{{suggest}}


Jetzt mal langsam: Slow Sex

Sex sollte Spaß machen. Wenn es schlecht läuft, macht er Stress. Beim Slow Sex steht der Genuss im Fokus. Das geht auch beim Quickie

von Dr. Nicole Lauscher, 15.04.2019
Slower Sex

Sinnliche Begegnung: Anhänger von Slow Sex versuchen, ganz im Hier und Jetzt zu sein


Wir haben viel vor. Hetzen morgens gestylt zur Arbeit, machen einen guten Job, kochen abends für Freunde oder Kinder ein Instagram-taugliches Essen, und zweimal die Woche geht's zum Yoga oder in die Gym – und manchmal zum Feiern. Sex spielt natürlich auch eine Rolle: Wir lesen "50 Shades of Grey" oder schauen "Nymphomaniac" an.

Laut Statistiken immer weniger Sex

Aber selber machen? Nicht unbedingt. Studien belegen, dass wir heute deutlich seltener miteinander schlafen als früher. Anscheinend steht der Sex relativ weit unten auf der To-do-Liste für ein gelungenes Leben. Forscher der Universität San Diego entdeckten, dass US-amerikanische Erwachsene in den Neunzigerjahren noch 60 bis 65 Mal im Jahr miteinander schliefen, heute aber nur noch 53 Mal – also etwa einmal pro Woche. Tendenz: sinkend. In Deutschland ist es ähnlich. Eine Untersuchung der Universität Leipzig zeigte, dass 2016 nur 67 Prozent der Deutschen überhaupt sexuell aktiv waren. 2005 waren es immerhin noch fast 74 Prozent.

Das liegt nicht am demografischen Wandel. Denn es sind nicht nur Greise, die keusch leben, vor allem Junge sind sexlos: Knapp 20 Prozent der Befragten zwischen 18 und 30 Jahren gaben an, dass sie im Vorjahr nicht mit einem anderen Menschen Sex hatten – kein einziges Mal. Sie haben einfach keine Lust mehr. Oder wie die Forscher es beschreiben: Es gibt einen "Rückgang der Häufigkeit und der Intensität sexuellen Verlangens".

Auch Männer haben keine Lust mehr

Lange galt Lustlosigkeit als Frauensache – Studien der letzten 30 Jahre nennen sie als häufigstes weibliches Sexproblem. Aber längst ist auch den Männern die Libido vergangen: Fast 35 Prozent der 18- bis 40-Jährigen haben nur manchmal oder selten Bock, so die Leipziger Umfrage.

Und, wie es aussieht, sind es nicht die Machos, die die Lust verlieren, sondern die emanzipierten Männer: Eine Studie im American Sociological Review zeigt, dass Paare dann besonders wenig Sex haben, wenn sie sich jede Hausarbeit teilen – also beide die Wäsche und den Abwasch erledigen.

Das muss nicht unbedingt schlecht sein, findet die Ärztin und Sexualtherapeutin Dr. Elia Bragagna, die diese modernen Männer als "emotional kompetent" bezeichnet: "Sexuelle Lustlosigkeit ist erst ein Problem, wenn einer der Partner ein Problem damit hat." Allerdings trifft das relativ häufig zu, wie eine US-Studie mit über 31.000 Teilnehmerinnen ergab. Demnach haben ungefähr 38 Prozent der Befragten gelegentlich oder häufig keine Lust auf Sex, und circa zehn Prozent leiden sehr unter ihrer Lustlosigkeit.

Medien zeigen nicht die Realität

Irgendwie logisch: Man fühlt sich verkehrt, wenn einem die Medien vormachen, dass normale Menschen ständig Lust auf Sex haben, sie sich bei einem selbst aber einfach nicht einstellen mag. Und Sex soll etwas Tolles sein, wild und hemmungslos: Auch das scheint Standard zu sein.

Lustlosigkeit tritt – wenn überhaupt – nur als Nischenthema auf. "Zwar hat das Bild, das die Medien vermitteln, mit der Realtität recht wenig zu tun. Es beeinflusst aber die Vorstellung, die wir im Kopf haben: ¬Performance-Sex statt Genuss", sagt Bragagna.

Achtsam gegen den Druck

"Das erzeugt bei vielen Menschen einen ungeheuren Druck", erklärt Dr. Jörg Signerski-Krieger von der Ambulanz für Sexualmedizin und Sexualtherapie der Uni Göttingen. "Für gelassenen Sex ist das kontraproduktiv." Denn dass man nach einem anstrengenden Tag, an dem man ständig funktionieren und Leistung bringen muss, im Bett einfach mal entspannen will, sei völlig normal.

