Bundeskanzlerin Angela Merkel kann Zischlaute nicht klar aussprechen, Ex-Kanzler Helmut Kohl lispelte, und über das Stottern des britischen Königs George VI. gibt es gar einen oscarprämierten Kinofilm. Probleme mit der Artikulation oder flüssigem Reden sind häu­figer als gedacht und betreffen auch Menschen, die viel vor Publikum sprechen müssen.

Schätzungsweise eine Million Deutsche stottern oder poltern. Eine Studie der Universität Leipzig unter rund 5400 künftigen Lehrern belegte: Rund 16 Prozent der Probanden zeigten unterschiedliche Störungen beim Sprechen.

"Grundsätzlich ist eine Behandlung auch im Erwachsenenalter noch möglich", erklärt Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie. Allerdings erfordert sie meist wesentlich mehr Zeit als bei Kindern. Eine Therapie ist zu empfehlen, wenn die Störung als belastend empfunden wird.

Häufig hapert die Motorik

Sonja Utikal: "Leidensdruck kann entstehen, wenn sich zum Beispiel Familienangehörige oder Kollegen über den Sprechfehler lustig machen. Betroffene berichten häufig von ihren großen Anstrengungen, um Alltagssituationen wie Telefonate oder berufliche Vorträge zu umgehen."

Hinter einer Sprechstörung stecken keinesfalls mangelnde Intelligenz oder psychische Probleme, stellt die Logopädin klar. Die Ursache seien Probleme mit der motorischen Ausführung von Sprachlauten. Damit ist das Zusammenspiel zwischen Luftstrom, Stimme sowie der Stellung und Bewegung von Lippen, Zunge, Wangen und Zähnen gemeint.

Die häufigste Artikulationsstörung betrifft die klare Aussprache unterschiedlicher Zischlaute, wie sie zum Beispiel in dem Satz "Susi isst zu schnell ein süßes Eis" vorkommen. Fachleute sprechen hier von Sigmatismus. Bei einer Form davon entweicht zum Beispiel die Luft seitlich in die Wangen statt über die Zunge. Bei einer anderen Form, dem "Lispeln", wiederum liegt die Zunge zu nah an den Vorderzähnen.

Sprechen will gelernt sein

Die erste Anlaufstelle für Betroffene ist meist der Hausarzt. Er überweist für die weitere Diagnostik zu einem Facharzt. Anschließend übernehmen spezialisierte Logopäden die Therapie. Die Kosten dafür erstattet in der Regel die gesetzliche Krankenkasse.

Ziel ist es, die gewohnten sogenannten sprechmotorischen Bewegungsmuster zu verändern. Wichtige Bestandteile einer Therapie sind Artikulations-, Atem- und Wahrnehmungsübungen. Auch Tonaufnahmen helfen, das eigene Sprechen besser zu beurteilen. Ebenso das Spiegelbild: Es unterstützt die Patienten, neue Sprechmuster besser zu erlernen und zu kontrollieren.

Manchmal fehlen die Worte

Der Weg vom Gedanken bis zum ­gesprochenen Satz kann an vielen Stellen Probleme bereiten. "Sprechen ist ein komplexes Geschehen, das hochautomatisiert abläuft", erklärt Utikal. Kommt es zum Beispiel zu Wortfindungsstörungen, Schwierigkeiten beim Bilden von Sätzen oder zum Verlust von Sprache, liegt der Ursprung meist im Gehirn. Erkrankungen wie ein Schlaganfall, ein Hirntumor oder Demenz können der Grund sein.

"Die Patienten wissen genau, was sie sagen wollen, können es aber nicht mehr so artikulieren, dass man sie gut verstehen kann", berichtet Utikal. Dann arbeiten Logopäden mit Ergo- oder Physiotherapeuten zusammen. Auch bei Krankheiten des Nervensystems wie Multipler Skle­ro­se oder Parkinson wird versucht, den Einfluss auf das Sprechen so zu steuern, dass die Teilnahme am sozialen Leben so lange wie möglich aufrechterhalten bleibt. Utikal: "Ziel ist, die Lebensqualität zu verbessern."

Eigenkontrolle im Spiegel: Logopäden arbeiten oft auf diese Weise

Eigenkontrolle im Spiegel: Logopäden arbeiten oft auf diese Weise

Aber nicht nur die Artikulation, sondern auch der Redefluss kann gestört sein. "Wenn zum Beispiel jemand sehr schnell in unregelmäßig schwankendem Tempo spricht, dabei Silben oder Laute auslässt oder miteinander verbindet, spricht man von einer Poltersymptomatik", erklärt Professorin ­Annerose Keilmann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie.

Unkontrollierbarer Redefluss

Polternde merken häufig nicht, wann man sie schwer versteht. Sie können ihr Sprechen oft nur für kurze Zeit kontrollieren. In einer Therapie lernen sie, das zu beobachten und die Geschwindigkeit besser anzupassen.

Stottern zählt ebenfalls zu den Rede­flussstörungen. "Extrem selten beginnt es erst im Erwachsenenalter", sagt Keilmann. Neben einer genetischen Veranlagung kann die Ursache auch im Kleinkindalter liegen. Wenn Kinder das Sprechen lernen, formuliert der Kopf oft schneller, als der Mund die Worte bilden kann. Das Sprechen gerät ins Stocken.

Fast alle Kinder durchleben diese Phase, aber in manchen Fällen halten sich die Sprechblockaden. Beim Stottern werden Silben, Wörter oder Laute mehrmals wiederholt, verlängert und kommen schließlich mit großer Anstrengung über die Lippen.

"In dem Moment gestikulieren Stotterer oft, bewegen die Beine oder massieren ihren Arm. Der Gesichtsausdruck kann sich dabei verändern", so Keilmann. Weil viele Gesprächspartner dann irritiert reagieren, kann ein Teufelskreis entstehen. Sprechhemmungen werden noch stärker.

Unterschiedliche Therapieansätze

Es gibt unterschiedliche Therapieansätze, etwa das Stottern kontrolliert zu stoppen, wenn es auftritt. Auch Entspannungsübungen haben sich bewährt. Laut der Behandlungsleitlinie ist aber am wirksamsten, mithilfe einer neuen Sprechtechnik die Aussprache zu verlangsamen und die Sprechmelodie zu verändern. Die Methode nennt sich "Fluency Shaping". Anfangs klingt es eher wie Singsang. "Denn viele Stotterer können problemlos singen", sagt Keilmann.

Es empfiehlt sich eine mehrwöchige stationäre Intensivtherapie wie im Stimmheilzentrum Bad Rappenau. Dort ist Keilmann Chefärztin: "Die ­­Ursache von Stottern lässt sich nicht beheben." Der innere Druck der Patienten schon.

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