Menschen gekillt werden, nicht seine negativen Spuren in der Psyche junger Menschen zurücklässt. Es wird im Fernsehen heute mehr getötet als geblödelt. Das ist nach meiner Überzeugung auch nicht der Sinn von Fernsehunterhaltung.

Sie haben sich in der Vergangenheit auch schon mal kritisch über Influencer in den sozialen Medien und Reality-Stars geäußert. Was könnten Sie ihnen in Sachen Unterhaltung beibringen?

Ich kann und möchte niemandem etwas beibringen. Das ist Sache von Eltern, die ja jeder hat oder mal hatte. Es gab zu meiner Teenagerzeit einen Song der amerikanischen Rockband The Byrds, der hieß „Wasn’t born to follow“ – das ist auch mein Motto geworden. Jemandem nachzulaufen, der Schmink- oder Kochtipps für mich hat, würde mir nicht einfallen.

Der Erfolg der „Wetten, dass ..?“-Sendung vom vergangenen Jahr zeigt: Anscheinend machen die Menschen gerne mit Ihnen eine Pause von der Wirklichkeit und möchten vielleicht ein schönes Gefühl wiederherstellen. Hätten Sie gedacht, dass die Sendung so erfolgreich sein wird?

Wir versuchen ja nicht ein Gefühl von gestern herzustellen, und ich will mit den ­neuen Folgen von „Wetten, dass ..?“ auch keine Pause von der Wirklichkeit machen. Sondern wir bemühen uns, das, was gestern funktioniert hat, einer neuen Genera­tion nahezubringen. Es haben 2021 ja mehr Junge als Alte zugeschaut! Kann sein, dass ich ein Relikt aus vergangenen Fernseh­zeiten bin und manche älteren Leute mögen sich gefragt haben: „Lebt denn der alte Holzmichel noch …?“, bevor sie eingeschaltet haben. Ja, er lebt noch!

Erhöht der Erfolg aus dem vergangenen Jahr den Druck für die nächste Sendung am 19. November?

Der Druck gehört zu meinem Geschäft. So viele Zuschauer wie im letzten Jahr werden es diesmal nicht werden. Ich habe oft we­niger eingespielt, als man von mir erwartet hatte, manchmal mehr und selten viel mehr. Bei der letzten „Wetten, dass ..?“-Sendung war das so. Ich hatte schon darauf gehofft, dass uns viele sehen wollen, aber dass es dann fast 15 Millionen waren, hat mich doch sehr überrascht – und natürlich sehr gefreut.

Die Gewohnheiten beim Zuschauen sind heute andere als früher: Die Aufmerksamkeitsspanne ist angeblich kürzer, die Menschen sitzen zwar vor dem Fern­seher, aber mit einem Second Screen – lesen zum Beispiel gleichzeitig am Smartphone. Beeinflusst Sie das in der Vorbereitung oder beim Moderieren?

In der Vorbereitung beeinflusst mich wenig, weil ich mich nicht vorbereite. Das hat nichts mit meiner Faulheit zu tun, die meine Mutter schon beklagte, sondern ich halte das in der Live-Unterhaltung auch für unsinnig und überflüssig. Der Chirurg bereitet sich auf die Operation ja auch nicht vor, indem er am Tag davor Hühnchen zerlegt. Er kann es, oder er sollte es im Interesse seines Patienten ganz bleiben lassen. Und was die Aufmerksamkeitsspanne betrifft: Bei „Wetten, dass ..?“ wird niemand überfordert. Da kann man schon nebenbei noch etwas anderes machen. Ich nicht, denn ich bin die meiste Zeit im Bild.

Was hat Sie überzeugt, sich auf das „Wetten, dass ..?“-Revival noch einmal einzulassen?

Ich habe von so vielen Menschen gehört, dass sie die Show vermissen. Da konnte ich nicht Nein sagen, als mich das ZDF gefragt hat, ob ich noch mal ranwill.

Würden Sie sagen, Sie sind ein ­nos­talgischer Mensch?

Ich trauere dem, „was war“, nicht hinterher, aber ich bin mir im Klaren darüber, dass ich die besten Jahrzehnte erlebt habe, die Deutschland zu vergeben hatte. Insofern schaue ich mit einer klaren Erkenntnis in den Rückspiegel: Besser wird’s nicht.

Gibt es eine Erfahrung, die Sie gerne noch einmal erleben würden?

Nein, was ich erlebt habe, ist auf meiner Festplatte eingebrannt. Das kann mir keiner mehr nehmen und ich muss keine Erfahrung zweimal machen. Jetzt schaue ich mit großer Neugier dem entgegen, was noch kommt.

Was glauben Sie: Warum erinnern wir uns so gern an früher, warum möchten wir in dieses Gefühl immer wieder eintauchen?

Ich glaube, man fühlt sich einfach wieder jung, wenn man mit dem konfrontiert wird, an was man sich gerne erinnert. Mein erstes Album war „Revolver“ von den Beatles. Ich höre es heute noch gerne.

Wann tut diese Art der Nostalgie gut – und wann schadet sie?

Sie tut dann gut, wenn man sich an schöne Dinge erinnert, aber gleichzeitig weiß, dass diese Zeit vorbei ist. Sie ist dann schädlich, wenn man glaubt, man könne die Vergangenheit zurückholen, indem man sie noch einmal durchlebt. Das wird nicht funktionieren. Ich weiß, dass nur noch zwei der Beatles leben und dass beide über 80 sind. Trotzdem höre ich den Song „Eleanor Rigby“ immer wieder gerne und fühle mich dabei wie sechzehn.

Zuletzt in einer Apotheke war ich …

… bevor ich in den Urlaub gefahren bin, um eine antiallergische Sonnencreme zu kaufen.

In meiner Reiseapotheke fehlen nie …

… Kopfschmerztabletten und mein Medikament gegen Bluthochdruck.

Mein bester Gesundheitstipp …

… mit Gott fang an, mit Schalk hör auf …

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