Baby und Familie

Kürzlich wandte sich eine Kollegin an mich. Es ging nicht darum, Ratschläge zu geben, sondern darum, ­zuzuhören. Die Kollegin hat drei Töchter wie ich und mit der Kleinsten gerade, nun ja, ein paar Meinungsverschiedenheiten.

Die Kleinste nämlich findet, dass sie nicht mehr klein ist, sondern groß. Sie begründet das zum Beispiel damit, dass sie ja nicht mehr ein, sondern schon drei Jahre alt ist, wogegen sich schwer etwas sagen lässt. Zudem gehört sie in der Krippe schon länger zu den Großen, weshalb sie auch bald in den Kindergarten kommt, wobei sie, wie meine Kollegin erzählte, kaum vom Kindergarten spricht, sondern mehr von der Schule.

Fast schon ein Schulkind

Denn weil sie bald in den Kindergarten geht, ist sie im Grunde schon  fast ein Schulkind – womit sie, das sagt ihre Mama ja selber immer, eine  Große wäre. Man schreibt dann nämlich, und wer schreibt, ist groß und  darf zum Beispiel alleine die ­Straße runterlaufen und sich ein Eis  kaufen. Oder hoch auf Bäume klettern.

Darin ist die Kleine nämlich auch schon ganz groß, was mich sehr an  unsere Kleinste erinnert. Die denkt auch, sie sei mit ihren nicht einmal  zwei Jahren schon groß. Sie vom Gegenteil überzeugen zu wollen, endet  regelmäßig in – ja, richtig – großem Protest, einem viel größeren  übrigens, als es bei unserer Großen und Mittelgroßen jemals der Fall  war.

Vielleicht, denke ich, will man einfach groß sein, wenn zwei Größere  vor einem sind, was ja dazu führt, dass man immer der oder die Kleinste  ist, auch mit 50 Jahren noch.

Noch Größer

Unsere Älteste hat übrigens ein ganz eigenes Verständnis davon, was  Größe bewirkt: Anstatt ­Dinge auszuprobieren, bis sie sie beherrscht,  sagt sie oft, sie sei einfach noch nicht groß genug, sie ­müsse noch  größer werden. Mit dem Ergebnis, dass die Mittelgroße schon pfeifen kann  und sie nicht – ein Drama, sogar ein ganz, ganz großes.

Mit diesem Schulkind-Ding fing meine Kollegin jedenfalls vor allem  deshalb an, weil sie den Fehler der Willkür begangen hatte: ­­Wollte die  Kleine sich nicht selbstständig anziehen, ­sagte sie ihr, sie sei doch  eine Große. Doch kaum verlangte das Kind nach etwas Süßem wie die  Großen, war sie die Kleine.

Ist das Willkür?

"Aber gehen Kinder nicht auch willkürlich vor?", fragte meine  Kollegin. Zum Beispiel wüsste die Kleine gut, dass Große nicht getragen  werden. Kaum solle sie selber laufen, sei sie also ganz klein. Und auch  abends sei sie nie eine Große, weil Mama sich dann beim Einschlafen nicht neben sie legen würde – was die Mama übrigens auch nicht gut  fände.

"Eigentlich", sagte die Kollegin schließlich, "bin ich froh, dass die  Kleine noch nicht so groß, sondern noch ein bisschen klein ist."

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