"Die Art, wie wir leben, ist die Art, wie wir Sex haben: schnell, fokussiert und zielgerichtet", kritisiert auch die Sexualtherapeutin Diana Richardson. So könne man weder Sattheit noch Zufriedenheit erreichen. Sie hat den Begriff "Slow Sex" geprägt und mit ihren Büchern und Videos einen wahren Boom ausgelöst. Angelehnt an den Begriff "Slow Food" geht es auch hier darum zu genießen, statt zu schlingen – sonst könne man weder satt noch zufrieden werden.

Bewusst genießen

Die Idee hinter dem Konzept ist nicht neu: "Die Vorstellung, dass Sex genussvoll und bewusst ist, sozusagen eine achtsame Kommunikation, kommt aus dem Neotantrismus und wurde schon in den 1970ern beschrieben", sagt Signerski-Krieger. Allerdings ist das Bedürfnis danach heute so aktuell wie nie. Der Druck muss weg. Entsprechend verspricht Slow Sex auch kein Feuerwerk.

"Es geht nicht um Orgasmus, sondern um Oxytocin, das Bindungshormon, das wir beim Sex ausschütten", so der Sexforscher. Der Vorstellung, dass Slow Sex lange dauern müsse, widerspricht er: "Wer denkt, dass er jetzt drei Stunden intim sein muss, fühlt sich doch nur wieder unter Druck gesetzt!" Vielmehr gehe es darum, im Hier und Jetzt zu sein. "Auch ein Quickie kann achtsam sein, wenn ich voll und ganz bei der Sache bin. Selbst ein Kuss in den Nacken. Und genauso meine Kommunikation. Wenn ich sage: ‚Schön, dass du da bist. Danke!‘ und es genauso meine und fühle."

Kontakt ist der Schlüssel

Kommunikation sieht auch Bragagna als wesentliches Element für guten Sex. Und damit meint sie nicht, dass man sich Tiernamen ins Ohr raunt. "Wenn man abgehetzt aus der Arbeit kommt, das Abendessen zubereitet, die Kinder ins Bett bringt, Nachrichten schaut und schließlich ins Bett fällt – dann hat man den ganzen Tag nebeneinanderher gelebt und nicht miteinander kommuniziert. Wie soll man dann Lust aufeinander haben?", fragt sie.

Vor dem Vorspiel müsse ein Vor-Vorspiel stattfinden, ein Zueinanderkommen. Und das beginne im Alltag, nicht erst im Bett. Bei Frischverliebten funktioniert es noch automatisch. Sie haben ständig Kontakt: denken aneinander, schreiben sich SMS, telefonieren. Da ist es leicht, übereinander herzufallen, sobald man sich sieht. Aber auch in längeren Partnerschaften braucht man diesen Kontakt, damit es mit der sexuellen Nähe klappt.

Auch an sich selbst denken

Außerdem ist man am Anfang einer Beziehung extrem neugierig auf den Partner, will alles wissen. Es sei vollkommen normal, dass diese Neugierde mit der Zeit abnimmt, so Bragagna. "Paare, die sich das Geheimnisvolle bewahren wollen, tun das nicht, indem sie alles gemeinsam machen und nur noch ein Wir statt zwei Ich sind." Vielleicht ist das der Grund, warum gerade diese Paare, die sich alle Arbeit teilen, so selten Sex haben.

"Bei erfülltem Sex geht es nicht nur um den Partner – man muss auch an sich selbst denken", sagt Signerski-Krieger. Und hier liegt ein weiteres Problem, warum viele keine Lust auf Sex haben: "Neben dieser von den Medien übergestülpten, eher pornografischen Idee haben viele Frauen keine genaue Vorstellung, was sie in Sachen Sex tatsächlich glücklich macht", erklärt Bragagna: "Sie wissen zwar ziemlich genau, was sie nicht wollen, aber nicht, was sie wollen."

Sex ist wie Essen

Denn trotz aller Emanzipation sei das sexuelle Experimentieren – ob allein oder mit Partnern – immer noch eher ein Männerding, kritisiert die Therapeutin. "Beim Essen lernen wir mit der Zeit durch Probieren, was uns schmeckt und was nicht. Das gleiche gilt für die sexuelle Erfahrung."

Sich einmal durch alle Spielarten testen müsse man aber nicht, beruhigt Experte Signerski-Krieger: "Es ist wie mit der Speisekarte im Restaurant: Man schaut sich die Zutaten an und stellt sich den Geschmack des Gerichts vor. Speisen, die einen ansprechen, probiert man aus. Was man eklig findet, lässt man."